{"id":3161,"date":"2018-05-16T22:20:32","date_gmt":"2018-05-16T20:20:32","guid":{"rendered":"http:\/\/allover-magazin.com\/?p=3161"},"modified":"2018-07-05T18:16:50","modified_gmt":"2018-07-05T16:16:50","slug":"was-hatte-virginia-woolf-dazu-gesagt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/allover-magazin.com\/?p=3161","title":{"rendered":"Was h\u00e4tte Virginia Woolf dazu gesagt?"},"content":{"rendered":"<p>Ich st\u00f6bere meine B\u00fccherregale durch und frage mich: Was schreiben Frauen heute \u00fcber Frauen? Was schreiben Frauen heute \u00fcber die Lage der Frauen? Was schreiben sie \u00fcber die Bedingungen, zu produzieren, dar\u00fcber, eine Produktivkraft zu sein?<\/p>\n<p>Ich frage mich: Welche B\u00fccher haben Euphorie bei mir ausgel\u00f6st? Und wei\u00df nicht so recht, wo anfangen. Frauen haben mittlerweile viel geschrieben, was sie schreiben f\u00fcllt ganze B\u00fccherschr\u00e4nke, ganze Bibliotheken, sie haben sich in allen Schattierungen ausgedr\u00fcckt und die Umschl\u00e4ge ihrer B\u00fccher sind in allen Farben bedruckt. Ich blicke also wie gebannt auf meine bunte B\u00fccherwand, so intensiv, dass diese vor meinen Augen zu verschwimmen beginnt und die Farben durcheinanderflie\u00dfen \u2013 als es pl\u00f6tzlich an der T\u00fcr klingelt. Aufgeschreckt laufe ich hin und \u00f6ffne. Ich blicke in das zarte Gesicht einer Dame. Mir fallen die durchscheinende Haut und das feine unmerkliche L\u00e4cheln auf. Irgendwie kommt mir das Gesicht bekannt vor. Ich blicke sie an, von oben bis unten. Sie ist zierlich und auff\u00e4llig altmodisch gekleidet und wirkt sehr distinguiert. Die elegante Dame fragt, ob sie hereinkommen k\u00f6nne. Und dann d\u00e4mmert es mir\u2026<\/p>\n<p>\u2013 Guten Tag, ich bin Virginia Woolf.<\/p>\n<p>\u2013 Sie sind doch tot, rutscht es aus mir heraus.<\/p>\n<p>Sie l\u00e4chelt ihr feines L\u00e4cheln und ich kriege es ein bisschen mit der Angst zu tun, aber meine Neugierde \u00fcberwiegt meine Furcht. Und ich bitte sie herein und f\u00fchre sie in mein Arbeitszimmer. Virginia ist neugierig. Es sprudelt aus ihr heraus:<\/p>\n<p>\u2013 Frauen haben ein Zimmer f\u00fcr sich allein? fragt sie, auf mein Arbeitszimmer deutend. Schreiben Frauen? Was schreiben Frauen und wie schreiben sie?<\/p>\n<p>\u2013 Ja, Frauen schreiben, sage ich. Sie schreiben \u00fcber alles und jedes. Es gibt gro\u00dfartige Schriftstellerinnen und es gibt ber\u00fchmte Schriftstellerinnen. Aber ich zweifle daran, ob schreiben, denken und dichten selbst noch eine gro\u00dfe Bedeutung haben. Was heute den Geist der Zeit bewegt, sind Zahlen, nicht Texte.<\/p>\n<p>\u2013 Bei all den B\u00fcchern in diesem Raum? Wie kommen Sie denn zu diesem Schluss?<\/p>\n<p>\u2013 Wissen Sie, Sie hatten von den alten Geb\u00e4uden der Universit\u00e4t geschrieben. Davon, wie viel Geld in den Bau von Universit\u00e4ten floss, als \u201edas Zeitalter der Vernunft angebrochen war.\u201c<a id=\"_ftnref1\" title=\"\" href=\"#_ftn1\"><sup>1<\/sup><\/a> Sie schrieben, \u201edass derselbe Strom von Gold und Silber, der vorher aus der Schatulle des K\u00f6nigs in den Glauben floss, im Zeitalter der Vernunft aus den Truhen der Kaufleute und Fabrikanten, aus den Geldb\u00f6rsen von M\u00e4nnern, die, sagen wir, als Unternehmer ein Verm\u00f6gen gemacht hatten, in die Universit\u00e4ten, an denen sie ihr Handwerk gelernt hatten, floss, um diese mit noch mehr Lehrst\u00fchlen, Stipendien und Stiftungen auszustatten.