{"id":2378,"date":"2016-04-28T15:10:03","date_gmt":"2016-04-28T13:10:03","guid":{"rendered":"http:\/\/allover-magazin.com\/?p=2378"},"modified":"2016-04-28T15:10:03","modified_gmt":"2016-04-28T13:10:03","slug":"die-schildkrote-im-apfelschrein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/allover-magazin.com\/?p=2378","title":{"rendered":"Die Schildkr\u00f6te im Apfelschrein"},"content":{"rendered":"<p>Katharina Hoins, Zeitungen. Medien als Material der Kunst<br \/>\nReimer Verlag, Berlin 2015<br \/>\nbroschiert, 318 Seiten<br \/>\nISBN 978-3-496-01485-0<\/p>\n<p>Das Rascheln beim Bl\u00e4ttern der d\u00fcnnen Seiten, die straffende Handbewegung, die das zerknitterte Papier glatt streift und dabei \u2013 wie man immer erst zu sp\u00e4t merkt \u2013 die Finger schw\u00e4rzt: Jene charakteristischen Materialz\u00fcge, die sofort ein gezielt haptisches Bild zeichnen, setzt Katharina Hoins als Ausgangspunkt f\u00fcr ihre Untersuchung der Zeitung als Material der Kunst. Quer durch das 20. Jahrhundert verfolgt sie in ihrer breit angelegten Forschungsarbeit k\u00fcnstlerische Positionen, theoretische Vektoren und mediale Umbr\u00fcche. Hoins steckt damit erstmals jenes weite Territorium ab, das die Zeitung als Material im Diskursfeld der Kunst er\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Mit Nachdruck situiert die Autorin ihre Dissertation, die sie als \u201eBeitrag zur interdisziplin\u00e4ren Debatte \u00fcber die Materialit\u00e4t der Medien\u201c (10) verstanden wissen m\u00f6chte, im Spannungsfeld von Medienwissenschaft und Kunstgeschichte. Grundlegendes terminologisches Instrumentarium hierf\u00fcr sind drei zentrale Begriffe: Materialit\u00e4t, Medialit\u00e4t und Semantizit\u00e4t. Der Materialit\u00e4tsbegriff wird als eine Auspr\u00e4gung jenes Oszillierens zwischen physischem Tr\u00e4germaterial und dem aus und auf ihm Geschriebenen eingef\u00fchrt. Medialit\u00e4t wiederum bezeichnet, in Abgrenzung zur Kommunikation abseits technischer Medien, die jeweilige Form der Vermittlung: Durch ihr spezifisches Merkmalsgef\u00fcge und dessen Inszenierung wird die Zeitung von anderen Vermittlungskan\u00e4len unterschieden. Den Begriff der Semantizit\u00e4t entlehnt Hoins dem Vokabular Jan Assmanns: Die Verbindung von \u201edirekt Bezeichnetem\u201c und \u201eweniger konkret dinglich Bedeutetem\u201c sieht sie als Qualit\u00e4t des Assmann\u2019schen Begriffs an, mit dem bezeichnet wird, \u201edass und welchen Inhalt sie [die Zeitung] \u00fcber Schrift und Bild vermittelt\u201c. (18) Insgesamt wird in der Einleitung ein klares Ausgangsfeld f\u00fcr die folgende Untersuchung formuliert, deren theoretischer Schwerpunkt eindeutig in der Medienwissenschaft liegt. Erstaunlich ist die Reihenfolge, die den drei zentralen Begrifflichkeiten eingeschrieben ist: f\u00fcr die Medialit\u00e4t ist die Materialit\u00e4t als Bedingung gesetzt, f\u00fcr die Semantizit\u00e4t ist die Lesbarkeit grundlegende Voraussetzung. Hoins betont zwar, dass sie in ihrer Arbeit kein chronologisches, sondern ein systemisches Vorgehen verfolgt \u2013 jedoch ist damit nicht die Frage nach einer aus der Begriffssetzung hervorgehenden Reihenfolge beantwortet.