{"id":2687,"date":"2017-04-01T13:31:48","date_gmt":"2017-04-01T11:31:48","guid":{"rendered":"http:\/\/allover-magazin.com\/?p=2687"},"modified":"2017-05-03T17:02:22","modified_gmt":"2017-05-03T15:02:22","slug":"to-become-more-porous-to-produce-more-holes-cracks-and-lighthouses","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/allover-magazin.com\/?p=2687","title":{"rendered":"\u201eTo become more porous. To produce more holes, cracks, and lighthouses.\u201c<a href='#_edn1'>*<\/a>"},"content":{"rendered":"<p>Was ist zu tun angesichts des globalen Status quo, angesichts der Tatsache, dass die fortschreitende Globalisierung keineswegs mit einer Sicherung der Werte Gleichheit und Gerechtigkeit einhergeht und der Erkenntnis, dass die Aufkl\u00e4rung nicht l\u00e4nger die Rolle der sch\u00fctzenden Eltern innehat, sondern jene des schutzbed\u00fcrftigen Babys? Fragen dieser Art stellt sich die russische Gruppe Chto Delat seit ihrer Gr\u00fcndung. Der Titel des Kollektivs ist einem Roman Nikolay Chernyshesvkys aus dem Jahr 1863 entnommen, in welchem der Autor einen Plan f\u00fcr den Aufbau einer sozialistischen Arbeiterorganisation entwirft. Die Gruppe, bestehend aus K\u00fcnstlerInnen, Intellektuellen und AktivistInnen fand sich 2003 in Petersburg zusammen und hat seither dem Regime Putins und dem Kapitalismus den Kampf angesagt. In Anlehnung an die russische Avantgarde, Bertold Brecht und die Situationistische Internationale verbindet ihre medien\u00fcbergreifende Praxis Kunst, Aktivismus und politische Theorie und bewegt sich konzentrisch um die Idee der emanzipatorischen Kraft des Einzelnen und der Gesellschaft.<\/p>\n<div id=\"attachment_2706\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2706\" class=\"wp-image-2706 size-large\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Abb.-1-1024x768.jpg\" alt=\"Abb. 1: Chto Delat, Time Capsule. Artistic Report on Catastrophes and Utopia, 2015, Ausstellungsansicht Berlin, KOW.\" width=\"640\" height=\"480\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Abb.-1-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Abb.-1-300x225.jpg 300w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Abb.-1-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><p id=\"caption-attachment-2706\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 1: Chto Delat, Time Capsule. Artistic Report on Catastrophes and Utopia, 2015, Ausstellungsansicht Berlin, KOW.<\/p><\/div>\n<p><i>Time Capsule \u2013 Artistic Report on Catastrophes and Utopia <\/i>lautet 2015 der Titel der ersten Ausstellung der Gruppe in der Berliner Galerie KOW. Die Ausstellung markiert einen Augenblick der Resignation und der empfundenen Notwendigkeit, die eigene Praxis unter den gegebenen Umst\u00e4nden zu hinterfragen. Die aktuelle Situation in Russland beschreiben Chto Delat als einen wahr gewordenen Albtraum: Trotz des Ukraine-Konflikts, der zahlreichen Menschen das Leben kostet, kann die Regierung sich der Unterst\u00fctzung der breiten Masse erfreuen, RegimegegnerInnen werden gewaltsam unterdr\u00fcckt, KritikerInnen als nationale Verr\u00e4terInnen diffamiert. Das Kollektiv fragt sich: \u201eWhat can be done with this state of affairs? We must recognize our failure: here it is before us. We lost. But we are prepared to learn from our mistakes. Where were our mistakes? What were they? Where did we go wrong?\u201c<a id=\"_ednref2\" title=\"\" href=\"#_edn2\">[2]<\/a> Die im Ausstellungstitel angesprochene Zeitkapsel ist eine papierene Symbiose bestehend aus einem Ohr und einem Herz, in dessen Innerem die Mitglieder des Kollektivs pers\u00f6nliche Dinge verstauten (Abb. 1, 2). Die in einer Vitrine pr\u00e4sentierte Zeitkapsel dient der Kontaktaufnahme mit der Zukunft, mit ihrer Hilfe soll die Hoffnung auf Ver\u00e4nderung aus dem Morast der dystopisch angehauchten Realit\u00e4t katapultiert werden.<\/p>\n<div id=\"attachment_2707\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2707\" class=\"wp-image-2707 size-medium\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Abb.-2-300x199.jpg\" alt=\"Abb. 2: Chto Delat, Time Capsule. Artistic Report on Catastrophes and Utopia, 2015, Ausstellungsansicht Berlin, KOW.\" width=\"300\" height=\"199\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Abb.-2-300x199.jpg 300w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Abb.