{"id":3003,"date":"2017-10-24T20:27:09","date_gmt":"2017-10-24T18:27:09","guid":{"rendered":"http:\/\/allover-magazin.com\/?p=3003"},"modified":"2017-11-23T12:39:22","modified_gmt":"2017-11-23T10:39:22","slug":"von-der-bildflache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/allover-magazin.com\/?p=3003","title":{"rendered":"Rektangulierung"},"content":{"rendered":"<p>Der Philosoph Manfred Sommer legt mit seiner Monografie <i>Von der Bildfl\u00e4che<\/i> den Versuch einer <i>Arch\u00e4ologie der Lineatur<\/i>, so der Untertitel, vor. Er hat sich dabei nicht weniger vorgenommen, als den Umst\u00e4nden nachzugehen, wie wir zur Bildfl\u00e4che gekommen sind, was wir \u00fcber die Geschichte hinweg \u00fcber den Prozess ihrer Entstehung beziehungsweise Entwicklung lernen k\u00f6nnen und welche Konsequenzen das auch f\u00fcr uns als NutzerInnen dieser Fl\u00e4chen hat. Die Bezugskonstanten dieser ambitionierten Unternehmung sind zahlreich: Neben der Vor- und Fr\u00fchgeschichte oder der Anthropologie ist Edmund Husserls sp\u00e4te Philosophie eine zentrale Referenz f\u00fcr Sommer.<\/p>\n<p>Husserls Hinwendung zu Geschichte und Lebenswelt, die er in <i>Die Krisis der europ\u00e4ischen Wissenschaften und die transzendentale Ph\u00e4nomenologie<\/i> vollzog, beschreibt, etwas verk\u00fcrzt gesagt, die titelspendende Krise der Wissenschaften als Ausklammerung des menschlichen Subjekts aus der neuzeitlich-modernen, positivistisch ausgerichteten Forschung. Dass Sommer ausgerecht in sprichw\u00f6rtlichen Zeiten wie diesen, die von Debatten zwischen radikalontologischen MaterialistInnen und subjektorientierten EpistemologInnen mitgekennzeichnet sind, in seiner Studie produktiv auf das Subjekt abzielt, ist auf jeden Fall positiv anzuerkennen. Es verwundert deshalb nicht, dass Ph\u00e4nomenologie und Kulturanthropologie ihn dazu bringen, im menschlichen \u201eTun\u201c (S. 11) eine Aktivit\u00e4t zu sehen, die zwischen allem \u201ewas rechteckig aussieht\u201c (S. 11) Verbindungen stiftet. Das Rechteck gilt dem Autor dabei, je nach Betrachtungsweise, als Figur oder als Grund, die sich akkumulierend in ihrer Mehrzahl aufeinander st\u00fctzen und schichten. Seine recht programmatische Geschichte der \u201eRektangulierung\u201c (erstmals S. 13), so sein Neologismus, legt er als Genese einer Ausformung und Wandlung von Gestaltung beziehungsweise gegenw\u00e4rtigem Weiterwirken an: \u201eIch untersuche, wie in den arch\u00e4ologisch fa\u00dfbaren Formationen sich elementare Muster ausbilden und wandeln, sich konsolidieren und zu lebensweltlichen Selbstverst\u00e4ndlichkeiten sedimentieren. Eine Untersuchung dieser Art k\u00f6nnte man als gestaltgenetische Arch\u00e4ologie bezeichnen.\u201c (S. 61) In Anschluss an Husserl und an Maurice Merleau-Ponty will Sommer rekonstruieren und beschreiben, wie die Bildfl\u00e4che \u2013 also \u201ewas \u00fcbrig bleibt, wenn alles von ihr verschwunden ist\u201c (S. 49) \u2013 zu einer Selbstverst\u00e4ndlichkeit geworden ist.<\/p>\n<p>Die von ihm realhistorisch gelesene Arch\u00e4ologie setzt er entsprechend in Bezug zum Lebensvollzug des Menschen mit (und: in) all seinen Praxen. Geschichtlich geht Sommer dabei von einer, so mein Eindruck, neolithischen Wende aus, in der erste Felder bestellt, erste feste H\u00e4user errichtet, Stoffe gewebt und verarbeitet wurden. In diesen Aktivit\u00e4ten sieht der Autor ein Stiften von Kulturtechniken mitabgebildet, die das Rechteck als neue Bildfl\u00e4che pr\u00e4ferieren. Die hier angelegte Lineatur und Rasterung setzt er