{"id":914,"date":"2012-03-07T10:48:44","date_gmt":"2012-03-07T08:48:44","guid":{"rendered":"http:\/\/allover-magazin.com\/?p=914"},"modified":"2019-01-17T17:06:09","modified_gmt":"2019-01-17T15:06:09","slug":"das-haus-werk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/allover-magazin.com\/?p=914","title":{"rendered":"Das Haus-Werk"},"content":{"rendered":"<p style=\"padding-left: 30px;\">\u201eEine Funktion bestimmt ein Haus, im Unterschied zum\u00a0Kunstwerk, das nur so aussieht, wie ein Haus, es muss keine\u00a0Funktion erf\u00fcllen, dadurch wird dieses Haus zu einer Privatangelegenheit des Architekten [&#8230;].\u201c<a title=\"\" href=\"#edn1\">[1]<\/a><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Das Schaulager in Basel erf\u00fcllt seine Funktion, w\u00e4hrend das dazugeh\u00f6rende Gebilde vor der Eingangsseite nur so aussieht wie ein Haus. Aber ist es deshalb schon ein Kunstwerk?<\/p>\n<div id=\"attachment_956\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/allover-magazin.com\/?attachment_id=956\" rel=\"attachment wp-att-956\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-956\" class=\"size-medium wp-image-956\" title=\"Schaulager\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/01-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/01-300x225.jpg 300w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/01.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-956\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 1: Herzog &amp; de Meuron, Schaulager, 1999, Basel, Hofseite des Hauses.<\/p><\/div>\n<p>Das Architekturb\u00fcro Herzog &amp; de Meuron hat den Auftrag zum Bau des Schaulagers angenommen, weil f\u00fcr sie \u201edie Mischung [\u2026] aus Schauplatz und Lager ein interessantes Thema darstellt, weil die Funktion des Museums damit hinterfragt wird.\u201c<a title=\"\" href=\"#edn2\">[2]<\/a> Das Schaulager entstand 1999, es ist ein Kunstlager, in dem die Werke so aufbewahrt werden, dass sie jederzeit einsehbar sind. Gleichzeitig wird ein Viertel der Nutzungsfl\u00e4che f\u00fcr Ausstellungen verwendet. Begonnen bei der institutionellen Idee bestimmt dieses Prinzip der Verschr\u00e4nkung gezielt die Wahl der Lage, der Bauformen, der Materialien und der Strukturierung von Baumaterialien und -teilen. Die Motivierung und Umsetzung dazu wird in der Gesamtschau von Gerhard Mack<a title=\"\" href=\"#edn3\">[3]<\/a> dokumentiert, ohne jedoch das kleine Gebilde zu erw\u00e4hnen, welches in Form eines Hauses vor der Eingangsseite des Hauptbaus steht. (Abb. 1 &amp; 2) Auch von den Architekten selbst scheint dieser Bau am Bau nicht n\u00e4her erl\u00e4utert zu werden. Dabei treffen an dieser Stelle die meisten Assoziationsbilder zusammen, welche in der Presse mannigfaltig interpretiert werden. Im \u00dcbrigen hat sich die Form, die hier eine vergleichsweise wenig vertiefte Funktion erh\u00e4lt, bereits als ein ikonischer Liebling in das Werk der Architekten eingeschrieben. Lediglich genutzt als Eingangstor zum Hauptgeb\u00e4ude ger\u00e4t das Haus unter dem Gewicht der Interpretationsm\u00f6glichkeiten und durch die exponierte Positionierung in ein fragw\u00fcrdiges Licht: Ist dieses Haus am Ende ein Kunstwerk, also eine Skulptur der Architekten vor ihrer Architektur?