-2-768x510.jpg 768w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Abb.-2-1024x680.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-2707\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 2: Chto Delat, Time Capsule. Artistic Report on Catastrophes and Utopia, 2015, Ausstellungsansicht Berlin, KOW.<\/p><\/div>\n<p>2017. Die Zukunft ist da. Die sozialpolitischen Albtr\u00e4ume sind noch immer Realit\u00e4t: Angesichts des Ukrainekriegs, des Neonationalismus Putins und der Globalisierung des Ausnahmezustands<a id=\"_ednref3\" title=\"\" href=\"#_edn3\">[3]<\/a> schreibt Dmitry Vilensky in seinem Text f\u00fcr die zweite Ausstellung bei KOW: \u201eAfter all, we have nowhere to flee \u2013 there is no place left where the old Enlightenment consensus has not, to some degree or other, been placed in jeopardy.\u201c<a id=\"_ednref4\" title=\"\" href=\"#_edn4\">[4]<\/a> Und doch: Der Titel der Ausstellung lautet <i>On the Possibility of Light<\/i>. Trotz oder gerade wegen der nach wie vor d\u00fcster ausfallenden Zeitdiagnose muss die Frage, was zu tun ist, wieder aus der Kapsel ausgepackt werden und Ausgangspunkt f\u00fcr Handlungen werden. \u201eTo become more porous. To produce more holes, cracks, and lighthouses.\u201c<a id=\"_ednref5\" title=\"\" href=\"#_edn5\">[5]<\/a> Mit dieser Aufforderung schlie\u00dft Vilensky seinen Text und hieran m\u00f6chte ich mit den folgenden Ausf\u00fchrungen ankn\u00fcpfen. Unter Bezugnahme auf den franz\u00f6sischen Philosophen Jacques Ranci\u00e8re, dessen (politische) Theorie sich mit der Idee des Bruchs besch\u00e4ftigt und die Krise als Moment versteht, in dem sich etwas Neues ereignet, werde ich in diesem Text die von Chto Delat angesto\u00dfene Porosit\u00e4t diskutieren.<\/p>\n<p>\u201eThis situation, which may be described as extreme, critical, exceptional, gradually became the norm of our everyday existence. And our activities were forced to somehow reflect that situation \u2013 the rapid narrowing of the public sphere, constantly increasing marginalization of the ideas we value, departure of close friends, post-truth [&#8230;], the disappearance of a group of friendly institutions [&#8230;].\u201c<a id=\"_ednref6\" title=\"\" href=\"#_edn6\">[6]<\/a><\/p>\n<p>Die von Chto Delat beschriebene Situation der Kunstschaffenden in Russland als immer kleiner werdenden M\u00f6glichkeitsraum, als zunehmende Verdr\u00e4ngung ins Abseits l\u00e4sst sich mit Ranci\u00e8res Terminologie als spezifische Aufteilung des Sinnlichen bezeichnen. Es handelt sich hierbei um die Organisation der unterschiedlichen Anteilhabe am sinnlich Gegebenen, das sich zusammensetzt aus dem Sichtbaren, Sagbaren und Machbaren. Jede Aufteilung bringt eine Gemeinschaft hervor, die sich \u00fcber ein ihr eigenes Koordinatensystem auszeichnet: Der vorhandene Raum, die verf\u00fcgbare Zeit, die auftretenden Individuen und die in dem Raum stattfindenden T\u00e4tigkeiten werden auf verschiedene Pl\u00e4tze verteilt, die sich durch unterschiedliche Grade der Teilhabe an der Gestaltung des Gemeinsamen auszeichnen. So entsteht eine Topologie der sozialen Funktionen und T\u00e4tigkeitsformen.<\/p>\n<p>Die Anordnung des Machbaren, Sagbaren und Denkbaren, das einer Gemeinschaft innerhalb eines bestimmten Raum-Zeit-Gef\u00fcges gegeben ist, bezeichnet Ranci\u00e8re als erste \u00c4sthetik. Hierbei ist nicht etwa eine Kunsttheorie oder eine erkenntnistheoretische Kategorie gemeint, der Begriff bezieht sich auf die Frage des Teilhabens und Teilnehmens an der Gestaltung des Gemeinsamen: \u201e\u00c4sthetik ist eine Weise, in der sich T\u00e4tigkeitsformen, die Modi, in denen diese sichtbar werden, und die Arten, wie sich die Beziehung zwischen beiden denken l\u00e4sst, artikulieren [&#8230;].\u201c<a id=\"_ednref7\" title=\"\" href=\"#_edn7\">[7]<\/a> Eine spezifische Aufteilung des Sinnlichen ist also eine modifizierbare, nicht f\u00fcr alle Zeiten festgelegte Konstellation. Wenn Chto Delat schreiben \u201eWe lost. We are excluded from this society, in which 80 percent of the population supports the war\u201d<a id=\"_ednref8\" title=\"\" href=\"#_edn8\">[8]<\/a>, so kann mit Ranci\u00e8re entgegnet werden, dass keineswegs eine Niederlage, ein Verloren-Sein auszumachen ist \u2013 da jede Aufteilung des Sinnlichen immer nur eine Variante, eine m\u00f6gliche Konfiguration darstellt, die durch Kunst und Politik modifiziert werden kann. Ein (vermeintlich) funktionierendes Gesellschaftssystem bliebe demnach also nur so lange erhalten, wie die Individuen die grunds\u00e4tzliche M\u00f6glichkeit des Handelns und der Ver\u00e4nderung nicht wahrnehmen und auf den zugeteilten Pl\u00e4tzen verharren. Mit dem Heraustreten aus den ihnen angestammten oder ihnen zugewiesenen Rollen vollf\u00fchren sie einen politischen Akt.