{"id":2684,"date":"2017-04-01T13:20:20","date_gmt":"2017-04-01T11:20:20","guid":{"rendered":"http:\/\/allover-magazin.com\/?p=2684"},"modified":"2017-05-03T17:01:36","modified_gmt":"2017-05-03T15:01:36","slug":"teilhabesorge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/allover-magazin.com\/?p=2684","title":{"rendered":"Teilhabesorge"},"content":{"rendered":"<p>In ihrem nunmehr f\u00fcnften Buch bewegt sich die Hamburger Professorin f\u00fcr \u00e4sthetische Theorien Michaela Ott einmal mehr auf den Spuren von Gilles Deleuze, der schon im Zentrum ihrer Dissertation stand und in dessen Werk sie in der Junius-Reihe eingef\u00fchrt hat.<a href=\"#endn1\">[1]<\/a> Dieses Mal geht es Ott um ein besonders gewichtiges Anliegen, wie auf der H\u00e4lfte des Weges deutlich wird: N\u00e4mlich darum, \u201eunser Weltwerden neu zu bestimmen\u201c, wozu uns das moderne Offenbarwerden mannigfaltigster \u201eDurchdringungsverh\u00e4ltnisse\u201c und neuartiger Subjektivierungsweisen n\u00f6tige (161). F\u00fcr all das bietet Ott ihren LeserInnen einen ungew\u00f6hnlichen Terminus an \u2013 und folgt dabei ganz der deleuzianischen Devise, wonach es die Aufgabe der Philosophie sei, neue Begriffe zu erfinden.<a href=\"#endn2\">[2]<\/a> \u201eDividuation\u201c ist eben dieser neue Begriff, der auf das Adjektiv \u201edividuell\u201c zur\u00fcckverweist, das Deleuze in zweien seiner Texte mit jeweils ganz unterschiedlicher Konnotation verwendet hat.<\/p>\n<p>Die Propagierung des Begriffs Dividuation (man k\u00f6nnte ihn vorl\u00e4ufig als den Prozess des Teilbar-Werdens und der Verteilung \u00fcbersetzen, im Gegensatz zur gebr\u00e4uchlicheren \u201eIndividuation\u201c, die das Unteilbar- oder Einzelwerden bezeichnet) verbindet sich bei Ott mit einem zeitdiagnostischen Impetus. Heute sei Subjektivierung nicht mehr als Individuation, sondern eben nur noch als Dividuation fassbar \u2013 so k\u00f6nnte man die das Buch strukturierende These wiedergeben. Auf den Spuren zeitgen\u00f6ssischer MedientheoretikerInnen konstatiert Ott ein \u201eBed\u00fcrfnis nach Daueraffizierung, nach deren Steigerung und \u00dcberbietung\u201c (33), ist sich aber mit Geert Lovink darin einig, dass Social Media-Teilhaben eine \u201earme Variante zeitgen\u00f6ssischer Dividuation\u201c darstellen, weil sie \u201egerade nicht in die Vielfalt des zeitgen\u00f6ssischen Weltwerdens ein\u00fcben und keine neuen Sozialit\u00e4ten erfinden\u201c (34). Dem h\u00e4lt sie mit Paolo Virno und \u00c9tienne Balibar entgegen, dass es durchaus auch zur informations- und kommunikationstechnologisch gest\u00fctzten Erm\u00f6glichung \u201etransindividueller\u201c, das hei\u00dft transnationaler oder sogar transkultureller Affektgemeinschaften kommen k\u00f6nne (36) \u2013 woraus sie die Forderung ableitet, \u201edie Erkenntnis unserer Dividuiertheit f\u00fcr erweiterte Arten transnationaler und transkultureller Verbindung fruchtbar zu machen\u201c (37). N\u00f6tig sei jedenfalls eine selbstreflexive \u201eDividuations\u00f6konomie\u201c (38). Und noch ein Credo: \u201eWir stellen bio-sozio(techno)logische Gef\u00fcge innerhalb gr\u00f6\u00dferer \u00d6kosysteme in einem Weltwerden dar, deren je dividuelle Gegenverwirklichung heute in Termini der Teilnahme und -gabe, von deren Intensivierung und selbstreflexiver Moderation beschrieben werden muss.