{"id":845,"date":"2012-03-07T10:50:15","date_gmt":"2012-03-07T08:50:15","guid":{"rendered":"http:\/\/allover-magazin.com\/?p=845"},"modified":"2019-01-17T17:06:36","modified_gmt":"2019-01-17T15:06:36","slug":"grenzgange-dispositive-der-hulle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/allover-magazin.com\/?p=845","title":{"rendered":"Grenzg\u00e4nge. Dispositive der H\u00fclle."},"content":{"rendered":"<p>Als physische Grundlage der menschlichen Existenz steht der K\u00f6rper seit jeher im Fokus naturwissenschaftlicher Forschung, aber auch geisteswissenschaftlicher \u00dcberlegungen, wo er insbesondere in der Ph\u00e4nomenologie eine Schl\u00fcsselrolle einnimmt. Wie etwa Maurice Merleau-Ponty gezeigt hat, ist der Leib unser ma\u00dfgeblichster Ber\u00fchrungspunkt mit der Welt: Einerseits trennend, andererseits verbindend, markiert er einen Grenzgang, dessen Verlauf dynamisch, flexibel und vor allem nicht immer eindeutig oder begreifbar ist und so das r\u00e4tselhafte Fundament der menschlichen Selbst- und Weltwahrnehmung bildet. Barbara Graf ist in ihrem k\u00fcnstlerischen Werk diesem vielschichtigen und allgegenw\u00e4rtigen Ph\u00e4nomen auf der Spur. In ihren vorwiegend textilen Arbeiten manifestiert sich eine reflektierte Auseinandersetzung mit der Thematik des K\u00f6rpers, die sich von jener des Modedesigns grundlegend unterscheidet.<\/p>\n<div id=\"attachment_884\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/allover-magazin.com\/?attachment_id=884\" rel=\"attachment wp-att-884\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-884\" class=\"size-medium wp-image-884\" title=\"Hand-Brust-Schichten\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/graf_hand-brust-schichten_02-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/graf_hand-brust-schichten_02-300x225.jpg 300w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/graf_hand-brust-schichten_02.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-884\" class=\"wp-caption-text\">Barbara Graf, Hand-Brust-Schichten, Anatomisches Gewand XVI, Wien 2008. 15 Teile, Baumwolle, Druckkn\u00f6pfe, Haken und \u00d6sen.<\/p><\/div>\n<p><em>Hannah Bruckm\u00fcller: Deine Gew\u00e4nder bekleiden und gehen in die Tiefe. Sie werden sozusagen durchl\u00e4ssig, thematisieren das von ihnen Verh\u00fcllte. In den Bereichen des Modedesign hingegen scheint die Gestaltung der zweiten Haut an der Oberfl\u00e4che verhaftet zu bleiben. Inwiefern unterscheidet sich deine k\u00fcnstlerische Herangehensweise an den menschlichen K\u00f6rper von einer \u201emodischen\u201c Auseinandersetzung, und welche Rolle spielen dabei Konzeptionen von K\u00f6rperlichkeit?<\/em><\/p>\n<p>Barbara Graf: \u00dcber die Oberfl\u00e4chen der textilen Verh\u00fcllungen zu einer Unterscheidung von modischen und k\u00fcnstlerischen H\u00fcllen zu gelangen, erscheint mir nicht aufschlussreich, da auch bei modischen Umh\u00fcllungen das Verh\u00e4ltnis von \u201eerster und zweiter Haut\u201c sehr differenziert sein kann. Wenn wir vorerst die Unterscheidungen in der Mode von Haute Couture, Pr\u00eat-\u00e0-porter, Alltagsmode, Streetwear et cetera ausblenden, w\u00e4re vielleicht die einfachste Unterscheidung von Kunstkleid und Modekleid, dass das Kunstkleid den K\u00f6rper als Tr\u00e4ger der Umh\u00fcllung