<\/p>\n<div id=\"attachment_957\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/allover-magazin.com\/?attachment_id=957\" rel=\"attachment wp-att-957\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-957\" class=\"size-medium wp-image-957\" title=\"Schaulager\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/02-300x235.jpg\" alt=\"Schaulager\" width=\"300\" height=\"235\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/02-300x235.jpg 300w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/02.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-957\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 2: Schaulager, Vorderseite.<\/p><\/div>\n<p>Im Spiegel der Lage des Geb\u00e4udepaars manifestiert sich das erste Motiv der Architekten f\u00fcr das Haus. Das Schaulager befindet sich in einem Lagerareal, gelegen am Stadtrand. Vorbereitend daf\u00fcr entstand eine von den Architekten selbst gef\u00fchrte Studie \u00fcber die mittel- und langfristigen Perspektiven des sogenannten Dreispitzareals<a title=\"\" href=\"#edn4\">[4]<\/a>, die unter anderem dazu beitragen sollte, den Ortsteil neu zu bewerten. Die Konfrontation mit dem gegen\u00fcberliegenden Wohngebiet hat sie dabei besonders besch\u00e4ftigt.<a title=\"\" href=\"#edn5\">[5]<\/a> Am Bau selbst wird diese Schnittstelle verk\u00f6rpert, indem der Lagerhaustypus und der Wohnhaustypus ineinander geschoben sind. Der monolithische Hauptbau gleicht in seiner Gr\u00f6\u00dfe und Geschlossenheit den Nachbarbauten des Dreispitzareals, w\u00e4hrend das dazugeh\u00f6rende H\u00e4uschen einen Bezug zur angrenzenden Wohnhausarchitektur herstellt.<\/p>\n<div id=\"attachment_958\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/allover-magazin.com\/?attachment_id=958\" rel=\"attachment wp-att-958\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-958\" class=\"size-medium wp-image-958\" title=\"Schaulager\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/03-300x298.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"298\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/03-300x298.jpg 300w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/03.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-958\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 3: Schaulager, Grundriss, Erdgeschoss.<\/p><\/div>\n<p>Eine besondere Position erh\u00e4lt das Haus nicht nur dadurch, dass es zentral vor dem Hauptbau steht, sondern auch im Kontrast zu dem vergleichsweise verdichteten Grundrissprinzip (Abb. 3). Die polygonale Au\u00dfenkontur spannt eine quadratische Fl\u00e4che auf, deren Ma\u00dfe auf einem orthogonalen Grundriss basieren. Bestimmt ist diese durch die gesetzlich kleinstm\u00f6glichen Ma\u00dfe eines Lagerraumes, wodurch sich nicht nur von au\u00dfen optisch, sondern auch von innen strukturell eine Verschr\u00e4nkung abzeichnet. Demgegen\u00fcber f\u00fcgt sich das Haus in keine rechtwinklige Ordnung, sondern ist schr\u00e4g dazu platziert auf der imagin\u00e4ren Linie zwischen den Au\u00dfenkanten der Eingangsseite, sodass es \u00fcbersteht. Man k\u00f6nnte meinen, es wolle mit allen Mitteln im Vordergrund stehen.<\/p>\n<p>In Bezug auf das Material ist das Haus vor den wei\u00df gestrichenen W\u00e4nden der Eingangsseite ebenfalls besonders hervor gehoben. Die Wahl der groben, erdigen Betonmasse, die den Hauptbau umgibt, folgt dabei anderen Motiven. Hier konzentrierte man sich auf die Fragen des Lagerns sowie auf die Gestaltung eines Strukturkanons. Die geschlossene Mauermasse lehnt sich dabei zum einen an die grobe, unbehandelte Erscheinung der W\u00e4nde von Lagerhallen an, zum anderen wird mit der Verwendung des Aushubs der Baustelle ein direkter Bezug zum Bauplatz hergestellt. Das Lasten und Lagern soll ebenfalls optisch in der Bauh\u00fclle widergespiegelt werden, erinnert doch die grobe, durchzogene und dichte Struktur an den Ausdruck von Sedimentgestein, ein Urbild f\u00fcr die Lagerung von Dingen.