\u201c (53) Mit der Neuheit der Social Media und der Biotechnologien, denen Ott jeweils ein eigenes Kapitel widmet, erkl\u00e4rt sich dann auch, wieso von Dividuation oder auch vom \u201eDividuum\u201c (so der Titel eines verwandten Buchs des Philosophen und Aktivisten Gerald Launig)<a href=\"#endn3\">[3]<\/a> erst jetzt in der Theoriebildung die Rede ist. Zu lange scheint man mit \u201eIndividuum\u201c und \u201eIndividuation\u201c durchgekommen zu sein, ohne dasjenige mitzudiskutieren, was hierbei durch das Pr\u00e4fix \u201ein\u201c immer schon negiert (damit zugleich aber auch immer schon affirmiert) wird.<\/p>\n<p>Wie schon sichtbar geworden sein d\u00fcrfte, f\u00e4hrt Ott ein eindrucksvolles Aufgebot an VordenkerInnen und StichwortgeberInnen auf, das sich stellenweise wie das Who\u2019s who aktueller kritischer Theorie liest. Niemand aber scheint Otts Anliegen so verdichtet vorweggenommen zu haben wie Novalis mit seiner Kurzformel: \u201eDas \u00e4chte Dividuum ist auch das \u00e4chte Individuum.\u201c (86) Wenn wir den Satz, wie Ott w\u00fcnscht, umkehren und dabei die Orthographie modernisieren, dann lautet er: \u201eDas echte Individuum ist auch das echte Dividuum.\u201c Nun wird im Verlauf des Buchs der angeblichen Echtheit des Individuums freilich der Prozess gemacht. Der Generalverdacht lautet Irref\u00fchrung, und das Verdikt wird von Ott nach einer fast hundertseitigen Einvernahme der Begriffstrias \u201eIndividuum\/Individualit\u00e4t\/Individuation\u201c recht apodiktisch gef\u00e4llt: Keine dieser Bezeichnungen mache f\u00fcr Menschen, Organismen, Gesellschaften, Kulturen oder Kunstwerke noch l\u00e4nger Sinn. Gegen\u00fcber der angeblichen Individualit\u00e4t bezeichne Dividuation das \u201eum passiv-pathische Dimensionen erweiterte Selbstverh\u00e4ltnis\u201c. Der Gewinn daraus ist (so jedenfalls Otts Hoffnung) ein Ansto\u00df neuer Affektartikulationen und Politiken, was aber offenbar von \u201ebewusster Teilhabeaffirmation und -enthaltung\u201c abh\u00e4ngt (163).<\/p>\n<p>W\u00e4re die Sache aber so einfach, dass man blo\u00df den \u00fcberstrapazierten durch den verdr\u00e4ngten Begriff ersetzen k\u00f6nnte, br\u00e4uchte es kein 300 Seiten starkes Buch. Zudem ist das \u201eDividuelle\u201c schon bei Deleuze viel zu ambivalent. Er verwendet es in seinen Film-B\u00fcchern einmal f\u00fcr eine \u00e4sthetische Affirmation, ein andermal f\u00fcr eine soziopolitische Kritik. Diesem Umstand tr\u00e4gt Ott besondere Rechnung, wie schon aus der langen Einleitung hervorgeht. Es lohnt sich aber dennoch hier das zentrale, wenn auch kurze zweite Kapitel heranzuziehen, worin der textuellen Grundlage bei Deleuze en detail nachgegangen wird.