{"id":922,"date":"2012-03-07T10:50:29","date_gmt":"2012-03-07T08:50:29","guid":{"rendered":"http:\/\/allover-magazin.com\/?p=922"},"modified":"2019-01-17T17:06:36","modified_gmt":"2019-01-17T15:06:36","slug":"i-have-no-idea-what-art-is","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/allover-magazin.com\/?p=922","title":{"rendered":"\u201eI have no idea, what art is!\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Carolyn Christov-Bakargiev, die Leiterin der im kommenden Sommer stattfindenden dOCUMENTA (13), spricht dieser Tage viel \u00fcber das anstehende Ausstellungsprojekt. Sie spricht \u00fcber Hunde, ihre Reisen zu Freundinnen und Freunden und \u00fcber altr\u00f6mische Philosophen. Und es scheint fast so, als spr\u00e4che sie ungern \u00fcber Kunst oder \u00fcber das Konzept ihrer documenta \u2013 wie auch immer dieses geartet sein wird. In verschiedenen Vortr\u00e4gen und Interviews konstatierte Carolyn Christov-Bakargiev schlie\u00dflich fast provozierend, dass sie nicht w\u00fcsste, was Kunst sei. Diese Aussage sollte aber nicht vorschnell als naiv missverstanden werden, sondern ist von einem Skeptizismus beeinflusst, der die Konzeption der dOCUMENTA (13) entscheidend pr\u00e4gen wird.<\/p>\n<p>Dass eine philosophische Position den Hintergrund f\u00fcr eine Ausstellung liefert, ist sicher nicht ungew\u00f6hnlich und dass das vermeintlich autonome Kunstwerk als Zentrum eine enorme Bandbreite an Peripherien hat, ist unbestritten: Kunstkritik, Kunstvermittlung, Kunstphilosophie und der Kunstmarkt sind Teil des Systems Kunstwelt. Wirft man einen Blick auf weitere mit der dOCUMENTA (13) assoziierte Wissensfelder, kann sich durchaus Verwunderung einstellen: Die Teilnehmenden der Kunstausstellung in Kassel sind laut der Homepage Agenten \/ Agentinnen, Aktivisten \/ Aktivistinnen, Anthropologen \/ Anthropologinnen, Arch\u00e4ologen \/ Arch\u00e4ologinnen, Biologen \/ Biologinnen, Choreographen \/ Choreographinnen, Dichter \/ Dichterinnen, Feministen \/ Feministinnen, Filmemacher \/ Filmemacherinnen, Historiker \/ Historikerinnen, Hypnotherapeuten \/ Hypnotherapeutinnen, Kritiker \/ Kritikerinnen, Kulturtheoretiker \/ Kulturtheoretikerinnen, K\u00fcnstler \/ K\u00fcnstlerinnen, Kunstwissenschaftler \/ Kunstwissenschaftlerinnen, Kuratoren \/ Kuratorinnen, Lehrer \/ Lehrerinnen, Philosophen \/ Philosophinnen, Physiker \/ Physikerinnen, Schriftsteller \/ Schriftstellerinnen, T\u00e4nzer \/ T\u00e4nzerinnen, \u00dcbersetzer \/ \u00dcbersetzerinnen, Umweltsch\u00fctzer \/ Umweltsch\u00fctzerinnen, Wissenschaftler \/ Wissenschaftlerinnen, sowie Zoologen und Zoologinnen.<a title=\"\" href=\"#edn1\">[1]<\/a> Die genuin Kunstschaffenden sind hier nur eine Gruppierung unter vielen, im Ank\u00fcndigungstext f\u00fcr den Katalog wird ihnen lediglich zugedacht, die anderen Beitr\u00e4ge zu \u201ebereichern\u201c.<a title=\"\" href=\"#edn2\">[2]<\/a> Handelt es sich bei der dOCUMENTA (13) wirklich noch um eine Kunstausstellung oder r\u00fccken bisher periphere Themen in ihren Mittelpunkt?