{"id":3009,"date":"2017-10-24T20:31:26","date_gmt":"2017-10-24T18:31:26","guid":{"rendered":"http:\/\/allover-magazin.com\/?p=3009"},"modified":"2017-11-22T16:13:50","modified_gmt":"2017-11-22T14:13:50","slug":"the-shadow-from-above","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/allover-magazin.com\/?p=3009","title":{"rendered":"The shadow from above"},"content":{"rendered":"<p><i>Technology didn\u2019t come from outer space. We humans invented it, and thus our relationship with is inevitably tautological. Technology can only ever allow us to access and experience new sides of humanity that lay dormant or untapped. Nothing human is alien. The radio gave us both Hitler and the Beach Boys. The Internet gave us Mentos, Diet Coke and kittens. Drones give us a new dimension of pubescent snoopiness, but they\u2019re also giving us massively asymmetrical warfare\u2026 and hideous unmerited death.<\/i><sup><a href=\"#edn1\">1<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Dass die kulturphilosophische Diskussion um Fragen der Un-\/Sichtbarkeit im Zeitalter des Digitalen vor ganz neuen Herausforderungen steht, ist offensichtlich. Ein Blick in die westliche Kulturgeschichte verr\u00e4t indes ihren kontroversen Ursprung: von Platons <i>Gyges<\/i>-Mythos \u00fcber H.G. Wells\u2018 Roman <i>The Invisible Man<\/i> bis hin zu J.R.R. Tolkiens <i>The Lord of the Rings <\/i>und J. K. Rowlings <i>Harry Potter<\/i>.<i> <\/i>Haben die HeldInnen einmal die \u00fcbermenschliche Gabe erlangt, unsichtbar zu sein, werden sie mit ihrer eigenen Machtversessenheit konfrontiert und missbrauchen sie h\u00e4ufig. Der Unsichtbarkeits-Mythos enth\u00e4lt gleichsam eine warnende Parabel f\u00fcr die moralische Schw\u00e4che und das B\u00f6se im Menschen und l\u00e4sst historisch gewachsene Vorstellungen eines ethisch gleichberechtigten Blickverh\u00e4ltnisses evident werden. So bemerkt die Kulturwissenschaftlerin Clare Birchall in Bezug auf Wells\u2019 Roman<i> The Invisible Man<\/i>: \u201eIn the novel, as in other fictional accounts \u2013 filmic, televisual and literary \u2013 invisibility raises moral and ethical questions. Griffin abuses his visibility because he can. Unobservable violence proves too tempting.\u201d<sup><a href=\"#edn2\">2<\/a><\/sup> Birchall \u00fcberf\u00fchrt den Unsichtbarkeits-Mythos in die Gegenwart und bringt ihn mit einer neuen, neoliberalen \u201ePolitik der Geheimhaltung und (vermeintlichen) Transparenz\u201c im digitalen Zeitalter in Verbindung. \u00dcberwachung und Kontrolle stehen demnach in einem unmittelbaren Verh\u00e4ltnis mit Formen manipulierter (Un-)Sichtbarkeit und Verschleierung. Mit Birchall m\u00f6chte ich im Folgenden die dringende Frage stellen, welche Aspekte politischer, milit\u00e4rischer und \u00f6konomischer Entscheidungen verborgen beziehungsweise unsichtbar bleiben und wie neue, durch die Ereignisse des 11. Septembers legitimierte Bildtechnologien dazu beitragen, politische Machtgef\u00fcge aufrecht zu erhalten.<\/p>\n<p>In der milit\u00e4risch motivierten und durch George Bush und Barack Obama als Reaktion auf den 11. September perfektionierten Drohnentechnologie erlangt die Debatte um Aspekte der (Un-)Sichtbarkeit besondere Virulenz. Indem Drohnen die M\u00f6glichkeit einer totalen Archivierung von Bild und Raum sowie die zweifelhafte M\u00f6glichkeit einer einseitigen Kriegsf\u00fchrung ohne (sichtbaren) K\u00f6rper liefern, ergeben sich neue visuelle Regime und Ungleichgewichte, die einen direkten Einfluss auf die (Un-)Sichtbarkeit von Gesicht und K\u00f6rper haben und somit grundlegende Fragen einer neuen Ethik des Sehens stellen. Kritische Stimmen, vor allem von PhilosophInnen und KulturwissenschaftlerInnen wie Gr\u00e9goire Chamayou, Nicholas Mirzoeff und Byung-Chul Han warnen deshalb davor, dass die Nutzung von Drohnen-Technologie untrennbar mit neuen, fragw\u00fcrdigen Ethiken der Kriegsf\u00fchrung und \u00dcberwachung verbunden sei. Mein Essay widmet sich dem milit\u00e4rischen Einsatz von Drohnen und sucht nach M\u00f6glichkeiten einer Konfrontation mit und Emanzipation aus den ungleichen Blickverh\u00e4ltnissen aus der Perspektive der Bildwissenschaft. Welche Strategien lassen sich in der zeitgen\u00f6ssischen Kunst finden, die das asymmetrische Verh\u00e4ltnis von Drohneneins\u00e4tzen thematisieren? Und wie problematisieren sie das ihnen zugrunde liegende Verh\u00e4ltnis von (Un-)Sichtbarkeit, Bild, Macht und K\u00f6rper? Die besprochenen Werke legen verschiedene Strukturen visueller Macht offen und durchbrechen Formen der Geheimhaltung beziehungsweise \u00fcberf\u00fchren sie in die Sichtbarkeit.<\/p>\n<p>Die wohl wichtigste und grundlegendste Eigenschaft der Drohne gr\u00fcndet sich auf der physischen Trennung von Flugobjekt\/Kamera und PilotIn: Ein Ort und seine BewohnerInnen k\u00f6nnen aus einer oft tausende Kilometer gro\u00dfen Distanz observiert und bombardiert werden. Statt von einer Drohne spricht man beim Milit\u00e4r deshalb auch von einem unbemannten Luftfahrzeug, abgek\u00fcrzt \u201eUAV\u201c (Unmanned Aerial Vehicle). Da die Steuerung einer Drohne entweder vom Boden oder von einem Bordcomputer aus erfolgt, bleibt der oder die BesitzerIn der Drohne selbst bei ihrem Fang anonym.