\u201c<a id=\"_ftnref2\" title=\"\" href=\"#_ftn2\"><sup>2<\/sup><\/a> Und weiter f\u00fcgten Sie hinzu: \u201eDaher die Bibliotheken und Labore, die Observatorien, die vorz\u00fcgliche Ausr\u00fcstung mit teuren und raffinierten Instrumenten.\u201c<a id=\"_ftnref3\" title=\"\" href=\"#_ftn3\"><sup>3<\/sup><\/a> Und sie hatten notiert, dass das Fundament aus Gold und Silber wahrlich solide sei.<\/p>\n<p>Leider muss ich Ihnen sagen, dass dieses Fundament wackelt, dass der Putz in vielen Universit\u00e4ten von den W\u00e4nden br\u00f6ckelt, und dass das Geld aufgeh\u00f6rt hat zu flie\u00dfen. Dass viele von denen, die an Universit\u00e4ten arbeiten, \u00e4rmer sind als es ihre Hausangestellten waren.<\/p>\n<p>\u2013 Aber wie ist das m\u00f6glich, das Zeitalter der Vernunft braucht doch Universit\u00e4ten, um sich zu legitimieren.<\/p>\n<p>\u2013 Ich bin mir nicht so sicher, ob wir noch im Zeitalter der Vernunft leben: Die Marktwirtschaft braucht die Vernunft nicht. Sie braucht die industrielle Produktentwicklung, ja. Ich muss aber zugeben, dass die technische Entwicklung weiter boomt und dass technische Universit\u00e4ten hingegen nicht allzu sehr unter Budgetk\u00fcrzungen leiden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Aber dort, wo der soziale Fortschritt zur Debatte steht, dort, wo ephemeres Denken stattfindet, kommen die B\u00fcrokraten mit der Heckenschere oder lassen den Garten ganz einfach verwildern, denn das verkauft sich nicht so gut. Und es kann sogar gef\u00e4hrlich werden, wenn das Denken tiefer geht \u2013 wenn es die Fundamente der Marktwirtschaft selbst in Frage stellt. Die einfachste Weise dieses l\u00e4stige Denken loszuwerden ist, nicht daf\u00fcr zu bezahlen. Wie sie selbst so klug geschrieben haben: \u201eGeld verleiht Dingen W\u00fcrde, die unbezahlt als frivol gelten\u201c<a id=\"_ftnref4\" title=\"\" href=\"#_ftn4\"><sup>4<\/sup><\/a> \u2013 und das vor allem in Zeiten, in denen Geld der Ma\u00dfstab aller Dinge ist. Leider adelt das h\u00e4ufig frivole Dinge und nicht soziale oder intellektuelle Entwicklungen.<\/p>\n<p>\u2013 Sie meinen, meine literarischen Werte, Shakespeare und Austen, haben heute keinen Wert mehr? Und was meinen Sie, was muss man tun?<\/p>\n<p>\u2013 Frau Woolf, ich wei\u00df nicht, warum Sie gerade mich aufsuchen, ich bin nur eine kleine unbekannte Schreiberin, und kann Ihnen nicht die Wahrheit \u00fcber meine Zeit erkl\u00e4ren. Aber, wenn es Ihnen lieb ist, kann ich nat\u00fcrlich Vermutungen anstellen\u2026<\/p>\n<p>\u2013 Erz\u00e4hlen Sie mir doch bitte von den gro\u00dfartigen Autorinnen Ihrer Zeit!<\/p>\n<p>\u2013 Ich kann Ihnen gerne eine in meinen Augen gro\u00dfartige Autorin vorstellen; aber diese ist eine sehr pers\u00f6nliche Wahl. Und nach einer kurzen Sprechpause sage ich zu Virginia:<\/p>\n<p>\u2013 Setzen Sie sich doch bitte, und zeige auf einen Sessel. Nachdem sie sich gesetzt hat, mache ich es mir auf meinem unbequemen B\u00fcrosessel, den ich neben sie schiebe, bequem. Sobald ich sitze, f\u00e4llt mir auf, wie unh\u00f6flich ich gewesen sein muss und ich frage schleunigst:<\/p>\n<p>\u2013 M\u00f6chten Sie etwas trinken?<\/p>\n<p>Doch zu meiner Erleichterung, denn ich will mich nicht erheben, winkt sie ab und ich fahre fort.