<\/p>\n<p>Mit der Technik der Collage wird das erste Kapitel eingeleitet: Zun\u00e4chst liegt der Fokus auf dem Ausschneiden, der Transformation und Rekonstellation. Schnell jedoch wird anhand der Berliner Dadaisten die \u201erelative R\u00fcckf\u00fchrbarkeit der Inhalte\u201c (25) wichtig: Aufgrund der offensichtlichen Herkunft des Zeitungsausschnitts \u2013 der nicht nur Teil eines (medialen) Alltagsgeschehens, sondern auch Teil einer bestimmten, also dechiffrierbaren Presse\u00f6ffentlichkeit ist \u2013 legte etwa Hannah H\u00f6ch die \u201eKonstruktionsprinzipien\u201c (27) ihrer Collagen offen und generierte dadurch ein Bild mit gezielten Bez\u00fcgen zum Au\u00dfen. In der zeichentheoretisch gepr\u00e4gten Besprechung der Werke von Georges Braque, Juan Gris und Pablo Picasso betont die Autorin die besondere Stellung, die Zeitungsausschnitte in dieser Konstellation einnehmen, da \u201esie gleichsam ein Scharnier [\u2026] bilden [\u2026] und sowohl Gegenstand sind als auch Text ins Bild bringen.\u201c (43) Dieser Weg f\u00fchrt sie weiter zu Robert Rauschenberg, anhand dessen <i>Black Paintings<\/i> die Diskussion in das Diskursfeld von Figur und Grund beziehungsweise Tr\u00e4germaterial erweitert wird. Die Zeitung wird hier als Sediment gedacht und stellt damit \u2013 wenngleich durch den Farbauftrag unsichtbar geworden \u2013 einen essentiellen Bestandteil des Gem\u00e4ldes dar: \u201ePapieruntergrund und Zeichensubstanz verschmelzen zu einem pastosen Relief, zu einem untrennbaren Amalgam.\u201c (47) Dieser Amalgamierung stehen \u201ezeitungssichtige\u201c Arbeiten gegen\u00fcber, in denen die Zeitung als Material sichtbar bleibt: \u201edas Changieren zwischen Figur und Grund\u201c scheint Rauschenberg, so Hoins, regelrecht zu provozieren. (51) Im Dialog mit Arbeiten von Willem de Kooning, Jasper Johns und Franz Kline zeichnet die Autorin ein umfassendes Bild unterschiedlicher, jedoch zeitlich parallel laufender k\u00fcnstlerischer Strategien im Umgang mit Zeitung als Bild-Material. Leider kommt hier die Diskussion um die Ausdehnung der Malerei in den Realraum, insbesondere mit Blick auf die aufkommende Objektkunst und den Diskurs um die Medienspezifit\u00e4t, etwas zu kurz. Interessant ist die ausf\u00fchrliche Besprechung von Rauschenbergs <i>Hoarfrost<\/i> Serie (Abb. 1), in der Rauschenberg die Druckerschw\u00e4rze vom Zeitungspapieruntergrund auf verschiedene Gewebe und Stoffe \u00fcbertrug und damit eine \u201eVerwandlung\u201c der Zeitungen vollzog. (58)<\/p>\n<div id=\"attachment_2388\" style=\"width: 203px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2388\" class=\"size-medium wp-image-2388\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Abb.-1_Robert_Rauschenberg-193x300.jpg\" alt=\"Robert Rauschenberg, Glacier (Hoarfrost), 1974, Transfer auf Satin und Chiffon, mit Kissen, 304,8 x 188 x 14,9 cm, Houston, The Menil Collection. \" width=\"193\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Abb.-1_Robert_Rauschenberg-193x300.jpg 193w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Abb.-1_Robert_Rauschenberg.jpg 575w\" sizes=\"auto, (max-width: 193px) 100vw, 193px\" \/><p id=\"caption-attachment-2388\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 1: Robert Rauschenberg, Glacier (Hoarfrost), 1974, Transfer auf Satin und Chiffon, mit Kissen, 304,8 x 188 x 14,9 cm, Houston, The Menil Collection.