<\/p>\n<p>In Bezug auf Zentrum und Peripherie stellt Marius Babias in seinem Sammelband zur Kunstvermittlung eine bemerkenswerte Behauptung auf: \u201eDie Peripherie beginnt das Zentrum \u2013 die autonome k\u00fcnstlerische Behauptung \u2013 auszuh\u00f6hlen. Kunst entsteht heute in dem Bewusstsein, dass sie auf ein Fachpublikum und eine Kennerschaft hin produziert und in einer gleichbleibenden Hierarchie rezipiert wird.\u201c<a title=\"\" href=\"#edn3\">[3]<\/a> Die daraus resultierende Ratlosigkeit bei einem Gro\u00dfteil der Besucherinnen und Besucher hat zur Folge, dass Peripherien f\u00fcr viele einen zentraleren Stellenwert einnehmen k\u00f6nnen als das Kunstwerk selbst. Dies beginnt bei der vermeintlichen Pflichtlekt\u00fcre von Katalogtexten, geht \u00fcber die Angebote der Museumsp\u00e4dagogik bis hin zur k\u00fcnstlerischen Kunstvermittlung. Durch letztere k\u00f6nnten sogar verschiedene Gegen\u00f6ffentlichkeiten geschaffen werden, die sich mehr oder minder stark von der institutionellen Verankerung des Feldes Kunst abgrenzen.<\/p>\n<p>Diese Entwicklung selbst l\u00e4sst sich aber kaum als peripher, also randst\u00e4ndig, bezeichnen und ist deutlich an den Kunst-Gro\u00dfausstellungen um die Jahrtausendwende, insbesondere den documenta-Ausstellungen 10 bis 12, und deren Standpunkten zu den Polen Zentrum und Peripherie abzulesen. Oliver Marchart beschreibt die Positionen dieser Ausstellungen als Grabenk\u00e4mpfe zwischen Politisierung und \u00c4sthetisierung \u2013 dem Au\u00dfen und Innen der Kunst.<a title=\"\" href=\"#edn4\">[4]<\/a> Die dOCUMENTA (13) scheint nun bevorzugt Randbereiche der Kunstwelt, das Au\u00dfen der Kunst in den Fokus zu nehmen. H\u00f6hlt die Peripherie damit das Zentrum endg\u00fcltig aus?<\/p>\n<p>Um sich der Antwort auf diese Frage anzun\u00e4hern, muss auf die Entwicklung der Ausstellungsreihe in den letzten zwei Jahrzehnten eingegangen werden: Nachdem Jan Hoet die eigene k\u00f6rperliche Erfahrung als Leitidee seiner vermeintlich konzeptfreien documenta IX (1992) postuliert hat, gelang es Catherine David mit der documenta X (1997), eine gewisse Politisierung von Kunst- und Ausstellungspraxen im Zentrum des Kunstfeldes zu erm\u00f6glichen, wie sie sich an der Peripherie des Kunstfeldes durchaus bereits seit L\u00e4ngerem vollzog.<a title=\"\" href=\"#edn5\">[5]<\/a> Die Stadt Kassel wurde in Form eines Parcours in die documenta miteinbezogen und fungierte als Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr eine Bandbreite zun\u00e4chst kunstferner Themen wie zum Beispiel \u201eWeltkapitalismus\u201c, \u201eEigentlichkeit\u201c, \u201eVernetzung\u201c oder \u201eExotismus\u201c. Diese Verschiebung zum Politischen ist besonders deutlich am Katalog selbst ablesbar, der unter dem Titel \u201epolitics\/poetics\u201c eher ein Reader postmoderner Theorien als ein Ausstellungskatalog im klassischen Sinne ist. Interessanter Weise stand die Kunstvermittlung, der die Leiterin Catherine David misstrauisch gegen\u00fcberstand, in keiner angemessenen Relation zu diesem theoretischen \u00dcberbau, sodass die Theorien hinter Ausstellung und Katalog trotz ihrer F\u00fclle f\u00fcr viele unzug\u00e4nglich blieben.