im ersten Hauptabschnitt in Bezug zu Leon Battista Albertis <i>De pictura<\/i> (1435), und mehr noch zu Albrecht D\u00fcrers Holzschnitt <i>Der Zeichner des liegenden Weibes<\/i> (1538). D\u00fcrers Bild liest Sommer, unter Bezugnahme auf die Zentralperspektive als Wahrnehmungsangebot und nicht als Konstruktionsanleitung, \u00fcberzeugend als den verzweifelten ersten Versuch \u00fcber das, was noch kommen mag. Dabei rechnet der Autor allerdings nicht ein, dass mit dem Bild an sich auch schon die \u00dcberwindung der Krise des Anfangens vorliegt. Sommers Analyse von D\u00fcrers Schnitt f\u00fchrt beispielhaft seine ph\u00e4nomenologische Betrachtungsweise vor: Sehen wird als aktiver Akt verstanden, als Beteiligung der Wahrnehmenden \u2013 und immer als eine \u201ereine Ikonik reduzierter Sichtweisen\u201c (S. 32). Dieser auf Deskription fokussierte Ansatz, der gerade aufgrund des Anspruchs auf blo\u00dfe Deskriptivit\u00e4t nicht frei von m\u00f6glichen Problematiken ist, pr\u00e4gt die gesamte Monografie.<\/p>\n<p>Der zweite, umf\u00e4ngliche Abschnitt ist dann der Entstehung des Ackerbaus und der Ausgestaltung des rechteckigen Felds gewidmet. Der\/die Bauer\/B\u00e4uerin wird bei Sommer als \u201eAkteur\u201c (S. 13) beschrieben, der das Rechteck weniger schafft, als dass es ihm vielmehr w\u00e4hrend er seine pfl\u00fcgende T\u00e4tigkeit vollzieht so ger\u00e4t. \u00dcber drei Str\u00e4nge entwickelt der Autor seine Auseinandersetzung mit der landwirtschaftlichen Kultivierung: erstens die \u201eErdverbundenheit\u201c (S. 66) des Bauern als auch des Malers, wobei ihm Plinius als Hauptzeuge gilt und Husserl einmal mehr gegen Heidegger ausgespielt wird; zweitens der permanente, streckenweise wettbewerbsartige Versuch, eine vollkommen gerade Linie zu ziehen, wobei sich die Idealform des Rechtecks eben nicht als gegeben, sondern als Ergebnis einer prozessualen \u201eVervollkommnungspraxis\u201c (Husserls Begriff; zitiert bei Sommer unter anderem auf S. 74) mittels \u201eleiblich-motorischer\u201c (S. 176) Weiterentwicklung beschrieben sieht; und drittens die Fassbarmachung einer holistischen Wirklichkeitsbeziehung, die deutlich an das erste Hauptkapitel ankn\u00fcpft, da sie eine Plinius-Lekt\u00fcre nutzt, um \u00fcber eine herausgearbeitete Reaktivierung von Evidenz die Aktivierung im Betrachten festzuschreiben. Ein \u00fcber Andr\u00e9 Leroi-Gourhan argumentierter \u201eanthropolgische[r] Gesamtentwurf\u201c (S. 522) l\u00e4sst Sommer die Dominanz des Rechtecks erkl\u00e4ren, wobei die von ihm mitverhandelten \u201eRundungsph\u00e4nomene\u201c (S. 138) kein Ausdruck von Erg\u00e4nzung, sondern von Antagonismus sind: Auf das von Sommer beispielsweise sehr ausf\u00fchrlich beschriebene \u201ekonzirkul\u00e4re Rundfeld\u201c (S. 139) folgt dann eben die apostrophierte \u201eRektangulierung\u201c (S. 13). Es ist dies f\u00fcr Sommer also eine Gestaltung, die eben kein vorgegebenes geometrisches Ende mehr kennt, sehr wohl aber einen Rand \u2013 oder eben einen (historisch sp\u00e4ter folgenden) Rahmen.