<\/p><\/div>\n<p>Als theoretisches Pendant zu den k\u00fcnstlerischen Entwicklungen wird schlie\u00dflich Marshall McLuhan herangezogen: Auf Basis der \u201eRekordausgaben f\u00fcr Werbung seit dem Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit und [der] Diversifizierung der Medien\u201c hat sich dieser in den 1950er Jahren einer wissenschaftlichen Analyse der \u201ePh\u00e4nomene der Mediengesellschaft\u201c angenommen. (70) Spannend ist in diesem Kontext McLuhans Vergleich des \u201eindustriellen Menschens\u201c mit einer Schildkr\u00f6te, die nichts von ihrem Panzer wei\u00df. Diese im Inneren \u201ebefangene\u201c oder vielmehr gefangene Wahrnehmung entspr\u00e4che der praktischen Anschauung des Menschen, der die Schildkr\u00f6te eher verspeisen, denn ihren Panzer bewundern w\u00fcrde: \u201eDerselbe Mensch w\u00fcrde lieber in die Zeitung eintauchen, als irgendein \u00e4sthetisches oder intellektuelles Verst\u00e4ndnis ihrer Beschaffenheit und Bedeutung zu besitzen.\u201c <a id=\"_ednref2\" title=\"\" href=\"#_edn2\">[1]<\/a> Mit McLuhan kommt Hoins zu dem Schluss, dass sich die Pop-Art-K\u00fcnstlerInnen der Materialit\u00e4t und Medialit\u00e4t der Medien zuwandten und \u201emit Motiven aus der Popul\u00e4rkultur\u201c dazu aufforderten, \u201edie Beschaffenheit der Medien in den Blick zu nehmen\u201c. (71) \u00c4hnliche Bestrebungen attestiert die Autorin auch der Malerei in Westdeutschland; sie analysiert \u2013 vor dem Hintergrund einschl\u00e4giger Vertreter der amerikanischen Pop-Art \u2013 Gem\u00e4lde von Sigmar Polke, Wolfgang Tillmanns und Gerhard Richter. Abschlie\u00dfend werden die Bestrebungen der \u201eIdeenkunst\u201c Joseph Kosuths thematisiert, der \u201edas Ph\u00e4nomen der relativen Durchsichtigkeit der Zeitung [\u2026] als neutrales und transparentes Medium, das der Betrachter in seiner Materialit\u00e4t und Medialit\u00e4t zu ignorieren gewohnt sei\u201c, aufgreift. (84) Die Zeitung, so wird Kosuth paraphrasiert, k\u00f6nne f\u00fcr die Konzeptk\u00fcnstler als neutraler Informationsvermittler fungieren, als \u201ebereits gestaltete \u2013 und damit quasi neutrale \u2013 Form der Vermittlung ihrer Ideenkunst\u201c. (84) Damit wird bereits im ersten Kapitel ein breites Spektrum k\u00fcnstlerischer Positionen aufgespannt, die \u201evon der Amalgamierung \u00fcber die breite F\u00e4cherung bis zum Versuch der Abl\u00f6sung\u201c reichen. (89)<\/p>\n<p>Das zweite Kapitel wendet sich der Inszenierung von \u201eR\u00e4umlichkeit, K\u00f6rperlichkeit und direkte[r] Ber\u00fchrung mithilfe der Zeitung als Material\u201c zu. Um der zeitgen\u00f6ssischen Medienentwicklung Rechnung zu tragen, verkn\u00fcpft Hoins die Analyse einzelner Arbeiten mit Wahrnehmungstheorien und dem Fernsehen, dessen Entwicklung zum neuen Leitmedium \u201eals Bezugsrahmen [dient], da das Konkurrenzmedium wesentlich zur Ver\u00e4nderung der Bewertung und Wahrnehmung der Zeitung f\u00fchrte.\u201c (93) Am Horizont des Kapitels steht die \u201eVerklammerung von Raum und K\u00f6rper\u201c, die, der Autorin zufolge, auf eine bewusste Wahrnehmung dieser Kategorien zielte. (94)<\/p>\n<p>Mit Raoul Hausmann und George Grosz stehen zun\u00e4chst die k\u00fcnstlerischen Strategien des Berliner Dadaismus im Zentrum, die die Verzerrtheit der Wirklichkeitsbeschreibungen durch die journalistischen Medien zu entlarven und zu hinterfragen suchten. Dabei wird erneut die politische Agenda der Dadaisten virulent, was angesichts der einleitenden Fokussierung auf K\u00f6rperlichkeit und Raum durchaus \u00fcberrascht. Etwas verwirrend ist hier, dass das Erleben und die Wahrnehmung als zentrale Rezeptionsmodi im Sinne eines Lesens und bildlichen Identifizierens von journalistischen Produkten verstanden werden. Die k\u00f6rperliche und r\u00e4umliche Erfahrung hingegen \u2013 etwa von Installationen oder Performances \u2013 ger\u00e4t zun\u00e4chst teilweise in den Hintergrund.