nicht unbedingt braucht, das modische Kleid jedoch auf den K\u00f6rper als Tr\u00e4ger der H\u00fclle angewiesen ist. F\u00fcr eines meiner ganz fr\u00fchen <em>Anatomischen Gew\u00e4nder<\/em> von 1995 wollte ich zuerst den Titel <em>Pr\u00eat-\u00e0-porter<\/em> w\u00e4hlen und habe mich dann aber f\u00fcr <em>Cut-to-fit<\/em> entschieden. <em>Pr\u00eat-\u00e0-porter<\/em> war schon besetzt durch den Film von Robert Altman und inhaltlich hat meine Entscheidung mit der Weise zu tun, wie sich die H\u00fclle auf den K\u00f6rper bezieht. Meine Gew\u00e4nder sind auf den K\u00f6rper zugeschnitten und passen genau. Es steht jedoch weniger die Bereitschaft getragen zu werden oder die Aufforderung es zu tun im Zentrum. Insofern ist die Konzeption von K\u00f6rperlichkeit ganz grundlegend sowohl f\u00fcr die Gestaltung wie auch f\u00fcr die Darstellung. Ich beziehe mich explizit auf Leiblichkeit, ohne dass der K\u00f6rper anwesend sein muss, um pr\u00e4sent zu sein.<\/p>\n<div id=\"attachment_883\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/allover-magazin.com\/?attachment_id=883\" rel=\"attachment wp-att-883\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-883\" class=\"size-medium wp-image-883\" title=\"Hand-Brust-Schichten\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/graf_hand-brust-schichten_01-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/graf_hand-brust-schichten_01-300x225.jpg 300w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/graf_hand-brust-schichten_01.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-883\" class=\"wp-caption-text\">Barbara Graf, Hand-Brust-Schichten, Anatomisches Gewand XVI, Wien 2008. 15 Teile, Baumwolle, Druckkn\u00f6pfe, Haken und \u00d6sen.<\/p><\/div>\n<p><em>Hannah Bruckm\u00fcller: Vielleicht habe ich mich hier etwas ungl\u00fccklich ausgedr\u00fcckt. Insbesondere der Begriff der Transparenz scheint tats\u00e4chlich fehl am Platz, werden deine Kunstkleider ja nicht auf die Tragenden selbst durchl\u00e4ssig, sondern thematisieren einen K\u00f6rper, ohne dessen Pr\u00e4senz (das Tragen also, wie du auch betonst) zu erfordern. Inwiefern modellieren oder artikulieren deine k\u00fcnstlerischen H\u00fcllen den K\u00f6rper?<\/em><\/p>\n<p>Barbara Graf: Meine H\u00fcllen nehmen direkt Bezug auf physische Erscheinungen. In \u00e4lteren Arbeiten waren es vor allem innere K\u00f6rperstrukturen wie Wirbels\u00e4ule oder Muskeln. In neueren Arbeiten bin ich immer mehr vom Inneren des K\u00f6rpers in Richtung der Hautoberfl\u00e4che gelangt. Etwa die Arbeit <em>Hautverlauf<\/em> stellt den Verlauf der Faserz\u00fcge des Bindegewebes der unteren Lederhaut dar. Die textilen Darstellungen der <em>Brust-Schichten<\/em> siedeln sich unter der Haut an und die Ebenen der Arbeit <em>Hand-Brust-Schichten<\/em> thematisieren die sichtbare K\u00f6rperoberfl\u00e4che und expandieren in den Raum. Meine ganz aktuelle Arbeit besch\u00e4ftigt sich mehr mit der Darstellung von \u00e4u\u00dferen Ph\u00e4nomenen des K\u00f6rpers, um in einer Art Umdrehung zu einem inneren K\u00f6rperausdruck zu gelangen. So zum Beispiel eine Arbeit, die im Rahmen des Projektes <em>Surgical Wrappings<\/em><a title=\"\" href=\"#edn1\">[1]<\/a> entsteht: <em>Hand-Bilder<\/em>. Sich ber\u00fchrende H\u00e4nde sind musterartig in eine medizinische Gaze gestickt. Dieses Tuch wird als Gegenstand f\u00fcr eine Serie von Fotografien verwendet. Die Handgesten sind in Aufl\u00f6sung begriffen. Ohne den gesamten K\u00f6rper zu zeigen, entstehen Bilder mit leiblichem und innerlichem Ausdruck.