<\/p>\n<p>Ranci\u00e8res Verst\u00e4ndnis von Politik unterscheidet sich damit von der herk\u00f6mmlichen Verwendung des Begriffes. Was im g\u00e4ngigen Gebrauch als Politik bezeichnet wird \u2013 die Organisation von Macht \u2013 benennt er als Polizei. Gemeint ist hiermit nicht ein staatliches Exekutivorgan, sondern eine Aufteilung des Sinnlichen, die \u00fcber die Kategorie des Ausschlusses funktioniert: Die von der Polizei vorgenommene \u201eZ\u00e4hlung der Teile\u201c<a id=\"_ednref9\" title=\"\" href=\"#_edn9\">[9]<\/a> \u2013 die als legitimiert anerkannte Verteilung der Pl\u00e4tze und Funktionen auf die Individuen \u2013 geschieht \u00fcber die systematische Benachteiligung eines Teils dieser Gemeinschaft. Der Gruppe der Individuen, die \u00fcber eine Stimme verf\u00fcgen und an der Gestaltung des Gemeinsamen mitwirken, steht in der polizeilichen Ordnung das Kollektiv der Stummen, Passiven, Anteillosen gegen\u00fcber. Eine solche polizeiliche Aufteilung beschreiben Chto Delat in ihrem Statement zur Ausstellung folgenderma\u00dfen: \u201eThe events of recent months have thrown Russian artists and creative workers into a completely new reality: a new Cold War atmosphere, an escalating search for enemies, ever-tighter repression of all dissent [&#8230;], the chance to be heard is ever more limited [&#8230;], audiences vanish, activist groups implode and actually getting anything done becomes impossible.\u201d<a id=\"_ednref10\" title=\"\" href=\"#_edn10\">[10]<\/a> Sie sehen sich in die Rolle der Stummen gedr\u00e4ngt, die vorherrschende Aufteilung schr\u00e4nkt ihren Handlungsspielraum drastisch ein. Einer so gearteten polizeilichen Ordnung stellt Ranci\u00e8re die Politik entgegen, die eine Umstrukturierung des Sicht-, Sag- und Denkbaren bewirkt. Politik ist hier das Aktiv-Werden der bis dahin Anteillosen, das Wort-Ergreifen der Sprachlosen. Der Logik der Ungleichheit wird das Prinzip der Gleichheit entgegengehalten, wobei Gleichheit nicht etwa das Ziel von Politik, sondern ihre Voraussetzung ist. Als Fundament jeder gesellschaftlichen Ordnung ist sie apriorisch gegeben; da sie jedoch allzu leicht die Gestalt des Unrechts annimmt, muss sie immer wieder aktualisiert werden: \u201eEs gibt Ordnung, weil die einen befehlen und die anderen gehorchen. Aber um einem Befehl zu gehorchen, bedarf es mindestens zweier Dinge: man muss den Befehl verstehen, und man muss verstehen, dass man ihm gehorchen muss. Und um das zu tun, muss man bereits dem gleich sein, der einen befehligt. Dies ist die Gleichheit, die jede nat\u00fcrliche Ordnung aush\u00f6hlt.\u201c<a id=\"_ednref11\" title=\"\" href=\"#_edn11\">[11]<\/a><\/p>\n<p>\u201eThe situation in Russia remains unique in terms of the low level of resistance \u2013 here we can directly quote Brecht\u2019s gloomy remark in his poem \u2018To Posterity,\u2019 where he writes of \u2018\u2026when there was only injustice and no resistance.\u2019 But even here the question is not yet settled, many scenarios have not yet played out, and we still have the chance to speak, to find like-minded people and to struggle together.\u201d<a id=\"_ednref12\" title=\"\" href=\"#_edn12\">[12]<\/a> <b><\/b><\/p>\n<p>Wenn jene Subjekte, die in der polizeilichen Ordnung nicht geh\u00f6rt und gesehen werden sollen und daher in den Bereich des Stummen, Passiven verwiesen wurden, sich aus diesem Bereich herausbewegen und in das Gemeinsame einf\u00fcgen, dann geschieht Politik. Ihr Aktiv-Werden ist ein Akt politischer Subjektivierung, die Existenz des sich im Streit befindenden Subjekts ist das Eigene der Politik. Politik hat indes keinen eigenen Ort und keine ihr nat\u00fcrlichen Gegenst\u00e4nde. Eine Demonstration etwa ist \u2013 nach Ranci\u00e8re \u2013 nur dann politisch, wenn sie der \u00fcber Ausschluss funktionierenden Ordnung die Logik der Gleichheit entgegenh\u00e4lt.