<a title=\"\" href=\"#edn6\">[6]<\/a> Die Peripherie hatte in diesem Fall das Zentrum m\u00f6glicherweise nicht ausgeh\u00f6hlt, aber es wurde in jedem Fall vers\u00e4umt,\u00a0 den \u00dcberblick auf das Gesamtwerk documenta X zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Die Documenta11 (2002) unter der Leitung von Okwui Enwezor, dem ersten nicht-europ\u00e4ischen Kurator einer documenta, f\u00fchrte den Weg der Politisierung fort und versuchte sich nicht nur in einer theoretischen, sondern auch geografischen Dezentralisierung: Die Ausstellung in Kassel war nur eine von f\u00fcnf Plattformen, die gemeinsam die Documenta11 bildeten. Die Plattformen 1-4 fanden als Tagungen in Berlin, Neu Delhi, St. Lucia und Lagos statt. Dort wurden allerdings nicht wie in Kassel k\u00fcnstlerische Arbeiten ausgestellt, sondern in verschiedenen Diskussionsrunden Themen wie \u201eCreolite und Creolisierung\u201c oder \u201eExperimente mit der Wahrheit\u201c abgehalten. Die Kunstvermittlerinnen und Kunstvermittler, die sich also auch mit Themen des Postkolonialismus, Orientalismus und der Institutionskritik auseinandersetzen mussten, bildeten die inoffizielle \u201ePlattform 6\u201c, und waren nach ihrer Schulung sicherlich in der Lage, die verschiedenen Peripherien ebenso wie die vielf\u00e4ltigen Kunstwerke der Ausstellung mit den Besucherinnen und Besuchern zu diskutieren.<a title=\"\" href=\"#edn7\">[7]<\/a> Es sollte allerdings hinterfragt werden, ob es nicht zwei verschiedene documenta-Ausstellungen im Jahre 2002 gab: Die ideale Konzeption einer dezentralisierten Kunstausstellung \u2013 die nur ein peripherer Aspekt unter anderen sein konnte \u2013 auf der einen Seite und andererseits eine klassische und klassisch rezipierte Kunstausstellung, deren Theoriegehalt in der Wahrnehmung des Publikums an den Rand gedr\u00e4ngt wurde. Hier zeigt sich, wie schwierig es den Bem\u00fchungen der institutionskritischen Peripherie mitunter f\u00e4llt, gegen hegemoniale Wahrnehmungsformen anzugehen. Das Kunstwerk und seine eurozentristische Rezeption lie\u00df sich selbst durch den anerkannten Machtapparat \u201edocumenta\u201c weder aush\u00f6hlen noch verschieben. Dies h\u00e4tte nach Oliver Marchart funktionieren k\u00f6nnen, wenn Okwui Enwezor die Ausstellung h\u00e4tte ausfallen lassen und somit seine Dezentralisierung absolut umgesetzt h\u00e4tte \u2013 doch damit h\u00e4tte man sich gleichzeitig des Apparates beraubt, der diese radikale Nicht-Ausstellung publik machen k\u00f6nnte.<a title=\"\" href=\"#edn8\">[8]<\/a><\/p>\n<p>Im Jahre 2007 lie\u00df sich mit der documenta 12 eine deutliche Gegenbewegung beobachten, die als Rezentrierung und Re-Kasselisierung bezeichnet werden kann: Der theoretische \u00dcberbau wurde zugunsten einer \u00c4sthetisierung entscheidend geschm\u00e4lert.<a title=\"\" href=\"#edn9\">[9]<\/a> Das Kuratorenteam Ruth Noack und Roger Buergel l\u00f6ste mit dem Konzept der Migration der Form die Werke aus ihren tradierten Kontexten und setzte sie in neue, provisorische Zusammenh\u00e4nge. Erl\u00e4uternde Beschriftungen der Werke in der Ausstellung waren selten und auch der Katalog bietet wenig mehr als die Basisinformationen zu den K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstlern. Diese Konzentration auf das autonome Kunstwerk als Zentrum sollte den Rezipierenden erm\u00f6glichen, sich die Arbeiten aus einer \u00e4sthetischen Argumentation heraus zu erschlie\u00dfen und nicht durch ein wie auch immer geartetes Metawissen. Damit einher ging auch ein besonderer Fokus auf die Vermittlungsprogramme, welcher sich insbesondere in einer umfangreichen Begleitforschung unter der Leitung von Carmen M\u00f6rsch abzeichnet.