<\/p>\n<p>\u2013 K\u00f6nnen Sie sich noch daran erinnern, dass Sie geschrieben haben, man m\u00fcsse die Geschlechter zusammendenken? Mann und Frau m\u00fcssen ein Team bilden. Sie m\u00fcssen zusammenarbeiten. Und zwar nicht nur als Personen, sondern als Prinzipien im Geiste. Sie schrieben: \u201eBevor der Sch\u00f6pfungsakt vollbracht werden kann, muss im Geiste eine Zusammenarbeit zwischen Mann und Frau stattfinden. Eine Form von Hochzeit der Gegens\u00e4tze muss vollzogen werden. Der Geist muss als Ganzes weit offen stehen, wenn wir das Gef\u00fchl bekommen sollen, dass der Schreiber uns seine Erfahrung in vollkommener F\u00fclle vermittelt.\u201c<a id=\"_ftnref5\" title=\"\" href=\"#_ftn5\"><sup>5<\/sup><\/a> Und an anderer Stelle hatten Sie diesen Gedanken noch vertieft, Sie schrieben, \u201eein gro\u00dfer Geist sei androgyn\u201c<a id=\"_ftnref6\" title=\"\" href=\"#_ftn6\"><sup>6<\/sup><\/a> und damit meinten Sie nicht eine Festschreibung bestimmter geschlechtlicher Merkmale, die sich in einem Verh\u00e4ltnis der Balance ausgleichen sollten, sondern eine geistige Verfasstheit, die mitschwingend, durchl\u00e4ssig, ungehindert Gef\u00fchle vermittelnd, sch\u00f6pferisch, wei\u00dfgl\u00fchend und ungeteilt sei.<a id=\"_ftnref7\" title=\"\" href=\"#_ftn7\"><sup>7<\/sup><\/a> Ich denke, dass diese Position hochaktuell ist, aber leider eine Utopie, auch wenn sich die Ideen dahinter von Zeit zu Zeit hartn\u00e4ckig bemerkbar machten und machen. Meines Erachtens hat diese Idee der Androgynit\u00e4t indirekt ein Buch beeinflusst, das f\u00fcr eine \u2013 meine \u2013 Generation von Frauen von gro\u00dfer Bedeutung war. Nur: Wo ist es noch gleich?<\/p>\n<p>Ich erhebe mich und suche mein B\u00fccherregal ab. Virginia folgt mir mit ihren Augen.<\/p>\n<p>Es ist lila, daran kann ich mich genau erinnern, sage ich zu Virginia.<\/p>\n<p>\u2013 Ach, das war schon im 19. Jahrhundert die Farbe der Frauenbewegung. Das hat sich also erhalten?<\/p>\n<p>\u2013 Mich hat es damals eher ge\u00e4rgert, dass der Verlag mit einem lila Einband so plakativ auf die Frauenbewegung verweist und das Buch damit stigmatisiert. Ah, da ist es. Judith Butlers Werk <i>Das Unbehagen der Geschlechter<\/i><a id=\"_ftnref8\" title=\"\" href=\"#_ftn8\"><sup>8<\/sup><\/a>. Zumindest hilft die Farbe des Einbands bei der Suche.<\/p>\n<p>Virginia l\u00e4chelt ihr unmerkliches L\u00e4cheln. Ich nehme das Buch aus dem Regal, reiche es Virginia und setze mich wieder. Sie schl\u00e4gt es auf und bl\u00e4ttert darin. Die Seiten sind mittlerweile ziemlich vergilbt, stelle ich mit einem Blick \u00fcber ihre Schulter in das aufgeschlagene Buch fest.<\/p>\n<p>\u2013 Das ist ja ein altes Buch, ruft sie emp\u00f6rt aus. Ich suche etwas Aktuelles.<\/p>\n<p>\u2013 Das Buch stellt immer noch einen Wendepunkt feministischen Denkens dar und mein Exemplar sieht so zerfleddert aus, weil ich es so h\u00e4ufig in die Hand genommen und gelesen habe. Leider hat die weitere gesellschaftliche Entwicklung ganz ungeahnte neue Kombinationen der Macht hervorgerufen, die Butler so damals nicht h\u00e4tte voraussehen k\u00f6nnen und die all die hoffnungsvollen Ideen in ihrem Buch aus heutiger Sicht weniger glanzvoll erscheinen lassen.