<\/p>\n<p><em>Hannah Bruckm\u00fcller: Ich w\u00fcrde noch gerne mehr \u00fcber das K\u00f6rperkonzept in deinen Arbeiten erfahren. Welche Rolle sprichst du beispielsweise Begrifflichkeiten wie der von dir bereits eingebrachten Leiblichkeit oder der Fleischlichkeit zu \u2013 und in welcher Beziehung stehen dazu etwa K\u00f6rperwahrnehmung oder K\u00f6rperbilder?<\/em><\/p>\n<p>Barbara Graf: Die Unterscheidung von \u201eimage\u201c und \u201epicture\u201c im Englischen dient vielleicht ganz gut dazu etwas \u00fcber mein Verst\u00e4ndnis von K\u00f6rperbildern und K\u00f6rperwahrnehmung zu sagen. In meiner Arbeit brauche ich den K\u00f6rper als Gegenstand der Darstellung (\u201epicture\u201c) um etwas zur K\u00f6rperwahrnehmung zu erfinden (\u201eimage\u201c). Auch zum K\u00f6rperkonzept meiner Arbeiten m\u00f6chte ich auf eine Begrifflichkeit zur\u00fcckgreifen: die Unterscheidung von \u201eK\u00f6rper\u201c und \u201eLeib\u201c in der deutschen Sprache. Mit K\u00f6rper verstehen wir zwar umgangssprachlich oft den menschlichen K\u00f6rper, es kann jedoch der unbelebte K\u00f6rper auch ein Gegenstand sein. Mit Leib wird ausdr\u00fccklich der beseelte menschliche K\u00f6rper angesprochen. Durch den Leib, mit dem Leib oder Leib zu sein ist Voraussetzung, um uns in einem Verh\u00e4ltnis zur Umgebung zu verstehen. Ich sehe meine Arbeit als Erfindungen zur Leiblichkeit.<\/p>\n<p><em>Hannah Bruckm\u00fcller: W\u00fcrdest du dich selbst denn auch als \u201eBildhauerin\u201c bezeichnen?<\/em><\/p>\n<p>Barbara Graf: Ja, w\u00fcrde ich gerne. Auch wenn der Begriff Bildhauerei sowie auch der Skulptur f\u00fcr mich nicht zutreffen. Im eigentlichen Sinne werden darunter ja Artefakte verstanden, die dadurch entstehen, dass von einem bestehenden Material Teile weggenommen (gehauen) werden. Ich schneide Fl\u00e4chen und f\u00fcge sie konstruierend zusammen. Mir gef\u00e4llt jedoch der Ausdruck als Referenz zur langen Tradition der \u201egehauenen Bildern\u201c und auch zum Bild, ich bin ja urspr\u00fcnglich Malerin.<\/p>\n<p><em>Hannah Bruckm\u00fcller: Wie schon in der g\u00e4ngigen Redewendung \u201ein Mode sein\u201c deutlich wird, ist diese Disziplin sehr eng an den jeweiligen Zeitgeist gebunden. Demgegen\u00fcber erscheinen deine Gew\u00e4nder von diesem Aktualit\u00e4tsbestreben entkoppelt zu sein und vielmehr auf eine vielleicht sogar ahistorische Sensibilisierung abzuzielen.<\/em><\/p>\n<div id=\"attachment_882\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/allover-magazin.com\/?attachment_id=882\" rel=\"attachment wp-att-882\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-882\" class=\"size-medium wp-image-882\" title=\"Hand Bilder\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/graf_hand-bilder_02-300x224.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"224\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/graf_hand-bilder_02-300x224.jpg 300w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/graf_hand-bilder_02.