<a title=\"\" href=\"#edn10\">[10]<\/a><\/p>\n<p>R\u00fcckblickend scheint es, als h\u00e4tte die documenta 12 durch ihren Fokus auf das Werk einem Gro\u00dfteil der Besucherinnen und Besucher mehr Zugang erm\u00f6glicht als die beiden vorherigen Ausstellungen, dennoch wurde das Konzept von Roger Buergel und Ruth Noack von der Fachpresse gr\u00f6\u00dftenteils kritisch beurteilt, da es die Komplexit\u00e4t der Einzelwerke und der (Kunst-)Welt im Allgemeinen zu stark vereinfache.<\/p>\n<p>Insbesondere Oliver Marchart ist in seiner Kritik an der documenta 12 recht hart und schie\u00dft meines Erachtens in seiner Beurteilung mehrfach \u00fcber das Ziel hinaus. Dennoch zieht er aber mit Blick auf die Vermittlung ein treffendes Res\u00fcmee: Die Kunstvermittlung der documenta 12 konnte noch so ambitioniert sein, emanzipatorische, dekonstruktivistische und transformative Vermittlungsformate zu entwickeln \u2013 da die Ausstellung als solche keine emanzipatorische war, mussten die Vermittlerinnen und Vermittler an ihrer Aufgabe scheitern, oder zumindest auf halbem Wege innehalten.<a title=\"\" href=\"#edn11\">[11]<\/a> Oder um es mit den Worten der Ausgangsfrage zu formulieren: M\u00f6glicherweise ist das Zentrum ohne seine Peripherien zu leer, um wirklich autonom zu bestehen.<\/p>\n<p>Trotz aller und zum Teil sicherlich berechtigter Kritik an der documenta 12 sollte allerdings nicht \u00fcbersehen werden, dass sie etwas geleistet hat, was die Jahre zuvor weniger gut gelungen ist: Das Publikum \u2013 welches sich nicht nur aus Expertinnen und Experten zusammensetzt \u2013 hatte mit der Migration der Form einen Zugangsschl\u00fcssel, mit dem die Ausstellung und die Einzelwerke selbstst\u00e4ndig bis zu einem gewissen Grade erschlossen werden konnten.<\/p>\n<p>Damit ist mit Blick auf die Kunstvermittlung eine entscheidende Herausforderung f\u00fcr die zuk\u00fcnftige documenta formuliert: Ist es m\u00f6glich, eine Ausstellung zu konzipieren, die sowohl dem Kunstwerk als auch seinen Peripherien gerecht wird und gleichzeitig entsprechende Zug\u00e4nge f\u00fcr alle Interessierten bereith\u00e4lt?<\/p>\n<p>Die im n\u00e4chsten Sommer stattfindende 13. Ausgabe der documenta scheint nun die vermeintlichen Randbereiche der Kunstwelt wieder verst\u00e4rkt in den Fokus zu nehmen. Und dennoch lassen sich die Peripherien, mit denen sich Carolyn Christov-Bakargiev besch\u00e4ftigt, nur bedingt mit denen von Catherine David oder Okwui Enwezor vergleichen: Schlagw\u00f6rter wie \u201eHunde\u201c oder \u201eSteine\u201c, wie sie bereits in der Navigation der dOCUMENTA (13) Homepage zu finden sind, sucht man bei diesen vergeblich. Und was hat das \u00fcberhaupt noch mit dem Zentrum \u2013 der Kunst \u2013 zu tun? Um diese Frage zu beantworten, muss ein erneuter Blick auf eben dieses Zentrum geworfen werden: Mit welchen Kunstbegriff geht Carolyn Christov-Bakargiev an ihre Aufgabe als Leiterin der documenta heran?