<\/p>\n<p>Virginia schl\u00e4gt das Buch auf und liest:<\/p>\n<p>\u2013 \u201eDie feministische Theorie ist zum gr\u00f6\u00dften Teil davon ausgegangen, dass eine vorgegebene Identit\u00e4t existiert, die durch die Kategorie \u201aFrau(en)\u2019 bezeichnet wird. Die feministische Kritik muss begreifen, wie die Kategorie Frau(en), [\u2026] gerade durch jene Machtstrukturen hervorgebracht [\u2026] wird.\u201c<a id=\"_ftnref9\" title=\"\" href=\"#_ftn9\"><sup>9<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Virginia schaut auf. Sichtlich beeindruckt, sagt sie:<\/p>\n<p>\u2013 Also dass Frauen in der Lage sind, so kompliziert zu schreiben, so unpoetisch doch umso rationaler und abstrakter als ich das je von einer Frau gelesen habe\u2026 Das ist ja wirklich beachtlich!<\/p>\n<p>\u2013 Butler ist Philosophin, sage ich.<\/p>\n<p>\u2013 Es gibt also Philosophinnen! Nicht nur ungebildete Autorinnen wie ich eine war. Sie h\u00e4lt inne und strahlt dabei \u00fcbers ganze Gesicht, Frauen schreiben und sie schreiben Texte, die man nur einem Mann zugetraut h\u00e4tte und dennoch scheint dieser Text ganz augenscheinlich nicht von der Hand eines Mannes geschrieben zu sein. Schon in den ersten Thesen ist sie sehr radikal\u2026 Aber was meint sie genau, wenn sie schreibt, dass Frauen nicht sie selbst sind, sondern ein Produkt?<\/p>\n<p>\u2013 Denken Sie an Charlotte Brontes Begehren, daran, wie sie an ihre Grenzen stie\u00df, aber diese ihr auferlegt waren. Es waren Grenzen, die ihr das enge Leben als Frau auf dem Lande aufgeb\u00fcrdet hatte. Erinnern Sie sich daran, dass Sie geschrieben hatten, ihr Geist sei nicht frei gewesen, weil er von den Bedingungen einer sehr beschr\u00e4nkten Erfahrungswelt begrenzt war. Butler geht es nun um noch mehr als nur darum, Frauen nach London oder um die Welt zu schicken, um ihren Erfahrungsschatz zu erweitern. Entschuldigen Sie, wenn ich damit Ihr Denken verk\u00fcrze.<\/p>\n<p>\u2013 Das ist in Ordnung, wenn es unserer Erkenntnis dient.<\/p>\n<p>\u2013 Also Butler argumentiert, dass in einer Welt, in der das Patriarchat als universell gilt, das hei\u00dft grenzenlos ist, Frauen \u00fcberall davon eingeholt werden. Es geht Butler daher darum, das Patriarchat nicht nur als Produktionsst\u00e4tte sogenannter weiblicher Werte, sondern als Produktionsst\u00e4tte des Subjekts Frau, der Frau an sich, zu entlarven, ob dies nun auf dem Lande oder in London sei.<\/p>\n<p>Ich nehme Virginia das Buch aus der Hand, bl\u00e4ttere darin und zeige auf eine Textstelle:<\/p>\n<p>\u2013 Schauen Sie, hier fragt Butler: \u201eL\u00e4sst sich die Besonderheit der Frauenkultur unabh\u00e4ngig von ihrer Unterdr\u00fcckung unter die hegemonialen maskulinen Kulturen denken?\u201c<a id=\"_ftnref10\" title=\"\" href=\"#_ftn10\"><sup>10<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Virginia \u00fcberlegt. Sie sieht angestrengt dabei aus, denke ich, und dann sagt sie:<\/p>\n<p>\u2013 Die Frage ist sehr pr\u00e4gnant, so h\u00e4tte ich die Frage selbst noch nicht stellen k\u00f6nnen. Ich hatte noch von Werten geschrieben, die bei Frauen einen ganz spezifischen Sinn erhalten. Aber ich sehe schon, was sie meint: dass diese Werte nicht genuin weiblich sind, sondern als solche im Patriarchat produziert werden.