<\/p>\n<p>Einigerma\u00dfen bekannt geworden ist das Dividuelle in seinem \u201ePostskriptum \u00fcber die Kontrollgesellschaften\u201c:<a href=\"#endn4\">[4]<\/a> Deleuze beschreibt, wie die vormals Einzelnen medientechnologisch derma\u00dfen feink\u00f6rnig lokalisiert, vermessen und durchformt werden, dass sich ihre angebliche Individualit\u00e4t in diesem Zugriff aufl\u00f6st und immer weiter unterteilbar und faktisch immer weitverzweigter unterteilt, anders gefasst eben dividuell wird. Personalisierte Werbung, Empfehlungen und Anrufungen weisen darauf hin, dass selbst das bislang als R\u00fcckzugsort des Unverf\u00fcgbaren gefeierte Begehren ausgelesen und bespielt werden kann, wie Ott unter anderem mit Brian Massumis Analyse der massen- und sozialmedialen Affektmodulation herausarbeitet (176f.). Angesichts der Bombardierung mit Informationen, gegen die man sich trotz besseren Wissens nicht einfach wehren kann, hei\u00dft es: \u201eDie h\u00f6chste Affizierungs- und Reflexionsqual trifft, wie mir scheint, die Personen mit dem geringsten \u00dcberlebensdruck, gleichsam als Rache f\u00fcr ihr Zugangsprivileg und ihre digitale Teilhabefrenesie.\u201c (268) En passant kann diese Stelle belegen, wie sich Otts Stil immer wieder zu aphorismustauglichen Passagen hochschraubt.<\/p>\n<p>Vehement insistiert Ott darauf, dass diese Art von vereinnahmender Dividuation (sie pr\u00e4gt nebenbei das sch\u00f6ne Wort \u201eVereinnahmungsschicksal\u201c) kein Novum der digitalen Revolution ist \u2013 diese mache die Dividuation in einer krisenhaften Zeit blo\u00df besser sichtbar und fragw\u00fcrdig. Auch wenn die Dividuation zu einer kontrollgesellschaftlichen Plage geworden sei, mache es keinen Sinn, den Begriff ganz darauf zu reduzieren. Vielmehr ergebe sich die Dividuation bereits aus der \u201ekonstitutiven Teilhabe der menschlichen Einzelnen an Kulturtechniken, Vergesellschaftungsprozessen und symbolischen Praktiken, an noch nicht technologisch mediatisierten Affizierungs-, Sprach- und Bildbildungsvorg\u00e4ngen, an biotischen Massen, \u00f6kologischen Ensembles und nichtmenschlichen Verl\u00e4ufen ohne Zahl.\u201c (178)<\/p>\n<p>Dieser eindrucksvollen, potentiell aber auch erschlagenden Aufz\u00e4hlung zum Trotz l\u00e4sst sich diese andere, nicht blo\u00df skandal\u00f6se Seite der (kontrollgesellschaftlichen) Dividuation wohl am besten anhand des zweiten Registers aufdr\u00f6seln, das Deleuze seinen InterpretInnen unter dem Namen des Dividuellen anbietet. Ott nimmt diesen rhizomatischen Faden auf, indem sie seine beiden Kino-B\u00fccher durchquert und bei einem \u201epositiven Verst\u00e4ndnis von Dividuation\u201c ankommt: \u201eDer Gesichtspunkt des Dividuellen im Kunstwerk legt wie in der menschlichen Subjektivierung den Akzent auf die innere Variabilit\u00e4t, Elastizit\u00e4t und fortgesetzte Umorganisation des Gef\u00fcges, auf die notwendige Neuabstimmung der Teilhaben, auf zeitbedingte \u00e4sthetische Unterteilungen und deren untergr\u00fcndige Verbindungen mit einem Au\u00dfen, auf Intensit\u00e4tsdifferenzen, Licht- und Tondivergenzen, die sich einer einfachen Erfassung entziehen.