<sup><a href=\"#edn3\">3<\/a><\/sup> In seiner Publikation <i>A Drone Theory<\/i> beschreibt der Philosoph Gr\u00e9goire Chamayou die Geschichte der Drohne als die eines Auges, das in eine Waffe verwandelt wurde. Nach Chamayou beruhe die Drohnen-Technologie vornehmlich auf folgenden Faktoren: \u201e(1) The principle of persistent surveillance or permanent watch; (2) The principle of a totalization of perspectives or synoptic viewing; (3) The principle of creating an archive or film everyone\u2019s life; (4) The principle of data fusion; (5) The principle of the detection of anomalies and preemptive anticipation\u201c. All dies f\u00fchrt nach Chamayou zu einer Revolution der Blickverh\u00e4ltnisse.<sup><a href=\"#edn4\">4<\/a><\/sup> Der technische Aufbau g\u00e4ngiger Kampfdrohnen liefert die Fakten f\u00fcr diese Thesen: Die mit neun Kameras ausgestattete Reaper-Drohne kann w\u00e4hrend ihres Einsatzes ein Gebiet von 26 Quadratkilometern aus verschiedenen Blickwinkeln erfassen. Dabei entstehen dreidimensionale Bilder, welche es erm\u00f6glichen, mehrere Ziele gleichzeitig zu verfolgen und zu bombardieren. Entsprechend dem auf heroische Terminologien versessenen Milit\u00e4rjargon wurde das Beobachtungssystem der Reaper-Drohnen nach dem mythologischen hundert\u00e4ugigen Riesen Argus (ARGUS-IS) benannt. Das ARGUS-IS der Reaper-Drohne verf\u00fcgt \u00fcber ein komplexes Kamerasystem, das ein 15 Zentimeter kleines Objekt aus sechs Kilometern H\u00f6he identifizieren und unabh\u00e4ngig voneinander 368 verschiedene Ziele verfolgen und filmisch aufzeichnen kann. So lassen sich auf den Bildern mit niedriger Bildrate keine individuellen Gesichtsz\u00fcge, wohl aber die Kleidungsfarbe eines Menschen oder etwa die Bewegung eines Vogels erkennen. Angesichts der technischen Omnipr\u00e4senz des Blicks vergleicht Chamayou die Konzeption der Drohnenkamera auch mit dem \u201eAuge Gottes\u201c.<sup><a href=\"#edn5\">5<\/a><\/sup> Dieses \u201eAuge Gottes\u201c zeigt die Erdoberfl\u00e4che im Sinne eines Computerspiels als grafisch entr\u00fccktes, beherrschbares Schemenbild. Der Akt des T\u00f6tens wird per Joystick so zum distanzierten, entk\u00f6rperlichten Erlebnis. Durch die visuelle Distanz und die (einseitige) Anonymit\u00e4t ergibt sich ein asymmetrisches Blickverh\u00e4ltnis, das, wie der Kulturphilosoph Byung-Chul Han anmerkt, ein herk\u00f6mmliches Kriegsverst\u00e4ndnis aufl\u00f6st: \u201eBeim Drohneneinsatz ist die Asymmetrie total. Sie ist auch in dem Sinne total, dass es nicht m\u00f6glich ist, den Angreifer zu t\u00f6ten. Er ist eben nicht dort, wo die T\u00f6tung geschieht. Allein diese totale Ungleichheit macht den Kriegsbegriff selbst obsolet.\u201c<sup><a href=\"#edn6\">6<\/a><\/sup> Das Wegfallen einer menschlichen Begegnung stellt einen der grundlegendsten Aspekte der milit\u00e4rischen Gewaltaus\u00fcbung dar. Indem Philosophen wie Emmanuel L\u00e9vinas in der facialen Begegnung von Angesicht zu Angesicht noch die Grundvoraussetzung gesellschaftlichen und ethischen Handels ausmachen,<sup><a href=\"#edn7\">7<\/a><\/sup> ergibt sich im unscharfen, entk\u00f6rperlichten Bild der Drohne ein offenkundiges Missverh\u00e4ltnis von Sehen und Gesehen-Werden sowie von Zeigen und Verbergen. Es f\u00e4llt leichter das verpixelte, \u00fcberindividuelle Bild eines oder einer vermeintlich terroristischen Angreifers oder Angreiferin auszul\u00f6schen als ein menschliches Gegen\u00fcber.<\/p>\n<div id=\"attachment_3041\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/allover-magazin.com\/?attachment_id=3041\" rel=\"attachment wp-att-3041\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3041\" class=\"wp-image-3041 size-medium\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Abb.-1-300x169.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"169\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Abb.-1-300x169.jpg 300w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Abb.-1.jpg 477w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3041\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 1: Anonymes K\u00fcnstler_innenkollektiv aus Pakistan\/US und JR., Not a Bug Splat, Khyber Pakhtunkhwa\/ Pakistan, 2014.<\/p><\/div>\n<p>Beispielhaft f\u00fcr eine k\u00fcnstlerische Reaktion auf die neue Vertikalisierung der Blickverh\u00e4ltnisse wurde eine aktionistisch motivierte Kunstaktion, die vom franz\u00f6sischen Foto-Streetartist JR angeregt wurde und viel mediale Aufmerksamkeit erhielt.<sup><a href=\"#edn8\">8<\/a><\/sup> In Zusammenarbeit mit einem anonymen amerikanisch-pakistanischen K\u00fcnstler_innenkollektiv<sup><a href=\"#edn9\">9<\/a><\/sup> entstand unter dem Hashtag <i>#NotABugSplat<\/i> (2014) eine auf Drohnenkameras und Satellitenbilder ausgerichtete Fotoaktion im \u00f6ffentlichen Raum. Die Gruppe installierte ein vielfach vergr\u00f6\u00dfertes Halbportr\u00e4t eines kleinen pakistanischen M\u00e4dchens auf einem Feld in der pakistanischen Region Khyber Pukhtoonkhwa, nahe der afghanischen Grenze \u2013 ein Gebiet, das f\u00fcr den regelm\u00e4\u00dfigen Beschuss durch US-amerikanische Drohnen bekannt ist. Im Umgang mit einer fotografischen Bildtradition funktioniert die <i>#NotABugSplat<\/i>-Aktion eher konventionell und muss in eine bestimmte Linie journalistisch-humanistischer Fotografie gesetzt werden, die von Susan Sontag als \u201emoralisch-gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfig\u201c kritisiert wurde.