<\/p>\n<p>Als theoretische Referenz hinsichtlich der \u201eAbdichtung der Information gegen die Erfahrung\u201c, wie sie in journalistischen Printmedien der Fall sei, wird in diesem Kapitel Walter Benjamin herangezogen. Dessen Blickwinkel auf das Zeitungswesen als Ort der Schilderung \u201evermeintlicher Erlebnisse von \u201aschockf\u00f6rmiger\u2018 Ereignishaftigkeit\u201c wird mit den Bestrebungen der Dadaisten enggef\u00fchrt. (99) Die etwas unvermittelte Bezugnahme auf Martha Rosler dient der Explizierung k\u00fcnstlicher Distanzierung von Kriegsereignissen durch deren mediale Vermittlung. Hoins legt im Folgenden pr\u00e4zise die historische Geschichtsauffassung in der Zeit um den Ersten Weltkrieg dar; daran wird deutlich, inwiefern das m\u00f6glichst unvermittelte, direkte Nah-Erleben auch in der medialen Situation der Zeit als erstrebenswert galt. Durch die Konzentration auf den Dadaismus ergibt sich eine Fokussierung auf Krieg und Kriegszust\u00e4nde; derlei gesellschaftspolitische Ausnahmesituationen werden als Gradmesser f\u00fcr die realit\u00e4tsabbildende Funktion der Medien herangezogen.<\/p>\n<div id=\"attachment_2387\" style=\"width: 224px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2387\" class=\"size-medium wp-image-2387\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Abb.3_Johannes_Baader-214x300.jpeg\" alt=\"Johannes Baader, Plasto-Dio-Dada-Drama, 1920, Assemblage mit verschiedenen Materialien, darunter Zeitungen, Ofenrohr, Schaufensterpuppe, Zahnrad, Plakate, wohl \u00fcber 2 m H\u00f6he, nicht erhalten.\" width=\"214\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Abb.3_Johannes_Baader-214x300.jpeg 214w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Abb.3_Johannes_Baader-729x1024.jpeg 729w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Abb.3_Johannes_Baader.jpeg 1139w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><p id=\"caption-attachment-2387\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 2: Johannes Baader, Plasto-Dio-Dada-Drama, 1920, Assemblage mit verschiedenen Materialien, darunter Zeitungen, Ofenrohr, Schaufensterpuppe, Zahnrad, Plakate, wohl \u00fcber 2 m H\u00f6he, nicht erhalten.<\/p><\/div>\n<p>Unter dem Gesichtspunkt der Authentizit\u00e4t wird Robert Gobers Arbeit f\u00fcr die Zeitschrift <i>Parkett<\/i> mit dem ikonischen Kaffeetassenabdruck besprochen: Hier sei eine \u201eInstallation von Pr\u00e4senz\u201c vorgenommen worden \u2013 eine Formulierung, die die Autorin von Rosalind Krauss entlehnt. Auf die k\u00f6rperliche Erfahrung der Installationssituation kommt Hoins schlie\u00dflich anhand von Allan Kaprows Arbeit<i> Apple Shrine <\/i>(Abb. 2) zu sprechen. Die W\u00e4nde dieses Environments waren mit zerkn\u00fcllten Zeitungen tapeziert, \u201eso dass die Besucher beim Betreten [\u2026] zwangsl\u00e4ufig in k\u00f6rperlichen