<a id=\"_ednref13\" title=\"\" href=\"#_edn13\">[13]<\/a> Die Frage nach Politik l\u00e4sst sich also nicht allein anhand eines bestimmten Ortes des Geschehens, eines wie auch immer gearteten verhandelten Gegenstands oder durch das Vorhandensein einer Interessensgruppe beantworten; sie entscheidet sich anhand der Tatsache des Aufeinanderprallens zweier Aufteilungen des Sinnlichen, durch das Auftreten eines Dissens, einer Krise oder eines Bruchs. Das Politische ist das, was in der Leere des politischen Aktes Raum erh\u00e4lt, jene Gegenst\u00e4nde, Argumente und Personen, die zuvor nicht sicht- und h\u00f6rbar waren. Anhand der politischen Handlungen, der Subjektivierungen, wird eine Vielfalt an Sagbarem, Denkbaren und Machbarem erzeugt, welche die polizeiliche Ordnung nicht kannte und damit werden Formen eingef\u00fchrt, die ein gegebenes Erfahrungsfeld umstrukturieren.<\/p>\n<p>Im Vorhandensein des Konflikts zwischen einer etablierten und einer neuen Ordnung des sinnlich Gegebenen liegt auch die M\u00f6glichkeit der Kunst politisch zu werden. Auch Kunst kann somit auf die Aufteilung des Sinnlichen einwirken.<\/p>\n<p>Ranci\u00e8re unterscheidet drei Regime der Kunst innerhalb der westlichen Tradition, die sich hinsichtlich der Identifikation von Kunst unterscheiden. Trotz der Chronologie ihrer Entstehung, l\u00f6sen sie sich nicht gegenseitig ab, die vorhergegangenen Regime bestehen auch im sich neu herausbildenden fort. Im ersten, dem ethischen Regime wird von einer direkten, festlegbaren Wirkung der Bilder auf das Ethos der Individuen ausgegangen. Die Kunst dient der Einwirkung auf die Seinsweise der Menschen und zeichnet sich somit durch eine gewisse Gebrauchsfunktion aus, die einen autonomen Status der K\u00fcnste ausschlie\u00dft: \u201e[&#8230;] der Tanz ist hier ein Ritual oder eine Therapeutik, die Poesie eine Weise der Erziehung, das Theater eine \u00f6ffentliche Festivit\u00e4t usw.\u201c<a id=\"_ednref14\" title=\"\" href=\"#_edn14\">[14]<\/a> Das darauffolgende poetische oder auch repr\u00e4sentative Regime geht nicht von einer Koppelung der Kunst an eine spezifische Gebrauchsfunktion aus, sondern von einer \u00dcbereinstimmung der <i>poiesis<\/i>, den Regeln der Produktion der K\u00fcnste, und der <i>aisthesis<\/i>, den Gesetzen der menschlichen Sinnlichkeit. Kunst bestimmt sich hier durch die von ihr bei den RezipientInnen hervorgerufenen Affekte, wie beispielsweise Mitleid oder Furcht. Dieses Regime klassifiziert bestimmte T\u00e4tigkeitsformen, in welche die K\u00fcnste eingeordnet werden k\u00f6nnen, und legt Normen fest, nach denen Nachahmungen als gut oder schlecht bewertet werden k\u00f6nnen. Solcherlei Rangordnungen sind dem von Kant und Schiller eingeleiteten dritten \u00e4sthetischen Regime fremd, weshalb es als Regime der Freiheit und Gleichheit bezeichnet wird. Die Identifizierung der Kunst erfolgt hier weder \u00fcber Gebrauchsfunktionen oder T\u00e4tigkeitsformen noch \u00fcber die Wertigkeit der behandelten Sujets, sondern \u00fcber die der Kunst eigene sinnliche Seinsweise, \u00fcber das Verm\u00f6gen, eine eigene Sph\u00e4re der Erfahrung zu errichten, die sich von den Korrespondenzen zwischen <i>poiesis <\/i>und<i> aisthesis<\/i>, und von jeglichen Hierarchisierungen abhebt. Kunst wird als Konstruktion eines Ausnahmesensoriums gedacht und zeichnet sich durch die \u201eFreiheit der Gleichg\u00fcltigkeit\u201c<a id=\"_ednref15\" title=\"\" href=\"#_edn15\">[15]<\/a> aus, das hei\u00dft durch die \u00dcberlagerung von Aktivit\u00e4t und Passivit\u00e4t, Privatem und \u00d6ffentlichem, F\u00e4higkeit und Unf\u00e4higkeit, Wissen und Nichtwissen. In dieser Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber jeglichen Hierarchien liegt das politische Potenzial der Kunst. Als autonome Form der Erfahrung kann Kunst eine Umgestaltung des materiellen und symbolischen Raumes vollziehen, eine Neueinteilung der Zeit und eine Umbesetzung des Raumes. Indem neue Bez\u00fcge zwischen Schein und Wirklichkeit, zwischen Aktivem und Passivem, Einzelnem und Gemeinsamem aufgestellt werden, kann auch Kunst Br\u00fcche in einer bestehenden Aufteilung erzeugen und so Alternativen hervortreten lassen, die zur Gestaltung neuer Lebensformen beitragen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die in der Ausstellung <i>On the Possibility of Light <\/i>gezeigte Installation <i>Performative Practices Of Our Time<\/i> (2017) und <i>A Protesters Dream<\/i> (2016\/17) lassen eine solche Arbeit an neuen Verkn\u00fcpfungen zwischen Schein und Wirklichkeit, Aktivem und Passivem, Einzelnem und Gemeinsamem erkennen.