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-882\" class=\"wp-caption-text\">Barbara Graf: Hand-Bilder, 2011. Fotografie, 26.7 x 35.6 cm<\/p><\/div>\n<p>Barbara Graf: Wenn du von unterschiedlicher Zeitgebundenheit sprichst, kann das vielleicht zu einer Ann\u00e4herung an diese Frage dienen. Bis jetzt haben wir vor allem \u00fcber die N\u00e4he oder Differenz zur Mode gesprochen, meine Arbeit hat in ihren Grunds\u00e4tzen nichts mit Mode zu tun, sondern mit (flexibler) Skulptur und Bild \u2013 mit K\u00f6rperbildern. Damit meine ich vor allem auch K\u00f6rperwahrnehmungen und Imaginationen \u00fcber den K\u00f6rper und nicht nur dessen Darstellung. Kunstformen, die \u00fcber den Bildrand oder \u00fcber ein statisches Volumen im Verh\u00e4ltnis zum Raum hinausgehen (wie Performance und interaktive Ausdrucksformen) haben die Entwicklung unterst\u00fctzt, dass Kleidung zur autonomen Kunstform werden konnte. Das hei\u00dft auch, dass man die Begriffe der Darstellung, Repr\u00e4sentation und Rezeption neu diskutieren m\u00fcsste, weil neben der Betrachtung auch die Handlung wichtig wird. Mir gef\u00e4llt der Begriff der \u201eahistorischen Sensibilisierung\u201c, obwohl ich nicht glaube, dass ich eine ahistorische Position einnehme. Ich verstehe mich als Teilhabende an einem Diskurs, auch wenn meine Weise zu arbeiten einer Langsamkeit verpflichtet ist, welche nicht so \u201ezeitgeistig\u201c ist und vielleicht ein wenig asynchron.<\/p>\n<p><em>Hannah Bruckm\u00fcller: Mich interessiert der Diskurs, den du ansprichst. Ich bin nicht sicher, inwieweit ich dich hier richtig verstanden habe, daher die Nachfrage, worauf genau du anspielst: eine Transformation des Verst\u00e4ndnisses von \u201eKleidung\u201c \u2013 oder von \u201eK\u00f6rper\u201c?<\/em><\/p>\n<div id=\"attachment_881\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/allover-magazin.com\/?attachment_id=881\" rel=\"attachment wp-att-881\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-881\" class=\"size-medium wp-image-881\" title=\"Hand-Bilder\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/graf_hand-bilder-300x224.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"224\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/graf_hand-bilder-300x224.jpg 300w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/graf_hand-bilder.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-881\" class=\"wp-caption-text\">Barbara Graf, Hand-Bilder, 2011. Fotografie, 26.7 x 35.6 cm<\/p><\/div>\n<p>Barbara Graf: Vor dem 20. Jahrhundert war Kleidung als Gegenstand der Kunst etwas Dargestelltes. Dass die K\u00f6rperh\u00fclle autonom wird und das Werk selbst verk\u00f6rpert, ist eine neuere Entwicklung. Die H\u00fclle wird dreidimensionale und flexible Leinwand und thematisiert sozial-politische Positionen, verhandelt kulturelle Verortungen, Identit\u00e4ten und \u2013 was mich pers\u00f6nlich am meisten interessiert \u2013 die H\u00fclle als Kommunikationsebene: Wie wir in unserer Verletzlichkeit und Antastbarkeit der Welt begegnen. Pionierinnen wie etwa Rosemarie Trockel, Louise Bourgeois oder Yayoi Kusama haben wesentlich dazu beigetragen, dass Kleidung als Form des Ausdrucks in der Kunst zur Selbstverst\u00e4ndlichkeit geworden ist. Stellvertretend f\u00fcr die unz\u00e4hligen Positionen in der Gegenwart k\u00f6nnte man beispielsweise Lalla Essaydi oder Zineb Sedira nennen.