\u201c (179) Wird das Kunstwerk mit dieser Beschreibung einmal mehr ontologisch geadelt? Genau genommen: nein. Denn was im Kunstwerk f\u00fcr uns Menschen so sinnf\u00e4llig wird, findet schon au\u00dferhalb seiner unabl\u00e4ssig statt, n\u00e4mlich eben \u201edie innere Variabilit\u00e4t, Elastizit\u00e4t\u201c und so weiter. Ott bezeichnet ausdr\u00fccklich alle Entit\u00e4ten, die fr\u00fcher Individualit\u00e4tsstatus hatten, als dividuell, von Organismen \u00fcber Funktions- und \u00d6kosysteme bis hin zu Gesellschaften (181). Sie teilen sozusagen ein De- und Restrukturierungsschicksal oder auch ein Umorganisationsschicksal, wie man parallel zum \u201eVereinnahmungsschicksal\u201c der kontrollgesellschaftlichen Dividuation sagen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Wie schon in ihrem Vorg\u00e4ngerwerk Affizierung. Zu einer \u00e4sthetisch-epistemischen Figur bedient sich Ott dabei einer Darstellungsweise, die man als panoramatisch bezeichnen kann. Unerschrocken f\u00fchrt sie ihre LeserInnen durch Theorielandschaften, die nicht immer bruchlos ineinander \u00fcbergehen und die aus arbeits\u00f6konomischen Gr\u00fcnden auch nicht immer detailliert ausgeleuchtet werden k\u00f6nnen. Erstaunlich ist aber der \u00dcberblick, der aus diesen Mosaiksteinen zusammengesetzt wird. Aus diesem Verfahren ergibt sich freilich auch der Effekt, dass die lineare Lekt\u00fcre nicht unbedingt die gewinnbringendste ist. Dem Leitbegriff der Dividuation gem\u00e4\u00df tun die LeserInnen gut daran, auch ihre Lekt\u00fcreverfahren aufzuteilen und mehrere F\u00e4den zugleich zur Hand zu nehmen. Eine Empfehlung sei an dieser Stelle gegeben: Das dritte Kapitel \u00fcber die \u201eBio(techno)logische Dividuation\u201c kann selbst hartn\u00e4ckige SkeptikerInnen der das Buch durchziehenden Begriffsverschiebung zum Umdenken bewegen. Die hier zusammengetragenen Erkenntnisse der zeitgen\u00f6ssischen Biologie, etwa im Hinblick auf die Myriaden von Kleinstlebewesen, die in und auf jedem menschlichen K\u00f6rper wohnen und dessen Funktionieren erst erm\u00f6glichen, untermauern die Vorg\u00e4ngigkeit von Teilungs- und Mitteilungsprozessen wohl am nachhaltigsten.<\/p>\n<p>Die Er\u00f6rterung des Dividuellen pendelt dabei un\u00fcbersehbar und ausdr\u00fccklich zwischen Affirmation und Kritik. Weil Dividuationsprozesse sich auch unfreiwillig einstellen, weil Dividuen vereinnahmt, ausgelesen, moduliert, reguliert, gekerbt, ausgebeutet und manipuliert werden k\u00f6nnen, braucht eine Theorie der Dividuation ein ethisch-politisches Vorzeichen. Das Wort \u201eTeilhabesorge\u201c, das Ott leider etwas ung\u00fcnstig platziert hat (es taucht blo\u00df gegen Ende des zweiten Kapitels auf, wird dabei auch nicht eigens diskutiert), f\u00fchrt gleichwohl auf die richtige Spur (181), weil man es als einen Grundbegriff lesen kann, der die vielen Nominalkonstruktionen, die Ott mit \u201eTeilhabe\u201c bildet, unter einem gemeinsamen ethisch-politischen Nenner versammelt. Es geht ihr n\u00e4mlich zurecht um eine Unterscheidung zwischen vereinnahmenden und emanzipatorischen Dividuationen und um die Herausbildung \u201ew\u00fcnschenswerter Zusammenschl\u00fcsse von Einzelnen und Gruppen\u201c, wof\u00fcr sie den Begriff \u201eKondividuationen\u201c vorschl\u00e4gt. Diese Sorge um Dividuationen umfasst dar\u00fcber