<\/p>\n<div id=\"attachment_2708\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2708\" class=\"wp-image-2708 size-large\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Abb.-3-1024x769.jpg\" alt=\"Abb. 3: Chto Delat, Performative Practices Of Our Time, 2017, Digitaldrucke, unterschiedliche Ma\u00dfe, Ausstellungsansicht Berlin, KOW. \" width=\"640\" height=\"481\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Abb.-3-1024x769.jpg 1024w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Abb.-3-300x225.jpg 300w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Abb.-3-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><p id=\"caption-attachment-2708\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 3: Chto Delat, Performative Practices Of Our Time, 2017, Digitaldrucke, unterschiedliche Ma\u00dfe, Ausstellungsansicht Berlin, KOW.<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_2709\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2709\" class=\"wp-image-2709 size-large\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Abb.-4-1024x769.jpg\" alt=\"Abb. 4: Chto Delat, Performative Practices Of Our Time, 2017, Digitaldrucke, unterschiedliche Ma\u00dfe, Ausstellungsansicht Berlin, KOW. \" width=\"640\" height=\"481\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Abb.-4-1024x769.jpg 1024w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Abb.-4-300x225.jpg 300w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Abb.-4-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><p id=\"caption-attachment-2709\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 4: Chto Delat, Performative Practices Of Our Time, 2017, Digitaldrucke, unterschiedliche Ma\u00dfe, Ausstellungsansicht Berlin, KOW.<\/p><\/div>\n<p><i>Performative Practices Of Our Time<\/i> (2017) (Abb. 3, 4) ist eine Zusammenstellung im Internet gefundener Bilder, welche die Inszenierung des vermeintlich \u201ePolitischen\u201c im russischen und ukrainischen Alltag verdeutlicht: Kost\u00fcmparaden, die den Sieg \u00fcber das Nazi-Regime nachstellen; Body-Art-Wettbewerbe, die dazu auffordern, Elemente des \u201eGro\u00dfen Patriotischen Krieges\u201c nachzubilden; ein Nachrichtensprecher, welcher die Zuschauenden auf die einzigartige St\u00e4rke Russlands einschw\u00f6rt; SportlerInnen des olympischen Teams Russlands in heroischen Posen. Die allt\u00e4glich durchgef\u00fchrten Rituale und Gesten sind Ausdruck der nationalistischen Identit\u00e4t und verdeutlichen in ihrer Zusammenstellung den konsensuell gefassten Kanon des Sagbaren, Machbaren und Denkbaren und seine Verbreitung und Reproduktion in den Sozialen Medien. Als <i>objets trouv\u00e9s<\/i> einer konstruierten Wirklichkeit fungieren die Bilder als Fragmente eines festgelegten M\u00f6glichkeitsraums, innerhalb dessen bestimmte Handlungen und \u00c4u\u00dferungen gewollt und zugelassen sind, w\u00e4hrend andere ausgeschlossen werden. Die Bilder k\u00f6nnen somit als Ausdruck der oben besprochenen polizeilichen Ordnung verstanden werden. Der \u00d6ffentlichkeit, innerhalb derer sich die Gesten und Rituale anordnen, steht der Ort des Nirgendwo entgegen, an den sich Chto Delat gedr\u00e4ngt sehen: \u201eWe are excluded from public life. Our voice is heard less and less, excluded and cut off the chorus of voices as something harmful and unnecessary.\u201c<a id=\"_ednref16\" title=\"\" href=\"#_edn16\">[16]<\/a><\/p>\n<div id=\"attachment_2710\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2710\" class=\"wp-image-2710 size-large\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Abb.-5-1024x769.jpg\" alt=\"Abb. 5: Chto Delat, A Protesters Dream, 2016\/2017, HD Video, 14:37 min, Farbe, Ton, 3 Digitaldrucke, je 100x50cm, Ausstellungsansicht Berlin, KOW. \" width=\"640\" height=\"481\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Abb.-5-1024x769.jpg 1024w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Abb.-5-300x225.jpg 300w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Abb.-5-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><p id=\"caption-attachment-2710\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 5: Chto Delat, A Protesters Dream, 2016\/2017, HD Video, 14:37 min, Farbe, Ton, 3 Digitaldrucke, je 100x50cm, Ausstellungsansicht Berlin, KOW.