<a title=\"\" href=\"#edn6\">[6]<\/a> Unter anderem dient die H\u00fclle einem praktischen Zweck, da sie das Innenklima stabilisiert und damit optimale Lagerungsbedingungen erzeugt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<div id=\"attachment_959\" style=\"width: 610px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/allover-magazin.com\/?attachment_id=959\" rel=\"attachment wp-att-959\"><img decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-959\" class=\" wp-image-959 \" title=\"Schaulager\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/04-300x94.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/04-300x94.jpg 300w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/04.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-959\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 4: Schaulager, S\u00fcdseite mit Fenster, Mauerausschnitt mit Metallpaneel, Shop.<\/p><\/div>\n<p>Dar\u00fcber hinaus bildet diese Wand den Ursprung f\u00fcr eine Strukturreihe, die sich bis in das Innere des Geb\u00e4udes fortsetzt (Abb.\u00a04). Der Boden vor dem Geb\u00e4ude besteht ebenfalls aus einem Gesteinsgemisch, w\u00e4hrend die innen und au\u00dfen angebrachten Metallpaneele die wellige Pr\u00e4gung der Wand \u00fcbernehmen. Die linearen Fenster wiederum zeigen die vergr\u00f6\u00dferte Form einer deformierten Metallstange. Als ob sie die Kontur des Wandreliefs vergr\u00f6\u00dfert nachzeichnen, bilden sie ein amorphes Band, welches von innen wie eine k\u00fcnstliche Landschaft wirkt. Wie ein umgekehrtes Panorama von der Industrielandschaft drau\u00dfen verbindet diese Kontur damit die Au\u00dfenseite mit der Innenseite des Geb\u00e4udes. Nochmals vergr\u00f6\u00dfert findet sich die Struktur der Wand im Shop des Schaulagers als ein h\u00f6hlenartiges Pendant zu dem scheinbar nach oben verrutschten Aushub von au\u00dfen.<\/p>\n<p>Herzog &amp; de Meuron erzeugen schlie\u00dflich einerseits durch die Wahl des Baumaterials eine neue lokale sowie inhaltliche Anbindung, andererseits sind die weiterentwickelten Strukturen wie ein Pfad zu verfolgen. Somit wird der Au\u00dfenkomplex mit dem Innenleben verbunden, indem einzelne Bereiche, wie der Boden vor dem Geb\u00e4ude, die T\u00fcren und die Fenster\u00f6ffnungen sowie die Raumgestaltung des Shops ineinandergreifend aktiviert werden. Wie ein ornamentales Band spannt diese Strukturfolge einen Bogen zwischen amorph-nat\u00fcrlicher Materialit\u00e4t und abstrakt-k\u00fcnstlicher Umformung. Da trotz der gleichen erdigen Ummantelung hier die charakteristische Form dominiert, ist in diesem Zusammenhang das Haus weniger als ein Spannungspunkt zu betrachten. Das Material tr\u00e4gt hier dazu bei, das Haus vor der n\u00fcchtern-wei\u00dfen Eingangsseite optisch hervorzuheben und zum anderen die Gesamtgestaltung des Geb\u00e4udepaars durch eine Materialwiederholung zu schlie\u00dfen. Und doch ist es verlockend, dem Haus das Bild eines Architekturfossils anzudichten, welches durch den Aushub entdeckt wurde.<\/p>\n<p>Ein weiterer Schwerpunkt der Hausform liegt in der Tradition, diese zu verwenden. Mit der Urform des Hauses besch\u00e4ftigten sich Herzog &amp; de Meuron von Beginn an. Am Schaulager-Haus sind diesbez\u00fcglich Spuren von im Vorfeld entstandenen Bauten zu erkennen, welche auf die rechteckige Hausform mit Giebeldach zur\u00fcckgehen. Auch das Schaulager-Haus erh\u00e4lt diese Gestalt \u2013 mit dem Unterschied, dass die Zeichenhaftigkeit dieser Grundform weiter in den Vordergrund r\u00fcckt.