<sup><a href=\"#edn10\">10<\/a><\/sup> Das stark vergr\u00f6\u00dferte Portr\u00e4tfoto zeigt ein M\u00e4dchen, das seine Eltern bei einem US-amerikanischen Drohneneinsatz in Nord Wasiristan, einer Bergregion im nordwestlichen Pakistan, verlor. Das Bild wurde vom Fotojournalisten Noor Behram aufgenommen und von dem im Drohnen-Rechtsstreit engagierten Menschenrechtanwalt Shahzad Akbar an das K\u00fcnstlerkollektiv weitergeleitet.<sup><a href=\"#edn11\">11<\/a><\/sup> Der Titel <i>#NotABugSplat<\/i> verweist auf die zynische Tatsache, dass DrohnenpilotInnen beim Akt des T\u00f6tens oftmals von \u201eK\u00e4fer zerquetschen\u201c (\u201ebug splat\u201c) sprechen, da die Menschen auf den verpixelten Computerscreens wie kleine, insektenartige Punkte aussehen.<sup><a href=\"#edn12\">12<\/a><\/sup> (Abb. 1) Die nur f\u00fcr kurze Zeit installierte Foto-Aktion zielt auf eine Umkehrung der asymmetrischen Blickverh\u00e4ltnisse und versucht, die <i>Unsichtbarkeit<\/i> menschlicher Individuen ins Gegenteil zu verkehren beziehungsweise ihr \u201ewahres\u201c Gesicht ins Blickfeld der AngreiferInnen zu r\u00fccken. Dabei appelliert die emotionalisierte Aufnahme des \u201eunschuldigen Kindes als Opfer\u201c sowohl an den menschlichen Blick der DrohnenpilotInnen als auch an eine gr\u00f6\u00dfere \u00d6ffentlichkeit zur Aufkl\u00e4rung menschlicher Zivilopfer bei Drohneneins\u00e4tzen. So sind gesch\u00e4tzt mehrere tausend Zivilisten bei US-amerikanischen Drohnen-Eins\u00e4tzen in Pakistan, Somalia, Jemen, Afghanistan und im Irak umgekommen. Viele von ihnen bleiben unidentifiziert.<\/p>\n<div id=\"attachment_3042\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/allover-magazin.com\/?attachment_id=3042\" rel=\"attachment wp-att-3042\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3042\" class=\"size-medium wp-image-3042\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Abb.-2-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Abb.-2-300x225.jpg 300w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Abb.-2.jpg 436w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3042\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 2: Anonymes K\u00fcnstler_innenkollektiv aus Pakistan\/US und JR., Not a Bug Splat, Khyber Pakhtunkhwa\/ Pakistan, 2014.<\/p><\/div>\n<p>Als eine der Hauptursachen hierf\u00fcr gilt das vom U.S. Milit\u00e4r genannte Argument, dass es sich bei den Eins\u00e4tzen um die Suche nach Terroristen des Islamischen Staats handle, weshalb der CIA mit einem eigenen Drohnenprogramm einbezogen wurde, was die Aufkl\u00e4rung der Drohnen-Toten schwierig bis unm\u00f6glich macht.<sup><a href=\"#edn13\">13<\/a><\/sup> Die UN-Sonderbeauftragten f\u00fcr den Schutz der Menschenrechte beklagen vor allem die \u201efehlende Transparenz\u201c bei der Nutzung von Drohnen und verweisen auf die ungekl\u00e4rte (Menschen-)Rechtslage von Drohneneins\u00e4tzen in Kriegsgebieten.<sup><a href=\"#edn14\">14<\/a><\/sup> (Abb. 2) Die k\u00fcnstlerische Aktion zielt auf die Sichtbarmachung der zivilen Opfer und versucht das Image einer \u201asauberen\u2019 Kriegstechnologie ohne \u201aKollateralsch\u00e4den\u2019 zu widerlegen. Auch wenn es nur schwer vorstellbar ist, dass eine solche Foto-Aktion im \u00f6ffentlichen Raum wirklich von DrohnenpilotInnen beachtet wird, so kann das mediale Echo, welches sie in den westlichen Medien erzielte, doch als wichtiger Beitrag zur Diskussion um eine ver\u00e4nderte Kriegspolitik gewertet werden.<\/p>\n<div id=\"attachment_3043\" style=\"width: 563px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/allover-magazin.com\/?attachment_id=3043\" rel=\"attachment wp-att-3043\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3043\" class=\"wp-image-3043 size-full\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Abb.-3.jpg\" alt=\"\" width=\"553\" height=\"395\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Abb.-3.jpg 553w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Abb.-3-300x214.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 553px) 100vw, 553px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3043\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 3: James Bridle, Drone Shadow 002, Istanbul, 2012.<\/p><\/div>\n<p>Eine ebenfalls f\u00fcr den \u00f6ffentlichen Raum konzipierte Aktion ist die Serie <i>Drone Shadow<\/i> (2012\u20132014) des britischen K\u00fcnstlers James Bridle, die er \u2013 im Gegensatz zur <i>Not a Bug Splat-<\/i>Fotoaktion \u2013 vornehmlich im \u00f6ffentlichen Raum westlicher L\u00e4nder realisiert hat. <i>Drone Shadow<\/i> wurde als fortlaufendes Kommissions-Kunstprojekt im Rahmen von Ausstellungen und Festivals initiiert und besteht aus dem immer gleichen, im Verh\u00e4ltnis 1:1 \u00fcbertragenen Original-Schatten einer MQ-9-Reaper-Drohne, den Bridle in hellen Umrissz\u00fcgen auf den Boden an \u00f6ffentlichen Orten \u00fcbertragen l\u00e4sst<sup><a href=\"#edn15\">15<\/a><\/sup> \u2013 so etwa neben einer griechisch-orthodoxen Kirche in Istanbul (<i>Drone Shadow 002<\/i>), vor einer Kirche in Washington (<i>Drone Shadow 004<\/i>), in Brighton an der Strandpromenade (<i>Drone Shadow 003<\/i>) oder auf einem \u00f6ffentlichen Platz in London (<i>Drone Shadow 006<\/i>).