<\/p><\/div>\n<p>An diese Installation schlie\u00dft ohne r\u00e4umliche Trennung die Arbeit <i>A Protesters Dream<\/i> (2016\/2017) (Abb. 5) an. Die Dreikanal-Installation zeigt dokumentarisches Material einer Protestaktion auf einem \u00f6ffentlichen Platz in Petersburg. Die einzeln auftretenden Protestierenden sind ein Hinweis auf die quasi nicht mehr vorhandene Versammlungsfreiheit und den sich zunehmend verringernden M\u00f6glichkeitsraum der kritischen \u00c4u\u00dferung: \u201eThe theme of the solitary protester is an important one for grassroots political activism in Russia, since it is the only possible form of protest.\u201c<a id=\"_ednref17\" title=\"\" href=\"#_edn17\">[17]<\/a> Jeder der drei Demonstrierenden ist mit einer Go-Pro-Kamera ausgestattet. Um ihren Hals h\u00e4ngen Schilder mit provozierenden Texten (Abb. 6):<\/p>\n<div id=\"attachment_2711\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2711\" class=\"wp-image-2711 size-medium\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Abb.-6-300x225.jpg\" alt=\"Abb. 6: Chto Delat, A Protesters Dream, 2016\/2017, HD Video, 14:37 min, Farbe, Ton, 3 Digitaldrucke, je 100x50cm, Ausstellungsansicht Berlin, KOW.\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Abb.-6-300x225.jpg 300w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Abb.-6-768x576.jpg 768w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Abb.-6-1024x769.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-2711\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 6: Chto Delat, A Protesters Dream, 2016\/2017, HD Video, 14:37 min, Farbe, Ton, 3 Digitaldrucke, je 100x50cm, Ausstellungsansicht Berlin, KOW.<\/p><\/div>\n<p>HIT ME I\u2019M YOUR SISTER #RightToAbortion #NoToDomesticViolence #MyBodyMyBusiness<\/p>\n<p>HUG ME I\u2019M YOUR ENEMY #Don\u2019tBeAfraid #NoToWar #NoToRepressions<\/p>\n<p>PINCH ME I\u2019M DREAMING YOU #Strike #PeaceWithoutAnnexation #No!ToCensorship<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Video ist ein Zusammenschnitt der Go-Pro-Aufnahmen und schwarz-wei\u00df gehaltener Bilder, die die unmittelbare Umgebung der Protestaktion und die sich hier befindenden Menschen zeigen. Immer wieder treten Personen an die Protestierenden heran und beginnen mit ihnen zu reden. W\u00e4hrend einige von ihnen eindeutig als verkleidete PerformerInnen auszumachen sind, scheinen andere zuf\u00e4llige PassantInnen zu sein. In den kurzen Statements gewinnt der\/die BetrachterIn einen Einblick in Aspekte der \u00f6ffentlichen Diskussion in Russland. Doch die Bilder und Tonspuren des Gesagten wollen nicht so recht zusammenpassen, es entsteht eine Unsicherheit hinsichtlich der Frage, wer hier Teil der Inszenierung ist und wer nicht, wessen Aussage gestellt ist und welche nicht. Immer wieder blitzen Momente des Absurden auf, beispielsweise wenn zwei mit riesigen Schafsmasken verkleidete Frauen immer wieder rufen \u201ePunishment is not crime!\u201c, bevor sie in \u00fcberm\u00fctigen Spr\u00fcngen aus dem Bild h\u00fcpfen (Abb. 7, 8). Die in der Videoarbeit entstehende Irritation wird als Mittel genutzt, die ideologische Sprache zu manipulieren und die durch sie vermittelte angebliche Wahrheit als Konstruktion herauszustellen: \u201eThrough diluting the solidity of ruling ideologies, [&#8230;] we can understand the \u2018truth\u2019 of political power as a certain material arrangement that can be rearranged.\u201c<a id=\"_ednref18\" title=\"\" href=\"#_edn18\">[18]<\/a> Was Anastasia Murney als Verw\u00e4sserung der Festigkeit vorherrschender Ideologien umschreibt, bezeichnet in den Worten Chto Delats die Porosit\u00e4t: Die von ihr ausgehenden Risse breiten sich auch in der angrenzenden Installation aus und entlarven die sich hier \u00e4u\u00dfernde \u201epolitische\u201c Macht als eine Konstruktion, die keine nat\u00fcrliche, sondern blo\u00df eine m\u00f6gliche und somit ver\u00e4nderbare ist. Schein und Wirklichkeit werden durch den erzeugten Dissens in ein neues Verh\u00e4ltnis zueinander gebracht, als nicht deckungsgleich herausgestellt. Im Zwischenraum, welcher anhand dieser Verschiebung entsteht, wird Platz geschaffen f\u00fcr jene Artikulationen, die in der vermeintlichen \u00dcbereinstimmung von Schein und Wirklichkeit zuvor keinen Platz fanden. Durch die Interaktion der Protestierenden mit den SchauspielerInnen und den PassantInnen wird der Handlungsraum des\/der Einzelnen erweitert und die Restriktionen, die der \u00f6ffentlich ge\u00e4u\u00dferten Kritik auferlegt sind, werden unterlaufen. Somit schaffen sich Chto Delat Geh\u00f6r und erobern ihren Platz im \u00f6ffentlichen Raum zur\u00fcck, sie treten \u201eals Bewohner eines gemeinsamen Raumes auf und [&#8230;] beweisen, dass ihr Mund sehr wohl eine Sprache erzeugt, die das Gemeinsame ausspricht [&#8230;]\u201c.