<\/p>\n<div id=\"attachment_960\" style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/allover-magazin.com\/?attachment_id=960\" rel=\"attachment wp-att-960\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-960\" class=\"size-medium wp-image-960\" title=\"Blaues Haus\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/05-220x300.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/05-220x300.jpg 220w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/05.jpg 589w\" sizes=\"auto, (max-width: 220px) 100vw, 220px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-960\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 5: Herzog &amp; de Meuron, Blaues Haus, 1980, Oberwill.<\/p><\/div>\n<p>Zuerst wurde diese Form f\u00fcr das <em>Blaue Haus<\/em> verwendet, ein Einfamilienhaus in Oberwil bei Basel, erbaut 1980 (Abb. 5). Die runden Fenster an der Giebelseite, welche am Schaulager-Haus auf dem Dach wieder zu finden sind, verweisen dabei auf den Architekten Aldo Rossi, einem Lehrer von Herzog &amp; de Meuron.<a title=\"\" href=\"#edn7\">[7]<\/a> Des Weiteren wird die Fassade in einer Farbe eingekleidet, die wie ein aufgehelltes Yves-Klein-Blau wirkt. Hier besteht bereits der Gedanke, ein Haus neben der Funktion, welche formal evoziert wird, durch die Oberfl\u00e4chenbehandlung mit einem skulpturalen Kontext zu bespielen. Am <em>Haus Rudin<\/em>, 1997, ein Wohnhaus in Leymen, wird diese Idee weiter verst\u00e4rkt (Abb. 6). Die Betonw\u00e4nde erscheinen zusammen mit dem fast gleichfarbigen Giebeldach wie aus einer Form gegossen. Das Schaulager-Haus ist schlie\u00dflich \u00fcbergangslos \u00fcberzogen. In der Innengestaltung wird dieser Eindruck in reinem Beton fortgef\u00fchrt.<\/p>\n<div id=\"attachment_961\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/allover-magazin.com\/?attachment_id=961\" rel=\"attachment wp-att-961\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-961\" class=\"size-medium wp-image-961\" title=\"Haus Rudin\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/06-300x224.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"224\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/06-300x224.jpg 300w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/06.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-961\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 6: Herzog &amp; de Meuron, Haus Rudin, 1997, Leymen.<\/p><\/div>\n<p>Im Vergleich zu den vorangegangenen Wohngeb\u00e4uden befreiten Herzog &amp; de Meuron das Schaulager-Haus von allen urspr\u00fcnglichen Funktionen eines Wohnhauses. Es gibt weder Fenster\u00f6ffnungen in den W\u00e4nden noch eine Raum- oder Etagenaufteilung im Inneren. Dar\u00fcber hinaus wird auch die klassisch-rechteckige Form ver\u00e4ndert, um sie gestalterisch in den schr\u00e4g zulaufenden Eingangshof einpassen zu k\u00f6nnen. Die L\u00f6sung bestand darin, zwei schr\u00e4g zueinander gerichtete Scheiben von dem Haus abzuschneiden. Auf einem trapezf\u00f6rmigen Grundriss f\u00fcgt sich das Haus nun in den ebenfalls trapezf\u00f6rmigen Hof ein wie ein zu klein geratenes Pendant. Ein neuer K\u00f6rper ist entstanden. Zusammen mit der Reduktion auf die notwendigsten \u00d6ffnungen f\u00fcr den Durchgang wird dessen Kontur dichter, die Materialit\u00e4t aktiver, als ob ein abstrakter K\u00f6rper aus einer Traditionsform herausgepresst w\u00fcrde (Abb. 7).