<sup><a href=\"#edn16\">16<\/a><\/sup> (Abb. 3) Ein wichtiger Aspekt der Aktion ist die Idee der offenen Struktur sowie der Co-Autorschaft. So stellt der K\u00fcnstler die Ma\u00dfe und Anleitung f\u00fcr die Umsetzung des Drohnenschattens frei als Download zur Verf\u00fcgung und unterst\u00fctzt damit eine Verbreitung des Motivs.<sup><a href=\"#edn17\">17<\/a><\/sup> Bridle verfolgt mit seiner Intervention \u2013 wie auch das Kollektiv der <i>Not a Bug Splat<\/i>-Aktion<i> <\/i>\u2013 einen ver\u00e4nderten Umgang beziehungsweise ein wachsendes Bewusstsein f\u00fcr den Einsatz t\u00f6dlicher Drohnen. Das Bild einer \u00fcber dem vermeintlich sicheren st\u00e4dtischen Raum schwebenden Drohne \u00fcberf\u00fchrt die st\u00e4ndige Bedrohung, in welcher sich die Zivilgesellschaft in Kriegsgebieten befindet, in das westliche \u201eHeimatland\u201c. Gleichzeitig visualisiert der k\u00f6rperlose Schatten von Bridles Drohnen-Serie die permanente aeriale \u00dcberwachung des \u00f6ffentlichen Raums in Krisengebieten und f\u00fchrt das dort herrschende Diktat der Sichtbarkeit vor.<\/p>\n<p>In seiner Publikation <i>The Right To Look<\/i> spricht der Bildwissenschaftler Nicholas Mirzoeff im Zusammenhang mit virtueller Kriegsf\u00fchrung und visueller Kontrolle von einer \u201epost-panoptischen\u201c Perspektive auf die Welt, welche den ehemals architektonisch fest definierten Ort und die menschlichen BeobachterInnen nicht nur unsichtbar, sondern vor allem auch anonym mache. Das Postpanoptikum zeichnet sich durch seinen interaktiven, dezentralen, un\u00fcbersichtlichen und opaken Charakter aus. W\u00e4hrend das traditionelle Panoptikum von Jeremy Bentham noch als Architektur angelegt war und eine sichtbare Trennung von \u00dcberwacherInnen und \u00dcberwachten vollzog, ergibt sich bei dem Einsatz von Drohnen-Technologien ein asymmetrisches Sichtverh\u00e4ltnis: Der \u00dcberwachende ist ein Algorithmus oder bleibt durch die Distanz zum Einsatzort unsichtbar. Hierdurch ist eine totale Kontrolle m\u00f6glich, die zudem keine geografischen (Staats-)Grenzen mehr ber\u00fccksichtigen muss.<sup><a href=\"#edn18\">18<\/a><\/sup> F\u00fcr die Analyse digital erzeugter, vertikaler Bilder stellen sich deshalb zwei grundlegende Fragen: Welche Vorstellung von Wirklichkeit liefern Drohnen- und Satellitenbilder, die f\u00fcr Angriffs- und \u00dcberwachungszwecke entwickelt worden sind? Und wie \u00e4ndern diese neuen Technologien das Verh\u00e4ltnis von Sichtbarkeit\/Unsichtbarkeit des digital erfassten K\u00f6rpers?<\/p>\n<div id=\"attachment_3044\" style=\"width: 492px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/allover-magazin.com\/?attachment_id=3044\" rel=\"attachment wp-att-3044\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3044\" class=\"size-full wp-image-3044\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Abb.-4.jpg\" alt=\"\" width=\"482\" height=\"319\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Abb.-4.jpg 482w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Abb.-4-300x199.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 482px) 100vw, 482px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3044\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 4: Tomas Van Houtryve, Blue Sky Days, 2013.<\/p><\/div>\n<p>Auch das auf Drohnenbildern basierende Fotoprojekt <i>Blue Sky Days<\/i> setzt in diesem Spannungsfeld von Sichtbarkeit und \u00dcberwachung an. Der durch seine Fotoreportagen in Nepal, Nord Korea, Vietnam und China bekannt gewordene,<sup><a href=\"#edn19\">19<\/a><\/sup> US-amerikanische Fotograf und K\u00fcnstler Tomas Van Houtryve produzierte die Schwarz-Wei\u00df-Fotoserie 2013 als Auftragsarbeit f\u00fcr eine Sonderausgabe des <i>Harper\u2019s<\/i> <i>Magazine<\/i>, in der sie 16 Seiten einnahm.<sup><a href=\"#edn20\">20<\/a><\/sup> <i>Blue Sky Days<\/i> wurde mit einer auf Amazon erworbenen Amateurdrohne aufgenommen, an der Van Houtryve eine Kamera mit einem Bild\u00fcbermittlungssystem befestigt hatte. Die Technik seiner Amateurdrohne ist dementsprechend mit der simplifizierten Version einer Predator oder Reaper UVA vergleichbar. <i>Blue Sky Days<\/i> beruht \u2013 wie auch die <i>#NotABugSplat<\/i>-Aktion \u2013 auf dem tragischen Schicksal eines Drohnenopfers, das den K\u00fcnstler nach eigener Aussage nicht mehr losgelassen habe. Demnach h\u00f6rte Van Houtryve die Geschichte des 13-j\u00e4hrigen Pakistaners Zubair Rehman, dessen Gro\u00dfmutter bei einem Drohneneinsatz der US-amerikanischen Luftwaffe beim Sammeln von Okraschoten vor ihrem Haus get\u00f6tet wurde. Rehman, der selbst bei dem Angriff verletzt wurde, sprach 2013 vor einem Rechtsausschuss in Washington DC, wo er aussagte: \u201cI no longer love blue skies, in fact, I now prefer grey skies. The drones do not fly when the skies are grey.