<\/p>\n<p>Ihre Behauptung, nicht zu wissen, was Kunst sei, gr\u00fcndet sich wohl kaum auf einem Informationsmangel, sondern eher auf einer Pluralit\u00e4t von Kunstbegriffen, die sich laut Christov-Bakargiev auf keinen gemeinsamen Nenner bringen lassen. Deshalb wird sie wohl keine einfache Antwort geben, sondern eine Strategie der Skepsis w\u00e4hlen. Diese entwickelt sie auf Grundlage des Philosophen Sextus Empiricus, der in seiner Schrift <em>Grundz\u00fcge der pyrrhonischen Skepsis<\/em>, auf die bereits auf mannigfaltige Art und Weise von Carolyn Christov-Bakargiev verwiesen wurde, zehn Gr\u00fcnde anf\u00fchrt, warum wir unserer Wahrnehmung kritisch gegen\u00fcber stehen sollten.<\/p>\n<p>Als ersten Grund f\u00fchrt Sextus Empiricus die Problematik an, dass es f\u00fcr den Menschen nicht m\u00f6glich sei, die Welt auf die gleiche Art wie Nicht-Menschen \u2013 also zum Beispiel die bereits mehrfach erw\u00e4hnten Hunde \u2013 wahrzunehmen. Somit k\u00f6nnen auch keine Urteile \u00fcber diese anderen Wahrnehmungsweisen gef\u00e4llt werden: Sie bleiben uns unbekannt.<a title=\"\" href=\"#edn12\">[12]<\/a> Weitere Gr\u00fcnde f\u00fcr Unentscheidbarkeiten sind die kulturellen Differenzen zwischen verschiedenen V\u00f6lkern oder die Entwicklung von verschiedenen Wahrheiten \u00fcber die Zeit hinweg. Sextus Empiricus behauptet nicht, dass es keine Wahrheiten gibt, sondern dass es uns als Menschen nicht m\u00f6glich ist, diese ohne Weiteres durch Wahrnehmung zu erkennen. Wir verbleiben in der Rolle der Suchenden.<\/p>\n<p>Gleiches gilt nach Carolyn Christov-Bakargiev f\u00fcr den Begriff\u00a0 Kunst: Jeder Kunstschaffende hat ein anderes Verst\u00e4ndnis davon, was Kunst ist. Aber radikaler: Wie kann behauptet werden, dass die Arbeit aus den Gebieten der Physik, der Arch\u00e4ologie oder der \u00dcbersetzung (vgl. Liste der Teilnehmenden) keine Kunst ist? Und Carolyn Christov-Bakargiev geht noch weiter: K\u00f6nnte man die Tomate, die immerhin von der Tomatenpflanze hervorgebracht wurde, als Kunst betrachten?<a title=\"\" href=\"#edn13\">[13]<\/a><\/p>\n<p>Ob diesen Sommer tats\u00e4chlich Tomaten im Fridericianum zu sehen sein werden, wird sich zeigen \u2013 aber es l\u00e4sst sich bereits jetzt absehen, dass die dOCUMENTA (13) im Vergleich zu den anderen besprochenen Ausstellungen in mehreren Bereichen zwischen den Polen von Peripherie und Zentrum stehen wird: Dies gilt nicht nur f\u00fcr den Kunstbegriff, sondern auch f\u00fcr die (geografische) Verortung und insbesondere die Kunstvermittlung.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie die Konzepte von Catherine David und Okwui Enwezor zieht auch die kommende documenta etliche Peripherien zu den Kunstwerken hinzu, es scheint sogar, als w\u00fcrden diese \u00fcberwiegen. Gleichzeitig \u00f6ffnet Christov-Bakargiev durch ihren skeptischen Kunstbegriff das Zentrum derma\u00dfen, dass ann\u00e4hernd jedes Produkt, Konzept und jeder Prozess der dOCUMENTA (13) als autonomes Kunstwerk verstanden werden k\u00f6nnte. Folgt man diesem Verst\u00e4ndnis, m\u00fcsste es m\u00f6glich sein, all diese Dinge auch \u00e4sthetisch zu erfahren, wodurch Peripherie und Zentrum im Aspekt des Kunstbegriffs ann\u00e4hernd zusammen fallen.