<\/p>\n<p><em>Hannah Bruckm\u00fcller: Erscheint eine disziplin\u00e4re Grenzziehung zwischen Kunst und Mode in deinen Augen \u00fcberhaupt relevant, sinnvoll oder sogar notwendig?<\/em><\/p>\n<p>Barbara Graf: Ja, unbedingt. Interdisziplinarit\u00e4t ist ja nur interessant, wenn es auch Disziplinen gibt. Das hei\u00dft ja nicht, dass sich Disziplinen nicht \u00e4ndern k\u00f6nnen. Was Kunst und Mode anbelangt, da haben sich die beiden Disziplinen ja tats\u00e4chlich transformiert. Wenn man jedoch durch ihr Naheverh\u00e4ltnis die Grenzen, die nicht immer so scharf sind, aufl\u00f6sen w\u00fcrde, k\u00f6nnte das zu einer sehr langweiligen Beliebigkeit f\u00fchren. Durch Verbindlichkeit, das hei\u00dft mit Kriterien und Bedingungen ausgestattet, entstehen meist intelligentere Manifestationen. Differenz ist interessanter als Aufl\u00f6sung. Auch wenn es in der Mode Kreationen gibt, die eine Dysfunktionalit\u00e4t behaupten, ist das als Bruch, Irritation oder Statement zu sehen, die sich auf eine Funktionalit\u00e4t beziehen, die in jeder angewandten Kunst nach wie vor wichtig ist. Funktionalit\u00e4t in der Kunst w\u00e4re unter anderen Kriterien zu diskutieren.<\/p>\n<p><em>Hannah Bruckm\u00fcller: Gerade hinsichtlich der Funktionalit\u00e4t in der Kunst scheint mir an dieser Stelle der Hinweis auf eine aktuelle Ausstellung im Wien-Museum spannend. \u201eMehr als Mode\u201c \u2013 so der Titel der Schau, in welcher die k\u00fcrzlich vom Museum angekaufte Sammlung von Katarina Noever zu sehen ist. Wie mir scheint, laufen derartige Ausstellungsprojekte Gefahr, das Potential des interdisziplin\u00e4ren Territoriums, auf dem sie sich bewegen, nicht ausreichend auszusch\u00f6pfen, indem sie vers\u00e4umen, dieses ad\u00e4quat zu thematisieren \u2013 zu kritisieren oder zu bef\u00fcrworten. Gleichzeitig liefert vielleicht genau jene Haltung das Angebot einer Diskussion\u2026<\/em><\/p>\n<p>Barbara Graf: Ich denke, dass in der Ausstellung \u201eMehr als Mode\u201c das \u201eMehr\u201c keinen ausf\u00fchrlichen Raum einnimmt, auch wenn neben den Kleidern der Sammlung Katarina Noever durchaus Materialien gezeigt werden, die eine Vorstellung davon geben, was damit gemeint ist. Dieses \u201eMehr\u201c erscheint mir eher als attraktiven Titel f\u00fcr eine Ausstellung als inhaltlich pr\u00e4zise, beinhaltet eine Avantgarde-Lifestyle-Inszenierung in ihrer Zeit immer eine Ausweitung der Grenzen; das ist ja wichtiger Inhalt der Mode und da br\u00e4uchte es kein \u201eMehr\u201c.<\/p>\n<p><em>Hannah Bruckm\u00fcller: An der Universit\u00e4t f\u00fcr angewandte Kunst in Wien unterrichtest du das Fach \u201eTextil \u2013 Kunst, Design, Styles\u201c, wohingegen du als Gastdozentin in Basel am Institut f\u00fcr Mode-Design gearbeitet hast. Inwiefern beeinflusst dies die thematische Ausrichtung deiner Lehrveranstaltungen? Wo und wie manifestieren sich die f\u00fcr dich grundlegendsten Unterschiede zwischen einer Kunst-Klasse und einer Mode-Klasse?