hinaus \u201einkludierende Teilgaben\u201c, \u201emitgeteilte Beteiligungen\u201c, Arten der Distanznahme und wohl\u00fcberlegte \u201eTeilhabeaufk\u00fcndigungen\u201c (181). Es ist nebenbei gesagt genau dieser Punkt, der die R\u00fcckfrage auftauchen l\u00e4sst, ob eine solche Aufk\u00fcndigung oder Unterbrechung nicht dem Begriff der In-dividuation einen neuen Sinn verleihen kann: n\u00e4mlich als die Negation der Dividuation. Am Primat der Dividuation w\u00fcrde das nichts \u00e4ndern und gleichwohl w\u00fcrde so eine Spannung zwischen vorg\u00e4ngiger Dividuation und reflexiver In-dividuation eingezogen, die der genannten Teilhabesorge, nun ja, \u00fcber den Fluss helfen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Ebenso l\u00e4sst sich fragen, ob Otts Versicherung, dass Dividuation \u201ekein normativer, sondern ein zur ad\u00e4quateren Bestimmung zeitgen\u00f6ssischer Teilhabevorg\u00e4nge getroffener Begriff\u201c sei (182), einer kritischen Pr\u00fcfung wirklich standh\u00e4lt. Der Sorge wird man aufgrund ihrer ethisch-politischen Implikationen eine normative Dimension nicht ganz absprechen k\u00f6nnen. Diese teilt sich implizit in den von Ott ge\u00e4u\u00dferten W\u00fcnschen mit, etwa: \u201eErkenntnistheoretisch, politisch und \u00e4sthetisch bleibt w\u00fcnschenswert, Differenzen zwischen den Dividuationen zu akzentuieren\u201c sowie an den Differenzierungen zu arbeiten (182). Und wenn sie von einem \u201ees gilt\u201c spricht, dann instauriert sie offensichtlich eine Geltung und damit ein normatives Ma\u00df: \u201eVon daher gilt es, Grade, T\u00f6nungen, Abhebungen, unbestimmte Affektionen und besondere Teilhabegemische zu beachten und jene herauszustellen, die sich f\u00fcr eine vielseitige, inkludierende und zugleich bed\u00e4chtige Beteiligung am Weltwerden entscheiden.\u201c (182f.) Damit ist fast schon ein Wertekatalog aufgestellt: Pluralit\u00e4t, Inklusion, Besonnenheit. Diese sind offensichtlich die Richtschnur f\u00fcr die schon auf der Titelseite eingeforderte Emanzipation (beziehungsweise f\u00fcr die \u201eemanzipatorische Logik der Dividuierung\u201c). Wenn Ott schreibt, dass wir immer mehr zu unsere Teilhaben perfektionierenden \u201ePassionsakteur\/innen\u201c werden, die sich \u201eeine immer dividuellere Identit\u00e4t\u201c (33) zusammenbauen, dann stellt sich angesichts der allzu sch\u00f6nen Einpassung dieser Entwicklung in neoliberale Anrufungen und der monopolisierten Absch\u00f6pfung unserer digitalen Spuren die im Klappentext angek\u00fcndigte Frage nach der Emanzipation umso dringlicher.<\/p>\n<p>Mit dem Begriff Dividuation nimmt Ott jedenfalls ausdr\u00fccklich eine Wertsetzung vor, die sich als eine Art Bekenntnis verstehen l\u00e4sst: Ott glaubt mehr an den Wert von Passivit\u00e4t, von Verteilung und Aufteilung, von Interkulturalit\u00e4t, Pluralit\u00e4t und Interpassivit\u00e4t als an den Wert von Aktivit\u00e4t, Autonomie, Spezialisierung, Identit\u00e4t (63). Ihre Sorge richtet sich auf den Umstand (und die Ungerechtigkeit, die darin liegt), dass das, was der Passivit\u00e4t, Dividuation, Affizierung immer erst nachfolgt (n\u00e4mlich: Aktivit\u00e4t, Individuation, Desaffiziertheit wie in der stoischen apatheia, die bekanntlich auch das neuzeitliche Wissenschaftsideal mitbegr\u00fcndet hat), aufgrund seiner Idealisierung \u00fcberm\u00e4\u00dfig viel Aufmerksamkeit bekommt.