<\/p>\n<p>Die Kunstschaffenden und Kunstwerke, die bereits im Vorfeld bekannt gemacht wurden, lassen erahnen, dass die dOCUMENTA (13) bem\u00fcht ist, keine eurozentristische Ausstellung zu werden und anhand der Handlungs- und Ausstellungsorte \u2013 zum Beispiel Kabul oder das Banff Centre, Calgary \u2013 zeigt sich eine auch geografische Dezentralisierung. Gleichzeitig wird erneut eine Re-Kasselisierung forciert: Die Stadt Kassel und ihre B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger sollen stark in die Ausstellung eingebunden werden beziehungsweise die Ausstellung soll sich verst\u00e4rkt mit Kassel verbinden. Dabei werden allerdings die Pole gewahrt: Kassel bleibt Kassel, andere Orte woanders. Es herrscht keine Gleichheit, aber es l\u00e4sst sich eine gewisse Vergleichbarkeit feststellen, wie sie zum Beispiel die k\u00fcnstlerische Arbeit von Mariam Ghani deutlich macht, die die Ruinen aus Kabul im Jahre 2011 denen aus Kassel von 1943 gegen\u00fcberstellt.<a title=\"\" href=\"#edn14\">[14]<\/a> Geografische und inhaltliche Peripherien und das Zentrum wahren also ihre Position, allerdings wird Kassel zu einem m\u00f6glichen Zentrum unter vielen.<\/p>\n<p>Es ist zu erwarten, dass ein Gro\u00dfteil des Publikums in Konfrontation mit Christov-Bakargievs radikal skeptischem Kunstbegriff und der Bandbreite an Themen \u00e4hnlich ins Straucheln ger\u00e4t wie bereits bei den vorhergegangenen documenta-Ausstellungen und die Angebote der Kunstvermittlung gro\u00dfen Zuspruch finden werden. Und wieder trifft man auf einen Terminus der Ungewissheit: Vielleicht Vermittlung!<\/p>\n<p>Carolyn Christov-Bakargiev scheint der klassischen Kunstvermittlung ebenso zu misstrauen wie Catherine David, aber ist sich wohl im Klaren dar\u00fcber, dass ihre documenta sie ben\u00f6tigt, um nicht unter der Last der eigenen Anforderungen zusammenzubrechen. Sie spricht davon, dass sie das Vielleicht gerne hinter sich lassen m\u00f6chte, aber noch nicht wei\u00df, wie sich die Kunstwerke und die Ausstellung angemessen vermitteln lassen werden \u2013 auch hier zeigt sie sich als Skeptikerin.<a title=\"\" href=\"#edn15\">[15]<\/a> Eines allerdings macht sie ganz deutlich: Die Kunstvermittlung der dOCUMENTA (13) hat die Aufgabe, nicht blo\u00df durch die Ausstellung zu f\u00fchren, sondern zu emanzipieren.<a title=\"\" href=\"#edn16\">[16]<\/a> Das ist sicherlich nicht nur im Hinblick auf die assoziierten Themenfelder eine Herausforderung f\u00fcr die so genannten Worldly Companions! Diese soll dadurch gemeistert werden, dass die Vermittelnden eine \u00e4hnliche Bandbreite wie die k\u00fcnstlerisch Teilnehmenden abdecken, aber auch eine pers\u00f6nliche Verbindung zu Kassel haben und somit selbst den Freiraum zwischen Peripherie und Zentrum \u00fcberbr\u00fccken sollen.<a title=\"\" href=\"#edn17\">[17]<\/a> Die dOCUMENTA (13) geht also gewisserma\u00dfen einen Umweg zur Kunst, was auch bereits durch den Namen der F\u00fchrungen angedeutet wird: dTOUR. Das kleingeschriebene d steht einerseits sicherlich f\u00fcr documenta, andererseits wird auf die englische Vokabel detour, also Umweg verwiesen. Und vielleicht (!) schaffen es diese Vermittelnden tats\u00e4chlich, einen Zugangsschl\u00fcssel zur Verf\u00fcgung zu stellen ohne das Gezeigte zu trivialisieren und somit die Besucherinnen und Besucher so weit zu emanzipieren, dass all diese Peripherien sich in seinem Zentrum verorten lassen.