\u201d<sup><a href=\"#edn21\">21<\/a><\/sup> Van Houtryve nahm dieses emotionale Statement als titelgebenden Anlass f\u00fcr das <i>Blue Sky Days<\/i>-Projekt, um mit seiner Drohne in den USA zu bestimmten Anl\u00e4ssen wie Hochzeiten oder Beerdigungen, an denen sich Menschengruppen versammeln, zu reisen. (Abb. 4) Solche Menschenansammlungen sind beliebte Angriffsziele bei Drohneneins\u00e4tzen im US-amerikanischen \u201eWar Against Terror\u201d geworden, da hier terroristische Verstecke vermutet werden. Au\u00dferdem suchte sich Van Houtryve Orte f\u00fcr seine Aufnahmen aus, die potenzielle \u00dcberwachungsziele der US Airforce und des CIA sind, wie etwa Gef\u00e4ngnisse, \u00d6lfelder und die Grenzgebiete der USA-Mexiko-Grenze. Bemerkenswerterweise zeigen die nachbearbeiteten, digitalen Fotografien Van Houtryves jedoch nicht die grob verpixelte, verschwommene Perspektive g\u00e4ngiger Drohnenbilder, sondern verwenden eine kontrastreiche Schwarz-Wei\u00df-Bildgestaltung. Hierdurch werden Umrisslinien, Schatten und Formen besonders betont, was zu teilweise abstrakten Kompositionen in der Landschaft f\u00fchrt. Sie zeigen Ansichten der Erdoberfl\u00e4che aus der Luft, welche den menschlichen K\u00f6rper nur mehr als Silhouette oder als Schatten in der Landschaft abbilden und die auf \u00dcberwachung und Kontrolle bedachte Drohnentechnologie in eine neue Sichtbarkeit \u00fcberf\u00fchren.<\/p>\n<div id=\"attachment_3047\" style=\"width: 402px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/allover-magazin.com\/?attachment_id=3047\" rel=\"attachment wp-att-3047\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3047\" class=\"size-full wp-image-3047\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Abb.-5.jpg\" alt=\"\" width=\"392\" height=\"516\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Abb.-5.jpg 392w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Abb.-5-228x300.jpg 228w\" sizes=\"auto, (max-width: 392px) 100vw, 392px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3047\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 5: Laszlo Moholy-Nagy, Sicht vom Berliner Funkturm im Winter, 1928, 38.4 x 28.6 cm,<br \/>Silbergelatine-Print.<\/p><\/div>\n<p>Verfolgte man eine Verortung in einem spezifischen kunsthistorischen Kanon, so lie\u00dfe sich in Van Houtryves kompositorisch durchgearbeitetem Bildaufbau eine formale Referenz zur avantgardistischen Fotografie des <i>Neuen Sehens<\/i> von L\u00e1szl\u00f3 Moholy-Nagy feststellen. Die fotografische Schule des <i>Neuen Sehens<\/i> wird gemeinhin als \u201eSehschule\u201c bezeichnet, welche die BetrachterInnen auf die neuen Bedingungen und die Ver\u00e4nderungen der Wahrnehmung des modernen Alltags- sowie vor allem des Gro\u00dfstadtlebens vorbereitete.<sup><a href=\"#edn22\">22<\/a><\/sup> Dabei wird der Fotoapparat zu einem \u201eneuen Instrument des Sehens\u201c, welcher die menschliche Wahrnehmung in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung stellt und \u201e\u00fcberkommene \u00e4sthetische-philosophisch-metaphysische Traditionen zu \u00fcberwinden hat\u201c.<sup><a href=\"#edn23\">23<\/a><\/sup> Symptomatisch hierf\u00fcr f\u00e4llt Moholy-Nagys fotografische Praxis in die Zeit erster theoretisch fundierter, historischer Auseinandersetzungen mit der Fotografie. Sein Werk ist von einem gro\u00dfen Interesse an den Innovationen und technischen M\u00f6glichkeiten der Fotografie gepr\u00e4gt. Um diese auszuloten, entwickelte Moholy-Nagy extremste Perspektiven, vor allem Schr\u00e4g-, Unter- und Aufsichten architektonischer Stadtbauten. In seiner einflussreichen Schrift <i>Das Neue Sehen<\/i> (1932) proklamierte er darauf Bezug nehmend: \u201ethe most essential for us is the airplane view, the complete space experience\u201c.<sup><a href=\"#edn24\">24<\/a><\/sup> Besonders beispielhaft l\u00e4sst sich dies auf seinen in die Fotografiegeschichte eingegangenen Aufnahmen des Berliner Funkturms erkennen.<sup><a href=\"#edn25\">25<\/a><\/sup> Ausschlaggebend ist hierbei nicht zuletzt auch, dass die Luftaufnahmen Moholy-Nagys zeitlich mit dem verst\u00e4rkten kartographischen Interesse der Zwischenkriegszeit zusammenfallen. Sie k\u00f6nnen deshalb \u2013 \u00fcber die wahrnehmungstheoretische Auseinandersetzung mit der Fotografie hinaus \u2013 als Reaktion auf die Entwicklung der Luftfotografie und das Fortschreiten einer \u201evertikalen\u201c Sicht auf die Welt gesehen werden. Letztere steht \u2013 wie die Drohnenfotografie \u2013 in enger Verbindung mit der propagandistischen Forderung nach Erweiterung, Beherrschung und Kontrolle des menschlichen Lebensraums sowie der Erdoberfl\u00e4che.<sup><a href=\"#edn26\">26<\/a><\/sup> (Abb. 5) (Abb. 6)<\/p>\n<div id=\"attachment_3045\" style=\"width: 492px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/allover-magazin.com\/?attachment_id=3045\" rel=\"attachment wp-att-3045\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3045\" class=\"size-full wp-image-3045\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Abb.-6.jpg\" alt=\"\" width=\"482\" height=\"276\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Abb.-6.jpg 482w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Abb.-6-300x172.