Kontakt mit dem Papier gerieten\u201c. (113) Am \u201eEnde des labyrinthartigen Ganges\u201c konnten die BesucherInnen w\u00e4hlen: zwischen essbaren und k\u00fcnstlichen \u00c4pfeln. Die Beleuchtungssituation im Inneren erschwerte jedoch die visuelle Unterscheidung der beiden Sorten: Mit Jeff Kelley sieht Hoins daher in den \u00c4pfeln eine \u201emetaphor of the relation of truth to appearances, originals to copies, pleasure to abstinence and body to mind\u201c<a id=\"_ednref3\" title=\"\" href=\"#_edn3\">[2]<\/a> verk\u00f6rpert, die \u2013 wie die omnipr\u00e4sente, exaltierende Zeitungstapete \u00a0\u2013 dazu anregte, diese Polarit\u00e4ten im Kaprow\u2019schen Schrein zu reflektieren. (114)<\/p>\n<p>Es folgt ein Exkurs in die vorwiegend amerikanische Mediendebatte \u00fcber das neue Leitmedium Fernsehen, die sich auch als interessante Parallelisierung zum medienreflexiven Diskurs \u00fcber die Zeitung lesen l\u00e4sst. Hoins fasst treffend zusammen und liefert einen umfangreich recherchierten \u00dcberblick \u00fcber die teilweise durchaus kontroversen Positionen zu den medialen Entwicklungen der 1950er und 1960er Jahre. Hier bespricht die Autorin auch partizipative Kunstformen und deren performativen Einsatz von Zeitungen \u2013 die nun, im Angesicht der televisuellen Welteroberung, zu einer Inkarnation des Wirklichen, des Materiellen und damit des buchst\u00e4blich Greifbaren geworden sind. Zeitungen, vormals unter Beschuss aufgrund vorget\u00e4uschten Erlebens und vermeintlich unvermittelter Realit\u00e4tswahrnehmung, figurierten knapp f\u00fcnfzig Jahre sp\u00e4ter bereits als skulpturale Interventionen und als Mittler und Tr\u00e4ger von K\u00f6rperlichkeit, so lie\u00dfe sich das zweite Kapitel summieren.<\/p>\n<p>Im dritten Kapitel fokussiert Hoins die Bezugsdimension Zeit, die f\u00fcr den Materialeinsatz von Zeitung als zumeist tagesaktuellem Medium im Kunstkontext grundlegend relevant ist: F\u00fcr die Kunst der zweiten H\u00e4lfte des Jahrhunderts sei die Zeitung das Medium der Verg\u00e4nglichkeit beziehungsweise des Verfalls schlechthin, dessen Aktualit\u00e4tsbezug durch das Fernsehen \u00fcberholt wurde.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst erl\u00e4utert Hoins aber die \u201eOrganisation und Zusammenstellung der Inhalte innerhalb der Zeitung, also Aspekte ihrer spezifischen Medialit\u00e4t\u201c, die sie als \u201eSimultaneit\u00e4t\u201c bezeichnet. (145) Die Berliner Dadaisten \u2013 ein besonderer Fokus liegt hier auf den Arbeiten von Hannah H\u00f6ch \u2013 verfolgten eine \u201e\u00dcberspitzung des Prinzips der Gleichzeitigkeit\u201c und versuchten mit ihren Collagen eine f\u00f6rmlich exzessive, \u201egesteigerte Simultaneit\u00e4t\u201c zu erreichen. (146) Damit r\u00fcckt auch die Geschwindigkeit der Produktion \u2013 sowohl der journalistischen als auch der k\u00fcnstlerischen \u2013 in den Fokus: Die Brisanz der Zeitung er\u00fcbrigt sich zumeist mit Tagesende; dies bedingt eine schnelle Produktion, die sich wiederum im Verg\u00e4nglichkeitspotenzial des Mediums selbst niederschl\u00e4gt. Zentral bleibt f\u00fcr Hoins auch in der Aktualit\u00e4tsdebatte der mediale Konkurrenzkampf zwischen Zeitung, Rundfunk und Fernsehen.