<\/p>\n<div style=\"font-size: 0.8em;\">\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<p><a id=\"edn1\">[1]<\/a> Navigation der Unterseite Teilnehmer auf der dOCUMENTA (13) Homepage. URL: http:\/\/d13.documenta.de\/de\/#de\/teilnehmer\/ [30.10.2011].<br \/>\n<a id=\"edn2\">[2]<\/a> Ank\u00fcndigungstext f\u00fcr den Katalog der dOCUMENTA (13). URL: http:\/\/d13.documenta.de\/de\/#de\/publications\/ [30.10.2011].<br \/>\n<a id=\"edn3\">[3]<\/a> Marius Babias, Im Zentrum der Peripherie. Kunstvermittlung und Vermittlungskunst in den 90er Jahren, Dresden 1995, S. 9.<br \/>\n<a id=\"edn4\">[4]<\/a> Oliver Marchart, Hegemonie im Kunstfeld. Die documenta-Ausstellungen dX, D11, d12 und die Politik der Biennalisierung, K\u00f6ln 2008, S. 10.<br \/>\n<a id=\"edn5\">[5]<\/a> Marchart 2008, S. 27.<br \/>\n<a id=\"edn6\">[6]<\/a> Hubert Sowa, Agonale Betrachtung. Zur Ph\u00e4nomenologie und Hermeneutik der Ausstellungssituation, in: Materialien zur documenta X. Ein Reader f\u00fcr Unterricht und Studium, Ostfildern-Ruit 1997, S. 57.<br \/>\n<a id=\"edn7\">[7]<\/a> Marchart 2008, S. 77.<br \/>\n<a id=\"edn8\">[8]<\/a> Marchart 2008, S. 60 ff.<br \/>\n<a id=\"edn9\">[9]<\/a> Marchart 2008, S. 75.<br \/>\n<a id=\"edn10\">[10]<\/a> Vgl. Carmen M\u00f6rsch, Kunstvermittlung. Zwischen kritischer Praxis und Dienstleistung auf der documenta 12, Ergebnisse eines Forschungsprojekts, Z\u00fcrich\/Berlin 2009.<br \/>\n<a id=\"edn11\">[11]<\/a> Marchart 2008, S. 81.<br \/>\n<a id=\"edn12\">[12]<\/a> Sextus Empiricus, Grundz\u00fcge der pyrrhonischen Skepsis, Frankfurt am Main 2008, S. 110.<br \/>\n<a id=\"edn13\">[13]<\/a> Vortrag und Workshop von Carolyn Christov-Bakargiev in der Kunstakademie M\u00fcnster am 18.10.2011.<br \/>\n<a id=\"edn14\">[14]<\/a> Vgl. Mariam Ghani, Dar ul-Aman 2010 \/ Fridericianum 1943. URL: http:\/\/www.kabul-reconstructions.net\/mariam\/correspondences\/Correspondences\/ [30.10.2011]<br \/>\n<a id=\"edn15\">[15]<\/a> Vortrag und Workshop von Carolyn Christov-Bakargiev in der Kunstakademie M\u00fcnster am 18.10.2011.<br \/>\n<a id=\"edn16\">[16]<\/a> Carolyn Christov-Bakargiev im Gespr\u00e4ch mit Hanno Rauterberg, Kassel ist Australien, in: Die Zeit, 2. Juli 2009, Nr. 28.<br \/>\n<a id=\"edn17\">[17]<\/a> Vgl. Offene Ausschreibung zum Wordly Companion auf der Homepage der dOCUMENTA (13). URL: http:\/\/d13.documenta.de\/de\/#de\/arbeiten\/offene-ausschreibung\/ [30.10.2011]<\/p>\n<p><strong>Quellennachweis:<\/strong> Tim Pickartz, \u201eI have no idea, what art is!\u201c Die dOCUMENTA (13) zwischen Peripherie und Zentrum, in:\u00a0ALL-OVER, Nr. 2, M\u00e4rz 2012. URL:\u00a0http:\/\/allover-magazin.com\/?p=922.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Carolyn Christov-Bakargiev, die Leiterin der im kommenden Sommer stattfindenden dOCUMENTA (13), spricht dieser Tage viel \u00fcber das anstehende Ausstellungsprojekt. Sie spricht \u00fcber Hunde, ihre Reisen zu Freundinnen und Freunden und \u00fcber altr\u00f6mische Philosophen. 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