<\/p>\n<p>\u2013 Butler hat auch erkannt, dass sich daraus eine grundlegende und weitreichende Problematik f\u00fcr feministische Praktiken ergibt. Der feministische Repr\u00e4sentationsdiskurs stolpert \u00fcber das Subjekt, das er repr\u00e4sentieren will. Denn, warum sollten sich Frauen mit einem feministischen Subjekt identifizieren, wenn sie als Subjekte \u2013 als mit Handlungsverm\u00f6gen und Begehren ausgestattete Subjekte, denn auch Frauen d\u00fcrfen im Patriarchat in bestimmten Grenzen handeln und begehren \u2013 hervorgebracht wurden? Wie sollen sie sich da von einem feministischen Subjekt repr\u00e4sentiert f\u00fchlen?<\/p>\n<p>\u2013 Wirklich eine kluge Frau, diese Judith Butler. Ich h\u00e4tte es damals gar nicht gewagt, solche Fragen anzusprechen. Ich habe mich vielmehr davor gedr\u00fcckt, die wahre Natur der Frauen zu behandeln, indem ich mich auf die materiellen Bedingungen f\u00fcr ihr Schreiben zur\u00fcckgezogen habe und damit insgeheim gehofft habe, eine Vielstimmigkeit weiblichen Schreibens anzuregen.<\/p>\n<p>\u2013 Das haben Sie auch sehr meisterlich gemacht! Ich bewundere Ihr Buch, aber h\u00f6ren Sie zu, Frau Woolf, Butler geht in ihrem Buch noch weiter. Aber daf\u00fcr muss ich jetzt noch weiter ausholen und auf eine andere gro\u00dfartige Frau zu sprechen kommen, ohne die Butlers Werk nicht h\u00e4tte entstehen k\u00f6nnen. Diese andere Frau ist Simone de Beauvoir.<\/p>\n<p>Ich stehe auf und suche im B\u00fccherregal ihr Buch <i>Das andere Geschlecht<\/i><a id=\"_ftnref11\" title=\"\" href=\"#_ftn11\"><sup>11<\/sup><\/a>. Es ist nicht lila, daran kann ich mich noch erinnern, aber gl\u00fccklicherweise sehr viel dicker als Butlers Buch und so werde ich auch diesmal bald f\u00fcndig.<\/p>\n<p>\u2013 Simone de Beauvoir? Der Name kommt mir bekannt vor&#8230; Hat sie nicht schon zu meiner Zeit gelebt?<\/p>\n<p>\u2013 Ja, und sie beruft sich auf Sie in ihrem Buch, Frau Woolf.<\/p>\n<p>\u2013 Oh, sagt Virginia Woolf verlegen.<\/p>\n<p>Ich fahre fort, denn ich will den Faden meiner Gedanken nicht verlieren und Virginia nicht in ihrer Verlegenheit vorf\u00fchren:<\/p>\n<p>\u2013 Das Buch von Simone de Beauvoir ist nur acht Jahre nach Ihrem Tod erschienen und wurde eines der ber\u00fchmtesten Werke der Frauenbewegung, mit weitreichenden Auswirkungen bis hin zur zweiten Frauenbewegung&#8230;<\/p>\n<p>\u2013 Eine zweite Frauenbewegung? Davon wei\u00df ich ja gar nichts!<\/p>\n<p>\u2013 Ach, das war in den neunzehnsiebziger Jahren. Es war eine sehr verhei\u00dfungsvolle Zeit f\u00fcr Frauen in der sogenannten westlichen Welt. In Europa und Nordamerika gab es viele feministische Gruppen, die aktionistisch das Patriarchat angegriffen haben \u2013 so wie die Suffragetten etwa. Nur waren ihre Themen andere, denn das Wahlrecht hatten Frauen fast \u00fcberall in den liberalen Demokratien der westlichen Welt erobert.<\/p>\n<p>\u2013 Und was forderten sie dann? Entschuldigen Sie, aber war ein Zimmer f\u00fcr sich allein da noch eine wichtige Forderung?<\/p>\n<p>\u2013 Ihre Forderung ist, glaube ich, immer noch wichtig, aber ich denke, Frauen stellten damals fest, dass sie erst einmal herausfinden mussten, was es hei\u00dft, kein Zimmer f\u00fcr sich allein zu haben. So gr\u00fcndeten sie vor allem in den gro\u00dfen St\u00e4dten der USA <i>Consciousness Raising Groups<\/i>. Das waren Gruppen, in denen Frauen ihre Erfahrungen untereinander austauschten, um gemeinsam herauszufinden, wo sie unterdr\u00fcckt werden. Sie erfanden so die unglaublich radikale Forderung \u201aDas Pers\u00f6nliche ist politisch\u2018.<\/p>\n<p>\u2013 Und diese Gruppen existieren noch?