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 482px) 100vw, 482px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3045\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 6: Tomas Van Houtryve, Blue Sky Days, 2013.<\/p><\/div>\n<p>Zieht man eine Verbindung von Van Houtryves Drohnen-Bildern der US-amerikanischen Erdoberfl\u00e4che zur Avantgarde-Fotografie Moholy-Nagys, l\u00e4sst sich zun\u00e4chst eine kompositorische \u00c4hnlichkeit feststellen. Nach genauerer Betrachtung unterscheiden sich die visuellen Strategien der beiden Fotografen jedoch in einem wichtigen Punkt: Die vision\u00e4ren und vor allem \u00e4u\u00dferst technophilen FotografInnen des <i>Neuen Sehens<\/i> versuchten, die menschliche Perspektive zu \u00fcberwinden und den Fotoapparat zugunsten eines objektiven Erkenntnisgewinns einzusetzen. Deshalb experimentierte Moholy-Nagy mit zun\u00e4chst verwirrenden und \u2013 vermeintlich \u2013 vom menschlichen K\u00f6rper entkoppelten Perspektiven. Van Houtryves Luftaufnahmen der US-amerikanischen Landschaft widersprechen dagegen diesem wahrnehmungspsychologischen Technikoptimismus Moholy-Nagys und konzentrieren sich ganz auf den Aspekt einer neuen Ethik des Sehens. So folgen die <i>Blue Sky Days<\/i>-Fotografien einem gleichbleibend \u201estatischen\u201c Blick von oben auf die Erdoberfl\u00e4che, der im Zeitalter von Google Earth Satellitenbildern und Amateurdrohnen bereits in den Bildkanon integriert ist \u2013 ganz im Gegensatz zu den Aufsehen erregenden Aufnahmen des Berliner Funkturms von Moholy-Nagy. Hierdurch wird in Van Houtryves Amateurdrohnenbildern ein ver\u00e4nderter Umgang mit neuesten, asymmetrischen Blicktechniken des post-panoptischen Zeitalters sichtbar. W\u00e4hrend Moholy-Nagy die Kamera als Erweiterung und Optimierung des K\u00f6rpers beziehungsweise des menschlichen Auges feierte und die M\u00f6glichkeit eines neuen Erkenntnisgewinns in der fotografischen Praxis sah, ist von diesem technophilen avantgardistischen Selbstverst\u00e4ndnis in den Drohnen-Fotografien Van Houtryves \u2013 zumindest in einem technischen Sinn \u2013 nicht viel \u00fcbrig geblieben. Die \u201epost-fotografische\u201d<sup><a href=\"#edn27\">27<\/a><\/sup> Praxis der Drohnenbilder basiert auf einer Trennung von K\u00f6rper und Kameralinse. Sie erm\u00f6glicht folglich keine sensorische Erweiterung des K\u00f6rpers (im Sinne eines aufkl\u00e4rerischen Sehens der Schule des <i>Neuen Sehens<\/i>). Das k\u00fcnstlerische Interesse von Van Houtryves <i>Blue Sky Days<\/i>-Serie verlagert den Fokus von der Erarbeitung eines \u201eNeuen Sehens\u201c und den Effekten extremer Kameraperspektive auf ein Spiel mit der Erwartungshaltung der BetrachterInnen. Indem Van Houtryve durch seinen Umgang mit Perspektive und Motiv danach fragt, wie sich ein Drohnenangriff im vermeintlich sicheren westlichen Heimatland ereignen k\u00f6nnte, r\u00fcckt er seine k\u00fcnstlerische Praxis in den Bereich des \u201ekritischen Dokumentarismus\u201c.<sup><a href=\"#edn28\">28<\/a><\/sup> Dabei scheint es ihm vor allem auf die Sichtbarmachung \u201epost-panoptischer\u201c Kontrolle sowie auf eine Visualisierung der nicht-eindeutigen Erkennbarkeit von Menschen auf Drohnenbildern anzukommen, welche auf einer vermeintlichen Objektivit\u00e4ts- beziehungsweise Transparenzbehauptung basieren. Wichtig hierf\u00fcr ist zudem auch die Einbettung der <i>Blue Sky Days<\/i>-Bilder in einen journalistischen Kontext, da die Produktionszusammenh\u00e4nge der Fotoserie und ihre Motivation offengelegt werden. Indem der Fotograf die Perspektive seiner Drohnenkamera auf das eigene, westliche Heimatland lenkt, entwirft er im Sinne Nicholas Mirzoeffs eine Strategie der \u201ecounter visuality\u201d, welche das Verh\u00e4ltnis von Beobachtenden und Beobachteten, beziehungsweise Angreifenden und Angegriffenen, umkehrt.<sup><a href=\"#edn29\">29<\/a><\/sup> (Abb. 7)<\/p>\n<div id=\"attachment_3046\" style=\"width: 492px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/allover-magazin.com\/?attachment_id=3046\" rel=\"attachment wp-att-3046\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3046\" class=\"size-full wp-image-3046\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Abb.-7.jpg\" alt=\"\" width=\"482\" height=\"319\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Abb.-7.jpg 482w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Abb.-7-300x199.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 482px) 100vw, 482px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3046\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 7: Tomas van Houtryve, Blue Sky Days, 2013. Silbergelatine-Print.<\/p><\/div>\n<p>Die BetrachterInnen von Van Houtryves Fotografien bekommen die Willk\u00fcrlichkeit und Entk\u00f6rperlichung des Drohnenauges vorgef\u00fchrt. Sie sind dazu angehalten, den zweifelhaften Blick milit\u00e4rischer Luftbilder, der vornehmlich auf der Deutung verpixelter Oberfl\u00e4chen beruht, zu hinterfragen. Wie auch die aktionistisch motivierten Interventionen <i>Not A Bug Splat<\/i> und <i>Drone Shadow, <\/i>ist die Fotoserie an einer Ethik gleichberechtigter Blickverh\u00e4ltnisse interessiert: Sie konzentrieren sich auf die Offenlegung \u201easymmetrischer\u201c Bildtechnologien und decken in ihren Bildfindungen L\u00fccken und Manipulationen neuester Medienberichterstattungen auf, welche den Drohnenkrieg als \u201esauberes\u201c Unterfangen ohne sichtbare verwundete K\u00f6rper verkaufen wollen. Indem sie sich auf die Sichtbarmachung digitaler Kontrolle und Aspekte technischer Manipulation von Drohnentechnologie konzentrieren, liefern sie einen wichtigen Beitrag zur Debatte um Geheimhaltung und (Un-)Sichtbarkeit.