<\/p>\n<div id=\"attachment_962\" style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/allover-magazin.com\/?attachment_id=962\" rel=\"attachment wp-att-962\"><img decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-962\" class=\" wp-image-962 \" title=\"Schaulager\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/07-300x139.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/07-300x139.jpg 300w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/07.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-962\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 7: Schaulager, Shaping der klassischen Form.<\/p><\/div>\n<p>Die neueste Anwendung dieser bei den Architekten beliebten Hausform findet sich wieder im VitraHaus, dem 2006 erbauten Shop des Vitra-Design-Museums in Weil am Rhein. Hier wird allerdings statt einem Einzelteil eine multiple Zusammenschiebung verwendet. Von au\u00dfen sieht es aus wie eine vergr\u00f6\u00dferte Skulptur aus Spielzeugh\u00e4usern. Verglichen mit dem Schaulagerhaus steht aber der symbolische Verweis in einem gr\u00f6\u00dferen Gleichgewicht mit der Funktion des Geb\u00e4udes. Es unterstreicht die Vielseitigkeit des Wohnens, welche durch die ausgestellten M\u00f6bel in den Schaur\u00e4umen ihre Entsprechung findet (Abb. 8).<\/p>\n<div id=\"attachment_963\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/allover-magazin.com\/?attachment_id=963\" rel=\"attachment wp-att-963\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-963\" class=\"size-medium wp-image-963\" title=\"VitraHaus\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/08-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/08-300x225.jpg 300w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/08.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-963\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 8: Herzog &amp; de Meuron, VitraHaus, 2006, Weil am Rhein.<\/p><\/div>\n<p>Zuletzt ist die Frage, f\u00fcr welche Funktion das Haus errichtet wurde, n\u00e4her zu beleuchten, da sich die Vielseitigkeit der Interpretationsm\u00f6glichkeiten in ihr spiegelt. Tats\u00e4chlich hatte man eine Reihe von Funktionen f\u00fcr das Haus angedacht. Das gro\u00dfe Deutungsfeld, welches sich vor der Eingangsseite beziehungsweise vor dem Hauptbau f\u00fcr das Haus bietet, steht dabei in einem ungleichen Verh\u00e4ltnis zu der vergleichsweise geringen Funktion, die es am Ende erhielt.<\/p>\n<p>Ein erster Ankn\u00fcpfungspunkt f\u00fcr das Haus, zusammen mit der Eingangsseite, liegt in der Geschichte des urspr\u00fcnglichen Zollgebietes. Verbunden mit der Einz\u00e4unung, die den Hof abgrenzt, verweist es auf das im 19. Jahrhundert gegr\u00fcndete Gewerbegebiet, als jede Firma ein W\u00e4rter- beziehungsweise ein Torhaus und eine deutliche Gebietsabgrenzung besa\u00df.<a title=\"\" href=\"#edn8\">[8]<\/a> Die erste Funktionsgebung passte zu diesem Bild: Es sollte zuerst ein Eingang f\u00fcr ein unterirdisches Auditorium, und danach als Eingang und Museumsshop genutzt werden \u2013 wie ein Torhaus, das auch zum Verkauf von Erzeugnissen der Fabrik dient.<\/p>\n<p>Ein weiteres Assoziationsfeld wird bestimmt von der Eingangsseite in ihrer Funktion als Schauseite: das Kino. Bestehend aus einer Frontwand, den Seitenw\u00e4nden, der zur Wand abfallenden Deckenfl\u00e4che und dem schr\u00e4g abfallenden Boden erinnert der Innenhof an die Raumform eines Kinosaals. Die Raumtiefe hingegen ist vergleichsweise gering gehalten, sodass die Mittelwand zusammen mit den Seitenw\u00e4nden, wie eine auf dem Boden aufgeklappte Tafelschauwand ausieht. Sieht man den Bezug zu dem frei stehenden Haus davor, erinnert dieses Bild auch an ein Autokino.