<a id=\"_ednref19\" title=\"\" href=\"#_edn19\">[19]<\/a> Durch den so erzeugten Dissens werden neue Verh\u00e4ltnisse von Aktivem und Passivem, Einzelnem und Gemeinsamem verwirklicht. Chto Delat nehmen einen Platz des kritischen und kritisierenden Subjekts ein, der in der polizeilichen Aufteilung Putins nicht vorgesehen ist und bestimmen somit eigenm\u00e4chtig ihre soziale Funktion innerhalb der russischen Gesellschaft.<\/p>\n<div id=\"attachment_2712\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2712\" class=\"wp-image-2712 size-large\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Abb.-7-1024x576.jpg\" alt=\"Abb. 7: Chto Delat, A Protesters Dream, 2016\/2017, HD Video, 14:37 min, Farbe, Ton, Filmstill.\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Abb.-7-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Abb.-7-300x169.jpg 300w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Abb.-7-768x432.jpg 768w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Abb.-7.jpg 1890w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><p id=\"caption-attachment-2712\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 7: Chto Delat, A Protesters Dream, 2016\/2017, HD Video, 14:37 min, Farbe, Ton, Filmstill.<\/p><\/div>\n<p>Im Kontext einer in Berlin ans\u00e4ssigen Galerie und ihrer BesucherInnen sind die gezeigten Arbeiten schlie\u00dflich auch Erz\u00e4hlungen von einem anderen Russland \u2013 von einem Russland, das sich von jenem unterscheidet, das sich in den Bildern der Installation <i>Performative Practices Of Our Time<\/i> artikuliert und das in den Medien allt\u00e4glich pr\u00e4sent ist. Chto Delat schaffen mit ihren Arbeiten alternative Wissensr\u00e4ume und eine Basis der kritischen Auseinandersetzung sowohl innerhalb als auch au\u00dferhalb Russlands: \u201eSie [die Praktiken der Kunst, Anm. FNK] tragen dazu bei, eine neue Landschaft des Sichtbaren, des Sagbaren und des Machbaren zu zeichnen. Sie schmieden gegen den Konsens andere Formen des \u201aGemeinsinns\u2018, Formen eines polemischen Gemeinsinns.\u201c<a id=\"_ednref20\" title=\"\" href=\"#_edn20\">[20]<\/a><\/p>\n<p>Die eingangs wiedergegebene Zustandsbeschreibung durch Chto Delat zu Zeiten ihrer ersten Ausstellung bei KOW verdeutlicht die Gefahr, angesichts der Widrigkeiten zu resignieren und so vom Konsens eingenommen zu werden. Ist dies der Fall kann der Konsens ungehindert weiterbestehen. Das Eingest\u00e4ndnis \u201ewe lost\u201c wird dann problematisch, wenn es nicht die Frage \u201ewas ist nun zu tun?\u201c nach sich zieht, wenn es nicht Ausgangspunkt f\u00fcr \u00dcberlegungen ist, wie weiter gek\u00e4mpft werden kann. Die Theorie Ranci\u00e8res kann hier als eine Art Leuchtturm fungieren, sie kann als Motivation verstanden werden, da eine Aufteilung des Sinnlichen stets nur eine von vielen M\u00f6glichkeiten und damit nichts Statisches, sondern etwas Modifizierbares ist. Doch die Ver\u00e4nderung ben\u00f6tigt ein Subjekt, das sich im Streit und in der Krise mit dem allgemeinen Konsens befindet. Sein R\u00fcckzug bedeutet Stillstand, sein In-Erscheinung-Treten ist der erste Schritt eines Unordnung-Stiftens. Die Pr\u00e4senz des politischen Subjekts an einem Ort, an dem es nicht vorgesehen ist und die Artikulation seiner Sprache, die nicht geh\u00f6rt werden soll, f\u00fcgt der polizeilichen Aufteilung einen Riss zu, der die Ordnung br\u00fcchig werden l\u00e4sst. Das politische Subjekt schafft sich so einen vorher verwehrten M\u00f6glichkeitsraum, innerhalb dessen die Frage \u201eChto Delat?\u201c immer die Vorbereitung des n\u00e4chsten Schrittes darstellt.<\/p>\n<div style=\"font-size: 0.8em;\">\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<p><a id=\"_edn1\" title=\"\" href=\"#_ednref1\">[1]<\/a> Dmitry Vilensky, Statement by Chto Delat, 2017. URL: http:\/\/www.kow-berlin.info\/exhibitions\/chto_delat_2 [24.02.2017].