<\/p>\n<p>Mit Vostells Zeitungsaktionen \u2013 ritueller Zeitungsverkleinerung, Ver\u00e4nderung des Aggregatzustands \u2013 und Beuys\u2018 Zeitungsverspeisung wird der Aspekt des Organischen und damit der Naturbezug thematisiert. Wenn Hoins ausf\u00fchrt, wie Vostell und Beuys durch die Zerhackung beziehungsweise das Verspeisen die Materialit\u00e4t der Zeitung gegen ihre Semantizit\u00e4t \u201eausspielen\u201c, bleibt der Mehrwert ihrer Terminologie durchaus unklar. Eine andere Form der Zerst\u00f6rung des kulturellen Produkts Zeitung im Kontext eines Kunstwerks findet sich bei den benagelten Zeitungen von G\u00fcnther Uecker: Die Autorin zielt hier auf die thematische Durchl\u00e4ssigkeit zwischen der Semantizit\u00e4t und der Materialit\u00e4t der Zeitung ab. Gerade wenn sie die K\u00f6rperlichkeit des Eingriffs betont und daf\u00fcr sogar die \u201eMetapher f\u00fcr den menschlichen K\u00f6rper\u201c bem\u00fcht, stellt sich die Frage, warum Uecker nicht schon im zweiten Kapitel eingef\u00fchrt wurde. Ein l\u00e4ngerer Exkurs f\u00fchrt daraufhin zu Johannes Baaders <i>Plasto<\/i><i>-Dio-Dada-Drama <\/i>(Abb. 3): Angesichts der ausf\u00fchrlichen Besprechung und der quantitativen \u00dcberlast des Dadaismus verst\u00e4rkt sich der Eindruck, dass hier Hoins\u2018 tats\u00e4chliches Forschungsinteresse liegt.<\/p>\n<div id=\"attachment_2386\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2386\" class=\"size-large wp-image-2386\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Abb.2_Allan_Kaprow-1024x692.jpeg\" alt=\"Allan Kaprow, Apple Shrine, 1960, Installation mit Zeitungen, Maschendraht, Holzleisten, \u00c4pfeln, Kunststoff\u00e4pfeln, Judson Gallery, New York, nicht erhalten.\" width=\"640\" height=\"433\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Abb.2_Allan_Kaprow-1024x692.jpeg 1024w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Abb.2_Allan_Kaprow-300x203.jpeg 300w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Abb.2_Allan_Kaprow.jpeg 1802w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><p id=\"caption-attachment-2386\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 3: Allan Kaprow, Apple Shrine, 1960, Installation mit Zeitungen, Maschendraht, Holzleisten, \u00c4pfeln, Kunststoff\u00e4pfeln, Judson Gallery, New York, nicht erhalten.<\/p><\/div>\n<p>Das abschlie\u00dfende vierte Kapitel vereint unter den drei Verben \u201eMontieren, Kommentieren, Einschreiben\u201c noch einmal verschiedenste Zug\u00e4nge zur Zeitung: als \u2013 bearbeitbares, formbares und rekonfigurierbares \u2013 Material, als Gegenstand, der in einer zeithistorischen Wirklichkeit konsumiert und produziert wird, aber auch als Vermittlungsform des Geschriebenen.<\/p>\n<p>Hoins leitet das Kapitel mit einem l\u00e4ngeren Absatz zur Montage ein, deren Form schlie\u00dflich auch zentral f\u00fcr die dringliche Diskussion um die Autorschaft ist. Den Modus der Collage reflektierend res\u00fcmiert sie verschiedene Spielformen der Signatur, in der sich die Produktionsform und die Herstellungsmechanismen eben jener Kunstformen widerspiegeln. Anhand der Arbeiten von John Heartfield und George Grosz werden die gesellschaftshistorische Kontextualisierung und die sich ver\u00e4ndernden Produktionsmechanismen erl\u00e4utert: die sich durchsetzende \u201eTaylorisierung\u201c (206), die Grosz auch in der Kunst ausmachte, und die zunehmend seriell-industrielle Produktion. In Ankn\u00fcpfung