<\/p>\n<p>Kleinere Bekenntnisse dieser Art reichern die Lekt\u00fcre durchaus an, insbesondere wenn Ott zugibt, dass sie mit ihrer Begriffsarbeit letztlich \u201ezu Mitfreuden befreien\u201c will (173), was sie als eine fr\u00f6hliche Wissenschaftlerin in der Nachfolge Nietzsches ausweist \u2013 jenes Nietzsche wohlgemerkt, der den Gipfel seiner abgekl\u00e4rten Heiterkeit erreicht, aber noch nicht wieder verlassen hatte.<a href=\"#endn6\">[6]<\/a> Eminente Mitfreuden bietet wenig \u00fcberraschend die Kunst, mit der Ott ihr Buch sowohl beginnen als auch enden l\u00e4sst. W\u00e4hrend eine kurze Analyse von Robert Altmans letztem Film A Prairie Home Companion (2006) gleich einem Vorspann das Dividuationsthema bereits insofern anklingen l\u00e4sst, als die Vervielf\u00e4ltigung von Meryl Streeps Gesicht durch Garderobe- und Schminkspiegel als Aufteilung des \u201eAffektionsbildes\u201c (Deleuze) nachgezeichnet wird, wendet sich Ott im Schlusskapitel der bildenden Kunst zu. Hierbei wird das Dividuelle anhand von k\u00fcnstlerischen wie auch kuratorischen Hybridisierungen nachgezeichnet \u2013 gerade unter nichtwestlichen sowie zwischen den Kulturen lebenden K\u00fcnstlerInnen scheint Ott regelrechte \u201eDividuationsvirtuosInnen\u201c gefunden zu haben (296). Dies freilich nicht im Sinne einer besonderen Geschicklichkeit im Bedienen des Dividuationszwangs auf dem Kunstmarkt, sondern im \u00e4sthetischen Sinn, als die besondere F\u00e4higkeit, unbekannte Ausdrucksweisen freizulegen und dabei \u201eMomente des Nochnichtgeh\u00f6rten und -gesehenen wahrnehmbar\u201c zu machen; Momente, die in ein \u201ealle Welt Werden\u201c eingebunden sind, wie Ott mit Deleuze (und Guattari) zum Abschluss sagt (312).<\/p>\n<p>Ob es wirklich notwendig war, dem Meister das letzte Wort zu \u00fcberlassen? Auf eine Zusammenf\u00fchrung der vielen aufgerufenen Erkenntnisse verzichtet Ott letztlich; zur\u00fcck bleibt der Wunsch nach einer ausf\u00fchrlicheren Auseinandersetzung gerade auch mit den ethischen Aspekten ihrer Teilhabesorge \u2013 nach einer Ethik, die auf der poststrukturalistischen \u00c4sthetik aufbaut und sich nicht um die zugegeben so schwierige Frage dr\u00fcckt, wie man angesichts der heutigen \u201eDurchdringungsverh\u00e4ltnisse\u201c zusammen leben soll. Guattari, der (zumindest im deutschsprachigen Raum) immer noch vernachl\u00e4ssigte zweite Autor der Tausend Plateaus und ein h\u00f6chst produktiver Autor eigenen Rechts, k\u00f6nnte hierbei mit seinen \u00dcberlegungen zu einem \u201eethisch-\u00e4sthetischen Paradigma\u201c vielleicht weiterf\u00fchren.<a href=\"#endn7\">[7]<\/a><\/p>\n<div style=\"font-size: 0.8em;\">\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<p><a id=\"edn1\"><\/a>[1] Siehe Michaela Ott, Vom Mimen zum Nomaden. Lekt\u00fcren des Literarischen im Werk von Gilles Deleuze, Wien 1998, sowie dies., Gilles Deleuze zur Einf\u00fchrung, Hamburg 2005. \u2013 Die englische \u00dcbersetzung des hier rezensierten Buchs ist unter dem Titel Dividuations. Theories of Participation bei Palgrave Macmillan (London\/New York) f\u00fcr 2018 vorgesehen.