<br \/>\n<a id=\"_edn2\" title=\"\" href=\"#_ednref2\">[2]<\/a> Chto Delat \u00fcber <i>The Excluded.<\/i><i> In a Moment of Danger, 2014.<\/i> URL: <a href=\"https:\/\/chtodelat.org\/category\/b8-films\/the-excluded-in-a-moment-of-danger\/\">https:\/\/chtodelat.org\/category\/b8-films\/the-excluded-in-a-moment-of-danger\/<\/a> [20.03.2017].<br \/>\n<a id=\"_edn3\" title=\"\" href=\"#_ednref3\">[3]<\/a> Vgl. Alexander Koch, Text zu der Ausstellung <i>On the Possibility of Light, <\/i>2017. URL: http:\/\/www.kow-berlin.info\/exhibitions\/chto_delat_2 [24.02.2017].<br \/>\n<a id=\"_edn4\" title=\"\" href=\"#_ednref4\">[4]<\/a> Vilensky 2017.<br \/>\n<a id=\"_edn5\" title=\"\" href=\"#_ednref5\">[5]<\/a> Ebd.<br \/>\n<a id=\"_edn6\" title=\"\" href=\"#_ednref6\">[6]<\/a> Ebd.<br \/>\n<a id=\"_edn7\" title=\"\" href=\"#_ednref7\">[7]<\/a> Jacques Ranci\u00e8re, Die Aufteilung des Sinnlichen. Die Politik der Kunst und ihre Paradoxien, Berlin 2008, S. 23.<br \/>\n<a id=\"_edn8\" title=\"\" href=\"#_ednref8\">[8]<\/a> Chto Delat 2014.<br \/>\n<a id=\"_edn9\" title=\"\" href=\"#_ednref9\">[9]<\/a> Jacques Ranci\u00e8re, Das Unvernehmen, Politik und Philosophie, Frankfurt\/Main 2002, S. 132.<br \/>\n<a id=\"_edn10\" title=\"\" href=\"#_ednref10\">[10]<\/a> Tsaplya Olga Egorova\/Nikolay Oleynikov\/Dmitry Vilensky, Statement by Chto Delat, 2015. URL: http:\/\/www.kow-berlin.info\/exhibitions\/chto_delat_1# [21.03.2017].<br \/>\n<a id=\"_edn11\" title=\"\" href=\"#_ednref11\">[11]<\/a> Ranci\u00e8re 2002, S. 29.<br \/>\n<a id=\"_edn12\" title=\"\" href=\"#_ednref12\">[12]<\/a> Vilensky 2017.<br \/>\n<a id=\"_edn13\" title=\"\" href=\"#_ednref13\">[13]<\/a> Das Gegenteil von Politik, also <i>nichts<\/i>, sind beispielsweise Demonstrationen gegen das Gleichstellungsgesetz, das homosexuellen Paaren erlaubt zu heiraten und ihnen ein Adoptionsrecht einr\u00e4umt. Eine solche Demonstration in das Beharren auf einem Konsens, der auf Ausschluss beruht.<br \/>\n<a id=\"_edn14\" title=\"\" href=\"#_ednref14\">[14]<\/a> Jacques Ranci\u00e8re, Ist Kunst widerst\u00e4ndig?, Berlin 2008a, S. 40.<br \/>\n<a id=\"_edn15\" title=\"\" href=\"#_ednref15\">[15]<\/a> Ebd., S. 83.<br \/>\n<a id=\"_edn16\" title=\"\" href=\"#_ednref16\">[16]<\/a> Chto Delat 2014.<br \/>\n<a id=\"_edn17\" title=\"\" href=\"#_ednref17\">[17]<\/a> Chto Delat \u00fcber <i>On the Possibility of Light<\/i>. URL: https:\/\/chtodelat.org\/\/?s=Protesters+dream&amp;x=0&amp;y=0 [25.02.2017].<br \/>\n<a id=\"_edn18\" title=\"\" href=\"#_ednref18\">[18]<\/a> Anastasia Murney, Pushing the Political Imagination: Ideological Disruption in the Practices of Inspection Medical Hermeneutics and Chto Delat, 2016, S. 22. URL: https:\/\/chtodelat.org\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/AnastasiaMurney_Manuscript_PushingPolitical.pdf [21.03.2017].<br \/>\n<a id=\"_edn19\" title=\"\" href=\"#_ednref19\">[19]<\/a> Jacques Ranci\u00e8re, Das Unbehagen in der \u00c4sthetik, Wien 2007, S. 35.<br \/>\n<a id=\"_edn20\" title=\"\" href=\"#_ednref20\">[20]<\/a> Jacques Ranci\u00e8re, Der emanzipierte Zuschauer, Wien 2009, S. 92.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist zu tun angesichts des globalen Status quo, angesichts der Tatsache, dass die fortschreitende Globalisierung keineswegs mit einer Sicherung der Werte Gleichheit und Gerechtigkeit einhergeht und der Erkenntnis, dass die Aufkl\u00e4rung nicht l\u00e4nger die Rolle der sch\u00fctzenden Eltern innehat, &hellip; <a href=\"https:\/\/allover-magazin.com\/?p=2687\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":68,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"footnotes":""},"categories":[129,14],"tags":[],"class_list":["post-2687","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ausgabe-12","category-essays"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2687","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/68"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2687"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2687\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2900,"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2687\/revisions\/2900"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2687"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2687"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2687"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}