an die bereits zuvor eingef\u00fchrte Diskussion rund um das Produkt werden k\u00fcnstlerische Verfahren behandelt, die sich der Produziertheit des Menschen durch die Entwicklung der Presse annahmen. Davon ausgehend werden die Dimension der Autorschaft und damit die Frage nach der pers\u00f6nlichen Biographie in den Blick genommen: An eben jener Schnittstelle setzt Hoins die Arbeiten Jean Dubuffets an, der wiederum den pers\u00f6nlichen Schriftzug und damit die Handschrift prominent der gedruckten Zeitung entgegensetzt. Insbesondere in formaler Hinsicht erscheint die daran anschlie\u00dfende Thematisierung des Dresdner K\u00fcnstlers Hermann Gl\u00f6ckner schl\u00fcssig; naheliegend ist auch der Vergleich der Dubuffet\u2019schen <i>Messages<\/i> mit den zeitnah entstandenen Werken Gl\u00f6ckners, der im politischen Kontext der DDR \u00e4hnliche k\u00fcnstlerische Strategien der \u00dcbermalung und Einschreibung verfolgte. Mit Dieter Hacker und Gustav Metzger verfolgt Hoins schlie\u00dflich k\u00fcnstlerische Strategien der \u201eFunktionsst\u00f6rung von \u00d6ffentlichkeit\u201c weiter. (233) Erstaunlich ist, dass \u2013 gerade im Zuge der Abhandlung der diskutierten Kategorien von \u00d6ffentlichkeit beziehungsweise Gegen\u00f6ffentlichkeit \u2013 Rodney und nicht Dan Graham als abschlie\u00dfende Position des Kapitels gew\u00e4hlt wurde.<\/p>\n<p>Im Res\u00fcmee unterstreicht Hoins den Mehrwert ihrer Analysekategorien, die allerdings im Zuge der Lekt\u00fcre zunehmend aus dem Fokus gerieten. Dass ihre Untersuchung zeigen konnte, dass die besprochenen Arbeiten jeweils im \u201eKontext historischer Mediendiskurse\u201c (239) stehen, \u00fcberrascht dabei wenig. Zurecht wird die pr\u00e4zise Analyse dieser Kontextualisierung jedoch als zentrale Erkenntnis der Publikation betont.<\/p>\n<p>Zusammenfassend l\u00e4sst sich festhalten, dass Hoins\u2018 Band erstmals zentrale k\u00fcnstlerische Strategien im Umgang mit dem Material Zeitung in der amerikanischen und westeurop\u00e4ischen Kunst des 20. Jahrhunderts versammelt. Die Publikation zeichnet sich durch einen ausnehmend breiten, facettenreichen Beispielkatalog aus, in dem der Berliner Dadaismus einen unerwartet gro\u00dfen Teil einnimmt. Trotz dieser gro\u00dfen Bandbreite ihres Forschungsmaterials gelingt es der Autorin, fundierte Analysen einzelner Positionen vorzunehmen. Hoins inkludiert in ihre Anthologie auch \u2013 und das muss in besonderem Ma\u00dfe positiv verzeichnet werden \u2013 k\u00fcnstlerische Positionen, die sich abseits des kunsthistorisch-institutionalisierten Kanons bewegen. Der \u00fcberwiegende Teil der Untersuchung behandelt jedoch m\u00e4nnliche K\u00fcnstler: Inwiefern diese Auswahl tats\u00e4chlich der historischen Faktenlage \u2013 man denke etwa an Barbara Kruger, Linder Sterling oder Sanja Ivekovi\u0107<a id=\"_ednref4\" title=\"\" href=\"#_edn4\">[3]<\/a> \u2013 geschuldet sein kann, muss fraglich bleiben, da die Autorin selbst darauf nicht eingeht.