<\/p>\n<div style=\"font-size: 0.8em;\">\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<p><a id=\"edn1\"><\/a> 1 Douglas Coupland, Creep. URL: http:\/\/dismagazine.com\/dystopia\/76408\/creep-douglas-coupland\/ [26.7.2017].<\/p>\n<p><a id=\"edn2\"><\/a> 2 Clare Birchall, Introduction, in: Clare Birchall (Ed.): The In\/Visible, Living Books About Live, 2012. URL: http:\/\/www.livingbooksaboutlife.org\/books\/The_in\/visible\/introduction [26.7.2017].<\/p>\n<p><a id=\"edn3\"><\/a> 3 Dan Gettinger, The Drone Primer. A Compendium Of The Key Issues, Center for Study of the Drone, New York 2014, S. 3.<\/p>\n<p><a id=\"edn4\"><\/a> 4 Gr\u00e9goire Chamayou, Th\u00e9orie du drone, Paris 2013; hier zitiert nach: Gr\u00e9goire Chamayou,<i> <\/i>A Drone Theory, London 2015, S. 38ff.<\/p>\n<p><a id=\"edn5\"><\/a> 5 Chamayou 2015, S. 37.<\/p>\n<p><a id=\"edn6\"><\/a> 6 Byung-Chul Han, Die Ethik des Drohnenkriegs, 12.02.2013. URL: http:\/\/www.matthes-seitz-berlin.de\/artikel\/byung-chul-han-die-ethik-des-drohnenkriegs.html [26.7.2017].<\/p>\n<p><a id=\"edn7\"><\/a> 7 Emmanuel L\u00e9vinas, Ethik und Unendliches. Gespr\u00e4che mit Philippe Nemo, Wien 1996.<\/p>\n<p><a id=\"edn8\"><\/a> 8 In diversen, internationalen Medien (CNN, The Guardian, et cetera) wurde \u00fcber die Aktion berichtet, zudem existiert eine eigene Website zur Aktion. URL: https:\/\/www.theguardian.com\/world\/shortcuts\/2014\/apr\/07\/artists-give-human-face-drones-bug-splat-pakistan [26.7.2017].<\/p>\n<p><a id=\"edn9\"><\/a> 9 URL: <a href=\"https:\/\/notabugsplat.com\/about\/\">https:\/\/notabugsplat.com\/about\/<\/a> [26.7.2017].<\/p>\n<p><a id=\"edn10\"><\/a> 10 So kritisierte Sontag in ihrem einflussreichen Essay \u201eOn Photography\u201c (1977) am Beispiel der Fotografien von Diane Arbus den \u201eGlamour-versessenen\u201c Charakter ihrer pseudo-dokumentarischen \u201eOpfer\u201c-Fotografie auf das Sch\u00e4rfste: \u201eArbus\u2019 Werk ist ein gutes Beispiel f\u00fcr eine Haupttendenz der anspruchsvollen Kunst in kapitalistischen L\u00e4ndern: der Tendenz, moralisches und gef\u00fchlsm\u00e4ssig bedingtes Unbehagen zu unterdr\u00fccken, mindestens aber zu reduzieren. Ein grosser Teil der modernen Kunst zielt darauf ab, die Reizschwelle dessen, was entsetzlich ist, herabzudr\u00fccken.\u201c Vgl.: Susan Sontag, \u00dcber Fotografie, Frankfurt am Main 2006, S. 44.<\/p>\n<p><a id=\"edn11\"><\/a> 11 URL: http:\/\/edition.cnn.com\/2014\/04\/09\/world\/asia\/pakistan-drones-not-a-bug-splat\/index.html [26.7.2017]; URL: https:\/\/www.theguardian.com\/profile\/mirza-shahzad-akbar [26.7.2017].<\/p>\n<p><a id=\"edn12\"><\/a> 12 URL: https:\/\/news.vice.com\/article\/giant-art-installation-in-pakistan-tells-us-drone-operators-people-arent-bug-splat [26.7.2017].<\/p>\n<p><a id=\"edn13\"><\/a> 13 Jan Boone, Pakistan court says former CIA station chief will face charges over drone strike, the guardian, 7.4.2014. URL: <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2015\/apr\/07\/former-cia-station-chief-pakistan-murder-charges-drone-strike\">https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2015\/apr\/07\/former-cia-station-chief-pakistan-murder-charges-drone-strike<\/a> [3.10.2017].<\/p>\n<p>Greg Miller, U.S. launches secret drone campaign to hunt Islamic State leaders in Syria, The Washington Post, 1.9.2015. URL: https:\/\/www.washingtonpost.com\/world\/national-security\/us-launches-secret-drone-campaign-to-hunt-islamic-state-leaders-in-syria\/2015\/09\/01\/723b3e04-5033-11e5-933e-7d06c647a395_story.html [15.10.2017]; sowie URL: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/drohnenkrieg-whistleblower-veroeffentlicht-geheime-dokumente-a-1058043.html\">http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/drohnenkrieg-whistleblower-veroeffentlicht-geheime-dokumente-a-1058043.html<\/a> [3.10.2017].<\/p>\n<p><a id=\"edn14\"><\/a> 14 Han merkt hierzu passend an: \u201eDer Drohnenkrieg wirft sowohl juristische als auch ethische Fragen auf. Die Kritiker erheben den Vorwurf au\u00dfergerichtlicher Hinrichtung. Menschen werden hier oft nach sehr fragw\u00fcrdigen Kriterien hingerichtet, ohne dass ihre Schuld bewiesen w\u00e4re. Der Verdacht gen\u00fcgt f\u00fcr die T\u00f6tung. Sie werden also umgebracht. Die gezielte T\u00f6tung durch Drohnen verletzt das Prinzip des Rechtsstaates. Die Bef\u00fcrworter weisen auf ihr Recht der Selbstverteidigung hin. Der Artikel 51 der UN-Charta lautet: \u201aDiese Charta beeintr\u00e4chtigt im Falle eines bewaffneten Angriffs gegen ein Mitglied der Vereinten Nationen keineswegs das naturgegebene Recht zur individuellen oder kollektiven Selbstverteidigung.\u2018 Aber die pr\u00e4ventive T\u00f6tung auf Verdacht hat insofern keine Legitimation, als sie ohne jede unmittelbare Bedrohung erfolgt. Get\u00f6tet werden dabei auch ganz unschuldige Zivilisten.