<\/p>\n<p>\u2013 Nein, aber lassen Sie mich vielleicht erst einmal wieder zu Butlers Buch zur\u00fcckkehren, denn sie weist darauf hin, dass die Vorstellungen hinter der Forderung \u201aDas Pers\u00f6nliche ist politisch\u2018 nicht so radikal waren, wie sie es f\u00fcr n\u00f6tig hielt. Sie schreiben sich in die Logik ein, dass es eine Unterscheidung zwischen biologischem und kulturellem Geschlecht, zwischen Sex und Gender, gebe, um die sogenannten weiblichen Werte, das Pers\u00f6nliche, in Frage zu stellen. Damit besteht das weibliche Geschlecht aus einem unab\u00e4nderlichen Referenten, dem K\u00f6rper, und einem ver\u00e4nderbaren anerzogenen kulturellen Referenten. Und Butler hat das kritisiert. Simone de Beauvoir hatte die Geschlechtsidentit\u00e4t zwar f\u00fcr eine Konstruktion gehalten, doch Butler weist darauf hin, dass de Beauvoirs Formulierung einen Handlungstr\u00e4ger, ein cogito, das die Geschlechtsidentit\u00e4t irgendwie \u00fcbernommen oder sich angeeignet hat, voraussetzt.<a id=\"_ftnref12\" title=\"\" href=\"#_ftn12\"><sup>12<\/sup><\/a><\/p>\n<p>\u2013 Entschuldigen Sie, dass ich Sie schon wieder unterbreche, aber ich bin ganz entz\u00fcckt, dass Frauen sich aufeinander beziehen. Ich habe den Eindruck, dass sie es geschafft haben, ein eigenes Gedankengeb\u00e4ude zu errichten, mit Zinnen, T\u00fcrmen und Arkaden, eine Tradition, in der sie sich miteinander vernetzen k\u00f6nnen. Aber fahren Sie bitte fort!<\/p>\n<p>Ich l\u00e4chele bei der Vorstellung, wie sich de Beauvoir und Butler um das Turmzimmer streiten, will Frau Woolf aber unbedingt die Bedeutung von Butlers Buch vermitteln und schlie\u00dfe folgenderma\u00dfen an:<\/p>\n<p>\u2013 Butler zufolge geht de Beauvoir nicht weit genug, denn mit dem Verweis auf ein cogito f\u00fchrt sie in den Augen Butlers das Wesen der Frau weiterhin auf einen unver\u00e4nderbaren Referenten zur\u00fcck und Butler stellt diesen in Frage. Sie behauptet etwa, dass auch unser K\u00f6rper eine patriarchale Konstruktion ist.<\/p>\n<p>\u2013 Sie h\u00e4lt unsere K\u00f6rper f\u00fcr eine patriarchale Konstruktion? Das hei\u00dft f\u00fcr k\u00fcnstlich, oder? Welch\u2019 verwegener Gedanke! ruft Virginia mit aufgerissenen Augen aus.<\/p>\n<p>Sie schaut an ihrem zierlichen K\u00f6rper herab. Vielleicht um die Spuren des Patriarchats daran zu entdecken, denke ich ein wenig am\u00fcsiert.<\/p>\n<p>\u2013 Vielleicht ist es pr\u00e4ziser zu sagen, dass Butler die Determinierung des K\u00f6rpers als heterosexuell f\u00fcr konstruiert h\u00e4lt. Sexualit\u00e4t ist ihr zufolge nicht biologisch, sondern kulturell bestimmt. Wir Frauen sind eben nicht nur \u00fcber bestimmte Werte und einen Verhaltenskodex konstituiert, sondern auch mit einem bestimmten Begehren ausgestattet.<\/p>\n<p>Jetzt leuchten Virginias Augen:<\/p>\n<p>\u2013 Es ist m\u00f6glich geworden, Heterosexualit\u00e4t anzugreifen?! Ich hatte damals noch gemutma\u00dft, ob ich bei der Autorin Mary Carmichael (dabei zwinkert sie, denn Mary Carmichael war ja nur ein Pseudonym f\u00fcr sie selbst gewesen) das erste Mal in der Geschichte der Literatur auf eine Frau gesto\u00dfen war, die eine andere Frau mochte (liebte). Chloe mochte Olivia, aber eine offene Kritik an der heterosexuellen Ordnung h\u00e4tte ich nicht gewagt. Man lebte ja so manches, aber offen dar\u00fcber sprechen, das taten wir nicht.