<a title=\"\" href=\"#edn9\">[9]<\/a> Das Haus symbolisiert in diesem Fall das Projektionsgeb\u00e4ude f\u00fcr die Filme. Von der Idee, dass man tats\u00e4chlich durch die drei Fenster der zum Hof zeigenden Dachseite Filme projizieren k\u00f6nnte, blieben nur eingebaute Scheinwerfer \u00fcbrig, welche in der Nacht auf die Schauseite leuchten. An den Seitenw\u00e4nden kann man nun stattdessen Filme betrachten, die gleichzeitig auf zwei gro\u00dfen LED- Screens abgespielt werden. Jedoch werden sie endlos, also nicht nur nachts gezeigt. In der Mitte bleibt die Wand frei.<\/p>\n<p>Auch Hiroshi Sugimoto<a title=\"\" href=\"#edn10\">[10]<\/a> macht von einer wei\u00dfen Schauseite Gebrauch \u2013 w\u00e4hrend allerdings hier die Films\u00e4le wechseln und die Filme selbst nicht mehr zu erkennen sind. Diese werden n\u00e4mlich in seiner Fotoreihe Theater von 1978 immer so fotografiert, dass die Blende f\u00fcr die gesamte Dauer eines vorgef\u00fchrten Films ge\u00f6ffnet bleibt, sodass man auf dem entwickelten Foto eine strahlend wei\u00dfe Kinoleinwand sieht. W\u00e4hrend am Schaulager die Filme wechseln, wechseln bei Sugimoto die Spielr\u00e4ume. Bei beiden bleibt eine wei\u00dfe Fl\u00e4che \u00fcbrig: \u201eDer Monitor [die Mittelwand], ist weniger eine Werbefl\u00e4che, noch eine Projektionswand, denn er [sie] bleibt makellos wei\u00df, der Monitor ist blind.\u201c<a title=\"\" href=\"#edn11\">[11]<\/a> Man sieht nichts als das, was vor dem inneren Auge entsteht und man kann bei so viel bildlicher Aktivierung an einem Geb\u00e4ude einen Moment der Entspannung nutzen, bevor man durch das Haus zum eigentlichen Hauptbau tritt.<\/p>\n<p>Das Haus stellt somit eher ein B\u00fcndel an Assoziationen \u00fcber Funktionen dar, die nicht umgesetzt wurden. Neben weiteren Vorschl\u00e4gen an potentiellen Funktionen, wie einer Cafeteria oder einem Atelier f\u00fcr eingeladene K\u00fcnstler und K\u00fcnstlerinnen, sollte das Haus zeitweise nicht mehr gebaut werden. Das hing damit zusammen, dass beispielsweise der Shop, das Auditorium und die Cafeteria bereits an einer anderen Stelle im Hauptbau untergebracht waren, wodurch die Begr\u00fcndung f\u00fcr die Umsetzung fragw\u00fcrdig wurde. Letztendlich setzte sich Jacques Herzog durch. Die erste Idee \u2013 die einer Konfrontation mit dem Wohngebiet gegen\u00fcber \u2013 schien f\u00fcr ihn Motiv genug zu sein.<\/p>\n<p>Vermutlich wird man der Funktion des Hauses dann gerecht, wenn man annimmt, dass die Architekten selbst ihrer Funktion noch treu bleiben wollten, obwohl das eigentliche Motiv nicht mehr im funktionalen, sondern im k\u00fcnstlerisch-intentionalen Bereich liegt. Verst\u00e4rkt wird der Eindruck durch die vielseitigen Hintergr\u00fcnde und durch eine Gestaltungsweise, die auf Verschr\u00e4nkungen beruht, die eine polyseme Deutungsstruktur evozieren. Durch dieses Kaleidoskop an Bildern blickend, ger\u00e4t die Frage nach der Nutzung in den Hintergrund. Es entsteht ein Spannungsfeld zwischen dem Reichtum der Interpretationsm\u00f6glichkeiten und dem vergleichsweise einfachen Zweck \u2013 gleichsam als werde man Zeuge einer Verschleierungstaktik der Architektur bei der gleichzeitigen Emanzipation von ihrer urspr\u00fcnglichen Aufgabe.