\u201c Vgl.: Byung-Chul Han, Die Ethik des Drohnenkriegs, 12.02.2013. URL: http:\/\/www.matthes-seitz-berlin.de\/artikel\/byung-chul-han-die-ethik-des-drohnenkriegs.html [26.7.2017].<\/p>\n<p><a id=\"edn15\"><\/a> 15 URL: http:\/\/www.newyorker.com\/tech\/elements\/the-drone-shadow-catcher [26.7.2017].<\/p>\n<p><a id=\"edn16\"><\/a> 16 URL: https:\/\/www.dezeen.com\/2014\/04\/29\/drone-shadows-graphics-james-bridle-designs-of-the-year-2014\/ [26.7.2017].<\/p>\n<p><a id=\"edn17\"><\/a> 17 Man kann sich auf Flickr ein Handbuch mit Anleitung und Ma\u00dfangaben herunterladen. URL: https:\/\/www.flickr.com\/photos\/stml\/sets\/72157638510036333\/[26.7.2017].<\/p>\n<p><a id=\"edn18\"><\/a> 18 Nicholas Mirzoeff, The Right to Look, London 2011, S. 279.<\/p>\n<p><a id=\"edn19\"><\/a> 19 Vgl.: Tomas Van Houtryve\/Tzvetan Todorov, Geschlossene Gesellschaften: eine fotografische Reise durch kommunistische L\u00e4nder<i>,<\/i> Bern 2012.<\/p>\n<p><a id=\"edn20\"><\/a> 20 Thomas Van Houtryve, Blue Sky Days, in: <i>Harper\u2019s Magazine<\/i>, April 2014 Issue. Ein Jahr sp\u00e4ter gewann Van Houtryve mit dieser Fotoserie den zweiten Preis beim \u201cWorld Press Photo Award 2015\u201d in der Kategorie \u201cContemporary Issues\u201d. URL: <a href=\"http:\/\/animalnewyork.com\/2014\/america-drone-tomas-van-houtryves-blue-sky-days\/\">http:\/\/animalnewyork.com\/2014\/america-drone-tomas-van-houtryves-blue-sky-days\/<\/a> [26.7.2017], sowie URL: <a href=\"http:\/\/www.worldpressphoto.org\/collection\/photo\/2015\">http:\/\/www.worldpressphoto.org\/collection\/photo\/2015<\/a> [26.7.2017].<\/p>\n<p><a id=\"edn21\"><\/a> 21. Vgl.: URL: <a href=\"http:\/\/tomasvh.com\/works\/blue-sky-days\/%25234\">http:\/\/tomasvh.com\/works\/blue-sky-days\/#4<\/a> [26.7.2017]. Zur Motivation im Umgang mit dem Medium sagte Van Houtryve in einem Interview: \u201eHow can America be involved in a decade-long war where the sky is buzzing with cameras, and yet the public remains totally in the dark? As drones fill the skies above America, how is the public likely to react? Will the sight of them eventually be as ordinary as seeing an airplane or bird, or will people start wishing for gray skies like the traumatized young Zubair Rehman?\u201d Vgl.: Thomas Van Houtryve, A Sky Full of Cameras, in: National Geographic, 15. August 2014. URL: http:\/\/proof.nationalgeographic.com\/2014\/08\/15\/tomas-van-houtryve-a-sky-full-of-cameras\/ [26.7.2017].<\/p>\n<p><a id=\"edn22\"><\/a> 22 Bernd Stiegler, Theoriegeschichte der Photographie, M\u00fcnchen 2006, S. 196.<\/p>\n<p><a id=\"edn23\"><\/a> 23 Stiegler 2006, S. 197f.<\/p>\n<p><a id=\"edn24\"><\/a> 24 L\u00e1szl\u00f3 Moholy-Nagy, The New Vision: From Material to Architecture, New York 1932, S. 178.<\/p>\n<p><a id=\"edn25\"><\/a> 25 Wie der Fototheoretiker Bernd Stiegler betont, geht es Moholy-Nagy in seiner fotografischen Praxis vor allem um die Betonung der \u201eapparativen Seite des photographischen Prozesses\u201c sowie um die \u201eSouver\u00e4nit\u00e4t der Photographie gegen\u00fcber der Wahrnehmung\u201c. F\u00fcr Moholy-Nagy liefert der Fotoapparat rein objektive Bilder, w\u00e4hrend das menschliche Auge das Gesehene immer an eine subjektive Assoziation und Erg\u00e4nzung bindet. Vgl.: Stiegler 2006, S. 198.<\/p>\n<p><a id=\"edn26\"><\/a> 26 Maria Engelskirchen, Zwischen Imagination und Geopolitik. Max Ernsts Europa nach dem Regen, in: all-over, Magazin f\u00fcr Kunst und \u00c4sthetik, Nr. 4, Fr\u00fchjahr 2013. URL: http:\/\/allover-magazin.com\/?p=1702 [14.9.2016].<\/p>\n<p><a id=\"edn27\"><\/a> 27 Einer der wichtigsten und ausschlaggebenden Faktoren f\u00fcr ein ver\u00e4ndertes Fotografie- und Wirklichkeitsverst\u00e4ndnis seit den 1990er Jahren ist fraglos im digitalen Wandel zu finden, der das Zeitalter der so genannten \u201ePost-Fotografie\u201c einleitet. Mit Ersetzung des analogen Fotofilms durch einen Chip \u00e4ndert sich die fotografische Information vom Indexikalischen ins Diskontinuierliche. Hierdurch besteht keine Kausalit\u00e4t mehr zwischen Referent und Fotografie, da das aus Algorithmen bestehende Bildprodukt viele, nicht mehr nachweisbare Ver\u00e4nderungen durchlaufen kann. Vgl.: William James Mitchell, The Reconfigured Eye. Visual Truth in the Post-Photographic Era, Cambridge MA 1992.<\/p>\n<p><a id=\"edn28\"><\/a> 28 Der Begriff des \u201ekritischen Dokumentarismus\u201d ist unter anderem auf Hito Steyerl zur\u00fcckzuf\u00fchren und thematisiert sowie problematisiert die vermeintliche Objektivit\u00e4t dokumentarischer Bilder, welche bestimmten \u00e4sthetischen und diskursiven Kriterien folgen. Vgl. Hito Steyerl, Die Farbe der Wahrheit \u2013 Dokumentarismen im Kunstfeld<i>, <\/i>Wien 2008.<\/p>\n<p><a id=\"edn29\"><\/a> 29 Nicholas Mirzoeff, The Right To Look: A Counterhistory of Visuality, London 2011.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Technology didn\u2019t come from outer space. We humans invented it, and thus our relationship with is inevitably tautological. Technology can only ever allow us to access and experience new sides of humanity that lay dormant or untapped. 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