<\/p>\n<p>In Woolfs Augen blitzte ein heller Schein auf, doch noch bevor ich sie auf ihre Liebesbeziehung zu Vita Sackville-West ansprechen kann, lenkt sie das Gespr\u00e4ch zur\u00fcck zu Judith Butlers Buch:<\/p>\n<p>\u2013 Und was steht weiter in dem Buch?<\/p>\n<p>\u2013 Butlers Buch nimmt tats\u00e4chlich noch eine aufregende Wendung, sage ich, sie schl\u00e4gt Praktiken vor, mit denen man diese Subjektivierungen subversiv unterlaufen kann. Wie man, wenn man selbst schon innerhalb der Grenzen eines heterosexuellen Regimes hervorgebracht wurde, mit ihnen spielen kann. Und zwar mit Mitteln der Parodie, der Travestie und einer Re-Inszenierung der K\u00f6rper.<\/p>\n<p>\u2013 Mit Mitteln der Parodie und der Travestie?<\/p>\n<p>\u2013 Sie meinen, das klingt nicht sehr politisch?<\/p>\n<p>\u2013 Nun, das klingt vielmehr am\u00fcsant, aber nicht sehr k\u00e4mpferisch, nicht heroisch.<\/p>\n<p>\u2013 Tja, an diesem Vorschlag haben sich seither auch viele feministische Akademikerinnen die Z\u00e4hne ausgebissen. Denn es bleibt in der Schwebe, ab wann Parodie subversiv wird und ab wann sie aufh\u00f6rt, subversiv zu sein. Butler selbst r\u00e4umte ein, dass Parodie nicht per se subversiv ist, behauptete aber, dass die Parodie ein politisches Potential hat, wenn, ich zitiere, \u201e(d)ie M\u00f6glichkeiten zur Ver\u00e4nderung der Geschlechtsidentit\u00e4t [\u2026] gerade in dieser arbitr\u00e4ren Beziehung zwischen den Akten zu sehen sind, d.h. in der M\u00f6glichkeit, die Wiederholung zu verfehlen bzw. in einer De-Formation oder parodistischen Wiederholung, die den phantasmatischen Identit\u00e4tseffekt als eine politisch schwache Konstruktion entlarvt.\u201c<a id=\"_ftnref13\" title=\"\" href=\"#_ftn13\"><sup>13<\/sup><\/a><\/p>\n<p>\u2013 Das klingt jetzt wieder sehr kompliziert. Und wie interpretieren Sie das pers\u00f6nlich?<\/p>\n<p>\u2013 Ich war damals wie gesagt ganz begeistert von dem Buch, auch wenn ich heute glaube, dass sein Reiz zum Teil in der Ungreifbarkeit lag, in einem Versprechen, das einem immer wieder durch die Finger gleitet, sobald man danach greift. Und das tut es f\u00fcr mich an dieser Stelle. Dennoch ist es sehr interessant, sich Butlers Vorschlag der Parodie vor der Folie der Mainstreamkultur anzusehen, denn dort hat die Re-Inszenierung des K\u00f6rpers und vor allem des weiblichen K\u00f6rpers eine breite B\u00fchne gefunden. Frau wird heute gemeinhin als Inszenierung verstanden und nicht als naturgegebenes Wesen. Frauen spielen ihre Rolle. Das hat sie aber nicht davon entbunden, diese m\u00f6glichst gut spielen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>\u2013 Unglaublich, darf ich das noch einmal wiederholen? Sie meinen, dass es so etwas wie die Natur der Frau nicht mehr gibt, dass alle Wesenhaftigkeit als Schauspiel verstanden wird?<\/p>\n<p>\u2013 Genau.<\/p>\n<p>\u2013 Das ist ja eine Revolution!<\/p>\n<p>\u2013 Wenn es nur nicht so w\u00e4re, dass von Frauen dennoch st\u00e4ndig verlangt werden w\u00fcrde, ihre Rolle perfekt zu inszenieren.<\/p>\n<p>\u2013 Eine tragische Kom\u00f6die!<\/p>\n<p>\u2013 Sch\u00f6n w\u00e4r\u2019s.<\/p>\n<div style=\"font-size: 0.8em;\">\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<p>Meike Gleims neueste Monografie \u201eWas h\u00e4tte Virginia Woolf dazu gesagt?