<br \/>\n<a id=\"endn2\"><\/a>[2] Der franz\u00f6sische Philosoph hatte einst den Abges\u00e4ngen auf sein Fach gelassen entgegengehalten, dass das Erfinden von Begriffen die ureigene Aufgabe der Philosophie sei und er deshalb nie Probleme mit einem \u201eTod der Philosophie\u201c gehabt habe. Als einzige Bedingung f\u00fcr die Begriffserfindung erw\u00e4hnt er, dass diese eine \u201eNotwendigkeit\u201c und \u201eFremdheit\u201c haben m\u00fcssten, und zwar \u201ebeide in dem Ma\u00dfe, wie sie eine Antwort auf wirkliche Probleme darstellen\u201c. Gilles Deleuze, \u00dcber die Philosophie, in: ders., Unterhandlungen 1972-1990, Frankfurt am Main 1993, S. 197-226, S. 198.<br \/>\n<a id=\"endn3\"><\/a>[3] Siehe Gerald Raunig, Dividuum. Maschinischer Kapitalismus und molekulare Revolution. Band 1, Wien 2015.<br \/>\n<a id=\"endn4\"><\/a>[4] Gilles Deleuze, Postskriptum \u00fcber die Kontrollgesellschaften, in: ders., Unterhandlungen 1972-1990, Frankfurt am Main 1993, S. 254-262.<br \/>\n<a id=\"endn5\"><\/a>[5] Siehe Michaela Ott, Affizierung. Zu einer \u00e4sthetisch-epistemischen Figur, M\u00fcnchen 2010.<br \/>\n<a id=\"endn6\"><\/a>[6] In Affizierung w\u00fcrdigt Ott die Forderung nach einer Umwandlung der Leidenschaften in Freudenschaften als Nietzsches \u201eunsch\u00e4tzbare, bis heute nicht eingel\u00f6ste Affekterfindung\u201c (ebd., 318) und bewertet auch seine \u00dcberlegungen zu einem \u201eEthos der Mitfreude\u201c als \u201ezukunftsweisend\u201c (ebd., 331).<br \/>\n<a id=\"endn7\"><\/a>[7] Siehe Felix Guattari, Chaosmose. Aus dem Franz\u00f6sischen von Thomas W\u00e4ckerle, Wien 2014.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In ihrem nunmehr f\u00fcnften Buch bewegt sich die Hamburger Professorin f\u00fcr \u00e4sthetische Theorien Michaela Ott einmal mehr auf den Spuren von Gilles Deleuze, der schon im Zentrum ihrer Dissertation stand und in dessen Werk sie in der Junius-Reihe eingef\u00fchrt hat.[1] &hellip; <a href=\"https:\/\/allover-magazin.com\/?p=2684\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":67,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"footnotes":""},"categories":[129,13],"tags":[],"class_list":["post-2684","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ausgabe-12","category-buchrezensionen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2684","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/67"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2684"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2684\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2899,"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2684\/revisions\/2899"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2684"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2684"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2684"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}