<\/em><\/p>\n<p>Barbara Graf: In Basel am Institut Mode-Design war ich \u00fcber mehrere Jahre Gastdozentin und als K\u00fcnstlerin mit einem speziellen Bezug zum K\u00f6rper und zu K\u00f6rperh\u00fcllen eingeladen. Mein Beitrag bestand darin, Sichtweisen aus der Kunst im Kontext der Mode zu diskutieren und praktisch zu unterst\u00fctzen. F\u00fcr die Studierenden des Mode-Designs steht im Vordergrund, zu einer Praxis der Entwicklung einer eigenen Kollektion zu gelangen und bezieht auch deren Darstellung und Vermittlung im Bereich der Mode mit ein. In Wien im \u201eTextilen Gestalten\u201c ist das Gebiet sehr breit angelegt und l\u00e4sst sich, kurz formuliert, mit einem k\u00fcnstlerischen Erforschen der Kultur des Textilen umrei\u00dfen. Auch wenn Themenstellungen und Untersuchungs- respektive Recherchemethoden \u00e4hnliche sein k\u00f6nnen, sind die zuk\u00fcnftigen Berufsfelder verschieden und das \u201eTextile Gestalten\u201c ist auch stark auf Vermittlung ausgerichtet, sei es als Lehrt\u00e4tigkeit oder als soziokulturelle Reflexionen durch oder \u00fcber k\u00fcnstlerische Manifestationen. Ich bin daf\u00fcr verantwortlich, k\u00fcnstlerisch konzeptuelle Unterst\u00fctzung zu bieten. Die aus den Lehrveranstaltungen hervorgehenden Arbeiten sind durch das textile Medium zwar oft auf den K\u00f6rper bezogen, haben aber manchmal in ganz anderer Weise mit kulturellen Verortungen und Kommunikationsstrukturen zu tun.<\/p>\n<p><em>Hannah Bruckm\u00fcller: Ich m\u00f6chte noch auf das Projekt Corporealities<a title=\"\" href=\"#edn2\">[2]<\/a> zu sprechen kommen, das sich vor allem der Schnittstelle von Kunst und Medizin zuwendet. Dies zeugt von deinen Aktivit\u00e4ten in interdisziplin\u00e4ren Bereichen. Deshalb m\u00f6chte ich gern noch allgemeiner fragen: Wie stehst du zu den disziplin\u00e4ren Grenzen? Gilt es, diese kritisch zu hinterfragen und vielleicht sogar deren Aufl\u00f6sung anzustreben \u2013 oder haben sie auch heute noch ihre Berechtigung?<\/em><\/p>\n<p>Barbara Graf: Ja, ich w\u00fcrde sie kritisch hinterfragen hinsichtlich einer differenzierten und stetig im Wandel begriffenen Grenzziehung. Vom Begriff der \u201eSchnittstelle\u201c bin ich nicht sehr \u00fcberzeugt. Ich w\u00fcrde eher von Ber\u00fchrungsmomenten sprechen, die durch aktive Untersuchungen, Betrachtungs- und Darstellungsweisen entstehen k\u00f6nnen. Auch das Wort \u201eGrenze\u201c ist verf\u00e4nglich, entsteht ja der Eindruck einer klaren Linie; ich w\u00fcrde lieber von unscharfen R\u00e4ndern sprechen. Auch m\u00fcsste die Frage nach dem Naheverh\u00e4ltnis von Disziplinen ganz spezifisch gestellt werden und im jeweiligen Verh\u00e4ltnis zueinander. Disziplinen der Sozial- und Geisteswissenschaften unterscheiden sich sicherlich von anderen und haben ein gro\u00dfes Potential, R\u00e4ume zwischen den unscharfen R\u00e4ndern und \u00fcber die R\u00e4nder hinaus zu bespielen \u2013 so auch die Kunst.<\/p>\n<p><em>Hannah Bruckm\u00fcller: Bezugnehmend auf die Ber\u00fchrungsmomente deiner Kunst mit naturwissenschaftlichen Herangehensweisen, im Besonderen mit der medizinischen Auseinandersetzung mit dem menschlichen K\u00f6rper, m\u00f6chte ich abschlie\u00dfend noch auf das derzeit aktuelle Thema des \u201eArtistic Research\u201c zu sprechen kommen. Inwiefern siehst du deine Arbeiten als Manifestationen k\u00fcnstlerischer Forschung? Und wie stehst du zu diesem aktuellen Begriff des \u201eArtistic Research\u201c?