<\/p>\n<div style=\"font-size: 0.8em;\">\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<p><a id=\"edn1\">[1]<\/a> Adolf Loos, Essay zur Architektur, Wien 1910, S. 15.<br \/>\n<a id=\"edn2\">[2]<\/a> Philip Ursprung (Hg.), Herzog &amp; de Meuron \u2013 Naturgeschichte, Baden 2005, S. 197.<br \/>\n<a id=\"edn3\">[3]<\/a> Gerhard Mack (Hg.), Herzog &amp; de Meuron. Das Gesamtwerk, Band 4, 1997-2001, Basel 2008. U. a. direkt \u00fcber das Schaulager, S. 3.<br \/>\n<a id=\"edn4\">[4]<\/a> Jacques Herzog und Pierre de Meuron, Vision Dreispitz: eine st\u00e4dtebauliche Studie, Basel 2003. Als neuer urbaner Knotenpunkt wird damit auch das trinationale Verst\u00e4ndnis der Stadt Basel gef\u00f6rdert.<br \/>\n<a id=\"edn5\">[5]<\/a> Ich beziehe mich hierbei auf ein Interview mit Lukas Weber, dem stellvertretenden Projektleiter von Herzog &amp; de Meuron f\u00fcr den Bau des Schaulagers, am 26.05.2011.<br \/>\n<a id=\"edn6\">[6]<\/a> Vgl. das Lagerhaus Ricola, 1986 in Laufen: Hier wird ein Lagergeb\u00e4ude nahe an eine Steinbruchwand ger\u00fcckt, um unter anderem die Rhythmisierung der L\u00e4ngsstruktur der Felswand in der Geb\u00e4udefassade zu spiegeln.<br \/>\n<a id=\"edn7\">[7]<\/a> Die Zusammensetzung von einem Rundfenster in der Giebelseite eines einfachen, rechteckigen Hauses verweist auf einen Signaturbau von Aldo Rossi, ebenfalls rechteckig mit Giebeldach.<br \/>\n<a id=\"edn8\">[8]<\/a> Vgl. Ahmed Arbutu, Die grosse Form \u2013 und ihre Versehrung, in: Archithese, Zeitschrift und Schriftenreihe f\u00fcr Architektur \/ Revue th\u00e9matique d\u2018Architecture, Jg. 3, Nr. 4, Sulgen 2003, S. 66-71, S. 67; Judit Solt, Erdiges Faszinosum, in: TEC 21, Nr. 25, Z\u00fcrich 2003, S.20-26, S. 23.<br \/>\n<a id=\"edn9\">[9]<\/a> Vgl. Arabutu 2003, S. 68.<br \/>\n<a id=\"edn10\">[10]<\/a> Herzog &amp; de Meuron arbeiten unter anderem mit diesem K\u00fcnstler zusammen, dessen Fotoreihe sie beeinflusst haben k\u00f6nnte.<br \/>\n<a id=\"edn11\">[11]<\/a> Jacques Lacan, Eine Werkstatt des Schauens, in: Werk, Bauen + Wohnen, Jg. 90 \/57, Nr. 7\/8, Z\u00fcrich 2003, S. 4-11, S.\u00a05.<\/p>\n<p><strong>Quellennachweis:<\/strong> Katharina Herrmann, Das Haus-Werk. \u00dcberlegungen zur Architektur des Schaulagers von Herzog &amp; de Meuron, in:\u00a0ALL-OVER, Nr. 2, M\u00e4rz 2012. URL:\u00a0http:\/\/allover-magazin.com\/?p=914.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEine Funktion bestimmt ein Haus, im Unterschied zum\u00a0Kunstwerk, das nur so aussieht, wie ein Haus, es muss keine\u00a0Funktion erf\u00fcllen, dadurch wird dieses Haus zu einer Privatangelegenheit des Architekten [&#8230;].\u201c[1] Das Schaulager in Basel erf\u00fcllt seine Funktion, w\u00e4hrend das dazugeh\u00f6rende Gebilde &hellip; <a href=\"https:\/\/allover-magazin.com\/?p=914\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"footnotes":""},"categories":[54,14],"tags":[],"class_list":["post-914","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ausgabe-2","category-essays"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/914","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=914"}],"version-history":[{"count":20,"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/914\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":982,"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/914\/revisions\/982"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=914"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=914"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=914"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}