<\/p>\n<p>Hoins\u2018 betont non-chronologische, systemische Vorgehensweise er\u00f6ffnet Bez\u00fcge und Sichtweisen, die andernfalls nicht virulent geworden w\u00e4ren. Ihre Methode bedingt allerdings auch zahlreiche historische Spr\u00fcnge, die sich mancherorts produktiv und spannend, andernorts jedoch verk\u00fcrzend und verunkl\u00e4rend auswirken. Der zunehmend akuter werdende Wechsel zwischen den doch sehr verschiedenen historischen Settings, die das 20. Jahrhundert in Europa und Nordamerika durchl\u00e4uft, erfolgt leider streckenweise auf Kosten der inhaltlich-thematischen Stringenz der Argumentation und resultiert in abrupten \u00dcberg\u00e4ngen. Eine durchg\u00e4ngig dezidiertere Strukturierung durch die anf\u00e4nglich eingef\u00fchrten Begrifflichkeiten Materialit\u00e4t, Medialit\u00e4t und Semantizit\u00e4t w\u00e4re daher \u2013 auch hinsichtlich der konkreten Einsetzbarkeit der Termini \u2013 w\u00fcnschenswert. F\u00fcr die Kunstgeschichte ist Hoins\u2018 Dissertation aber in jedem Fall als eine umfassende, facettenreiche und daher durchaus empfehlenswerte Publikation anzusehen, die insbesondere f\u00fcr den deutschsprachigen Raum eine pr\u00e4zise recherchierte Diskussion der Zeitung als k\u00fcnstlerisches Material im 20. Jahrhundert vorstellt.<\/p>\n<div style=\"font-size: 0.8em;\">\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<p><a id=\"_edn2\" title=\"\" href=\"#_ednref2\">[1]<\/a> Hoins zitiert hier eine deutsche \u00dcbersetzung (Marshall McLuhan, Die mechanische Braut. Volkskultur des industriellen Menschen, Amsterdam 1996) von McLuhans Essay zur \u201eTitelseite\u201c aus 1951: \u201eDer industrielle Mensch ist der Schildkr\u00f6te nicht un\u00e4hnlich, die f\u00fcr die Sch\u00f6nheit des Panzers, der auf ihrem R\u00fccken gewachsen ist, ganz blind ist. [\u2026] Diese im Inneren befangene Wahrnehmung stimmt mit der praktischen Anschauung des Menschen \u00fcberein, [\u2026]. Derselbe Mensch w\u00fcrde lieber in die Zeitung eintauchen, als irgendein \u00e4sthetisches oder intellektuelles Verst\u00e4ndnis ihrer Beschaffenheit und Bedeutung zu besitzen.\u201c, Hoins 2015, S. 70.<\/p>\n<p><a id=\"_edn3\" title=\"\" href=\"#_ednref3\">[2]<\/a> Hoins zitiert hier den originalsprachlich englischen Text von Jeff Kelley, Childsplay. The Art of Allan Kaprow, Berkeley, Los Angeles 2004.<\/p>\n<p><a id=\"_edn4\" title=\"\" href=\"#_ednref4\">[3]<\/a> Ich danke Johanna Braun f\u00fcr zahlreiche weitere konkrete Hinweise.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Katharina Hoins, Zeitungen. Medien als Material der Kunst Reimer Verlag, Berlin 2015 broschiert, 318 Seiten ISBN 978-3-496-01485-0 Das Rascheln beim Bl\u00e4ttern der d\u00fcnnen Seiten, die straffende Handbewegung, die das zerknitterte Papier glatt streift und dabei \u2013 wie man immer erst &hellip; <a href=\"https:\/\/allover-magazin.com\/?p=2378\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"footnotes":""},"categories":[113,13],"tags":[116,115,114],"class_list":["post-2378","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ausgabe-10","category-buchrezensionen","tag-dada","tag-material","tag-zeitung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2378","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2378"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2378\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2439,"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2378\/revisions\/2439"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2378"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2378"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2378"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}