<\/em><\/p>\n<p>Barbara Graf: Der Begriff \u201eArtistic Research\u201c scheint mir sehr komplex zu sein. Ich habe keine \u00dcbersicht wie verschiedenartig dieser im gegenw\u00e4rtigen Diskurs verwendet wird, auch wenn die Aktualit\u00e4t offensichtlich ist und \u201eArtistic Reseach\u201c wird ja nicht nur als Schlagwort verwendet sondern bezeichnet eine wichtige aktuelle Position. Du hast es, was meine Arbeit anbelangt, gut formuliert: \u201eManifestationen k\u00fcnstlerischer Forschung\u201c. Das bedeutet zuerst gar nicht nur die thematischen Bereiche meiner Besch\u00e4ftigung, sondern mehr den Prozess, die Herangehensweise, die Methode wie ich zu meinen k\u00fcnstlerisches Visualisierungen gelange, das h\u00e4ngt nat\u00fcrlich zusammen. Man kann den Begriff auf verschiedene Weisen verstehen, zum Beispiel auch als k\u00fcnstlerische Herangehensweise in wissenschaftlicher Forschung. Ich sehe jedenfalls das Ineinandergreifen von reflektierten Recherchen und den M\u00f6glichkeiten des k\u00fcnstlerischen Formens und Ausdrucks als grundlegend f\u00fcr innovative Kunst \u2013 im Sinne von \u201eArtistic Research\u201c gesprochen: als k\u00fcnstlerische Erkenntnis mit Eigenleben.<\/p>\n<div style=\"font-size: 0.8em;\">\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<p>BARBARA GRAF ist freischaffende K\u00fcnstlerin und unterrichtet an der Universit\u00e4t f\u00fcr angewandte Kunst Wien. Sie lebt und arbeitet in Wien und Kairo.<\/p>\n<p><a id=\"edn1\">[1]<\/a> Christina Lammer (Projektleitung) u.a., URL: <a href=\"http:\/\/wwtf.at\/projects\/research_projects\/details\/index.php?PKEY=986_DE_O\">http:\/\/wwtf.at\/projects\/research_projects\/details\/index.php?PKEY=986_DE_O<\/a> [18.02.2012].<br \/>\n<a id=\"edn2\">[2]<\/a> URL: <a href=\"http:\/\/www.corporealities.org\/\">http:\/\/www.corporealities.org\/<\/a> [18.02.2012].<\/p>\n<p><strong>Quellennachweis:<\/strong> Hannah Bruckm\u00fcller, Dispositive der H\u00fclle. Barbara Graf im E-Mail-Interview zum Verh\u00e4ltnis von Kunst, Mode und K\u00f6rper, in:\u00a0ALL-OVER, Nr. 2, M\u00e4rz 2012. URL:\u00a0http:\/\/allover-magazin.com\/?p=845.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als physische Grundlage der menschlichen Existenz steht der K\u00f6rper seit jeher im Fokus naturwissenschaftlicher Forschung, aber auch geisteswissenschaftlicher \u00dcberlegungen, wo er insbesondere in der Ph\u00e4nomenologie eine Schl\u00fcsselrolle einnimmt. Wie etwa Maurice Merleau-Ponty gezeigt hat, ist der Leib unser ma\u00dfgeblichster Ber\u00fchrungspunkt &hellip; <a href=\"https:\/\/allover-magazin.com\/?p=845\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"footnotes":""},"categories":[54,12],"tags":[48,46,47,45],"class_list":["post-845","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ausgabe-2","category-interviews","tag-grenzen","tag-hulle","tag-korper","tag-mode"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/845","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=845"}],"version-history":[{"count":39,"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/845\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1027,"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/845\/revisions\/1027"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=845"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=845"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=845"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}