<\/p>\n<p>Konsequent f\u00fchrt der Autor im dritten Hauptkapitel deshalb vom Feld zur Wand, zu Fenstern, T\u00fcren und zwangsweise zum Haus. F\u00fcr die Beschreibung der \u201eDomestikation\u201c des Bildes an der Wand, also die Vervollst\u00e4ndigung seiner in sich schon angelegten Heimisch-Werdung, kn\u00fcpft Sommer \u00fcberzeugend an die antike Philosophie an: \u00dcber Aristoteles argumentiert er den <i>topos oikos<\/i>, also den Ort, dem ein Element immer schon zustrebt und an dem es sein will; \u00fcber die Stoiker reaktiviert er das Prinzip der <i>oikeiosis<\/i>, also der existenziellen Hauswerdung des Menschen. Im Hausbau ahmt, so Sommer, der steinzeitliche Mensch die \u201eorigin\u00e4re Formungst\u00e4tigkeit\u201c (S. 301) der Natur nach. Mit der Wand kommt es zu einer Vertikalisierung der betrachteten beziehungsweise betrachtbaren rechteckigen Fl\u00e4che. Den sesshaften Ackerbauern definiert Sommer dabei in Abgrenzung zum J\u00e4ger und seiner mobilen Zeltstatt \u2013 ein Umstand, der mit dem vierten, abschlie\u00dfenden Kapitel zu korrespondieren scheint. \u00dcberraschend ist dabei aber, dass Sommer in der k\u00fcrzer gehaltenen Auseinandersetzung mit der \u201eWebtechnik\u201c und der \u201eTextil- und Selbstgestaltung\u201c dem stofflichen Gewebe den Vorrang \u00fcber Acker- und Wandfl\u00e4chen einr\u00e4umt \u2013 eben weil es aufgrund seiner Beweglichkeit am besten zum Menschen passen w\u00fcrde, er uns also \u201eim Stoff zur Mobilit\u00e4t befreit\u201c (S. 518) sieht.<\/p>\n<p>Manfred Sommers selbsterkl\u00e4rtes, immer wieder behauptetes Themenfeld ist die \u201eGestaltgeschichte\u201c (S. 14), ganz gleich ob seine Beispiele aus der Urgeschichte oder der Architekturtheorie stammen. <i>Von der Bildfl\u00e4che<\/i> ist gepr\u00e4gt vom ph\u00e4nomenologischen Wunsch, Entwicklungen zu durchschauen und Voraussetzungen zu verstehen. Seine Arch\u00e4ologie der rechteckigen Fl\u00e4che und der Lineatur entfaltet sich, insbesondere in den ausf\u00fchrlichen Abschnitten \u00fcber Grund und Boden, als eine \u201eUntergrund-Exploration\u201c (S. 188), die auch \u201eKultur-Explikation\u201c (S. 188) sein m\u00f6chte. In ihrer methodologischen Gerichtetheit und der Konzentration auf die verhandelte Sache will er aber erkl\u00e4rterma\u00dfen ausschlie\u00dflich auf \u201edas Auffinden von Symptomen und deren Verwendung als Indizien\u201c (S. 404) hinaus, auf das Beschreiben verwandtschaftlicher Beziehungen zwischen Fl\u00e4chen und Linien. Sommers klare philosophische Positionierung mag diese streckenweise interpretationsscheue Ausrichtung und das damit einhergehende Aussparen zentraler neuerer Texte zum Thema (wie etwa von Jacques Derrida, Michel Serres oder Tim Ingold) erkl\u00e4ren helfen \u2013 die fehlenden Bezugnahmen zu aktuellen bildph\u00e4nomenologischen Arbeiten bleiben aber bei aller \u00dcberzeugungskraft des Buchs trotzdem auff\u00e4llig. Unabh\u00e4ngig davon erweist sich die Lekt\u00fcre der Monografie als lohnend, nicht zuletzt auch wegen der vielen Einblicke und Details in den eingeflochtenen Unterkapiteln (zum Beispiel zur Gestalt des Labyrinths, \u00fcber die Linearisierung der Schrift oder den gewitzten Bez\u00fcgen zu Ovids <i>Metamorphosen<\/i>). Im \u00fcbertragenen Sinn l\u00e4sst sich Manfred Sommers <i>Von der Bildfl\u00e4che<\/i> als eine ph\u00e4nomenologische Betrachtungs- und Wahrnehmungslehre lesen, die sich nicht zuletzt \u00fcber die Beschreibung von Abwesenheiten \u2013 wenn er etwa \u00fcber Fenster, \u00d6ffnungen und Aussparungen schreibt \u2013 formuliert sieht.<\/p>\n<p>Manfred Sommer<br \/>\n<i>Von der Bildfl\u00e4che. Eine Arch\u00e4ologie der Lineatur<br \/>\n<\/i>Berlin: Suhrkamp Verlag 2016<br \/>\n544 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 39,10 Euro<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Philosoph Manfred Sommer legt mit seiner Monografie Von der Bildfl\u00e4che den Versuch einer Arch\u00e4ologie der Lineatur, so der Untertitel, vor. 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