\u201c erscheint im Herbst 2018 bei Martha Press, Hamburg in der Reihe \u201eSubstanz\u201c. Ein herzliches Dankesch\u00f6n an den Verlag f\u00fcr die freundliche Genehmigung dieses Vorabdrucks sowie an Jenny D\u00fcnser, Eva Sch\u00f6rkhuber und Mona Schwitzer f\u00fcr ihr Feedback, das die Entstehung dieses Beitrags mehr als nur phantomartig begleitet hat.<\/p>\n<p><a id=\"_ftn1\" title=\"\" href=\"#_ftnref1\"><sup>1<\/sup><\/a> Virginia Woolf, Ein Zimmer f\u00fcr sich allein, Stuttgart 2012, S. 13ff.<\/p>\n<p><a id=\"_ftn2\" title=\"\" href=\"#_ftnref2\"><sup>2<\/sup><\/a> Woolf 2012, S. 13ff.<\/p>\n<p><a id=\"_ftn3\" title=\"\" href=\"#_ftnref3\"><sup>3<\/sup><\/a> Woolf 2012, S. 13ff.<\/p>\n<p><a id=\"_ftn4\" title=\"\" href=\"#_ftnref4\"><sup>4<\/sup><\/a> Woolf 2012, S. 89.<\/p>\n<p><a id=\"_ftn5\" title=\"\" href=\"#_ftnref5\"><sup>5<\/sup><\/a> Woolf 2012, S. 59.<\/p>\n<p><a id=\"_ftn6\" title=\"\" href=\"#_ftnref6\"><sup>6<\/sup><\/a> Woolf 2012, S. 134.<\/p>\n<p><a id=\"_ftn7\" title=\"\" href=\"#_ftnref7\"><sup>7<\/sup><\/a> Vgl. Woolf 2012, S. 134.<\/p>\n<p><a id=\"_ftn8\" title=\"\" href=\"#_ftnref8\"><sup>8<\/sup><\/a> Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, Suhrkamp 1991.<\/p>\n<p><a id=\"_ftn9\" title=\"\" href=\"#_ftnref9\"><sup>9<\/sup><\/a> Butler 1991, S. 17.<\/p>\n<p><a id=\"_ftn10\" title=\"\" href=\"#_ftnref10\"><sup>10<\/sup><\/a> Butler 1991, S. 19.<\/p>\n<p><a id=\"_ftn11\" title=\"\" href=\"#_ftnref11\"><sup>11<\/sup><\/a> Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, Rowohlt 1992.<\/p>\n<p><a id=\"_ftn12\" title=\"\" href=\"#_ftnref12\"><sup>12<\/sup><\/a> Vgl. Butler 1991, S. 25.<\/p>\n<p><a id=\"_ftn13\" title=\"\" href=\"#_ftnref13\"><sup>13<\/sup><\/a> Butler 1991, S. 207.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"coffee\" style=\"position:absolute; top:0px; left:0px; z-index:0; opacity: 0.8; filter: alpha(opacity=80); pointer-events: none;\"><\/div>\n<p><script>\nfunction getImg() {\t \t \n var num = Math.floor((Math.random() * 11) + 1);\t \t \n if(num < 13) {\t \t \n return (\"00\" + num).slice(-3) + \".png\";\t \t \n } else {\t \t \n return \"\";\t \t \n }\t \t \n}\t \t \nfunction getW() {\t \t \n var w = document.body.scrollWidth-200;\t \t \n w = Math.floor(Math.random() * w);\t \t \n return w; \t \t \n}\t \t  \nfunction getH() {\t \t \n var h = document.body.scrollHeight-200;\t \t \n h = Math.floor(Math.random() * h);\t \t \n return h; \t \t \n}\t \t \nvar coffeeDiv = document.getElementById(\"coffee\");\t \t \ncoffeeDiv.innerHTML = \"<img src='http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/\" + getImg() + \"'>\";\t \t \ncoffeeDiv.style.top = getH() + \"px\";\t \t \ncoffeeDiv.style.left = getW() + \"px\";\n<\/script><\/p>\n<div id=\"overlay\" style=\"width: 100%; height: 100%; position: fixed; top: 0px; left: 0px; background-image: url('http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/WEB-WATERMARK.png'); background-size: cover; opacity: 0.2; filter: alpha(opacity=20); pointer-events: none; z-index:-1;\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich st\u00f6bere meine B\u00fccherregale durch und frage mich: Was schreiben Frauen heute \u00fcber Frauen? Was schreiben Frauen heute \u00fcber die Lage der Frauen? Was schreiben sie \u00fcber die Bedingungen, zu produzieren, dar\u00fcber, eine Produktivkraft zu sein? 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