{"id":1847,"date":"2014-10-22T21:17:20","date_gmt":"2014-10-22T19:17:20","guid":{"rendered":"http:\/\/allover-magazin.com\/?p=1847"},"modified":"2014-11-03T22:40:32","modified_gmt":"2014-11-03T20:40:32","slug":"die-fliege-im-bernstein-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/allover-magazin.com\/?p=1847","title":{"rendered":"Die Fliege im Bernstein"},"content":{"rendered":"<p>Teil II<a href=\"#endnote1\">[1]<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/allover-magazin.com\/?attachment_id=1872\" rel=\"attachment wp-att-1872\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-1872\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Abb.-C_Portra\u0308t-Steiner-1-300x300.png\" alt=\"Rudolf Steiner\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Abb.-C_Portra\u0308t-Steiner-1-300x300.png 300w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Abb.-C_Portra\u0308t-Steiner-1-1022x1024.png 1022w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Abb.-C_Portra\u0308t-Steiner-1.png 1179w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a> <a href=\"http:\/\/allover-magazin.com\/?attachment_id=1873\" rel=\"attachment wp-att-1873\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-1873\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Abb.-D_Portra\u0308t-Tarkowski-3-300x190.jpg\" alt=\"Andrei Tarkovski\" width=\"236\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Abb.-D_Portra\u0308t-Tarkowski-3-300x190.jpg 300w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Abb.-D_Portra\u0308t-Tarkowski-3.jpg 550w\" sizes=\"auto, (max-width: 236px) 100vw, 236px\" \/><\/a> <a href=\"http:\/\/allover-magazin.com\/?attachment_id=1874\" rel=\"attachment wp-att-1874\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-1874\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Abb.-E_Portra\u0308t-Kluge-5-e1414403864168-300x185.png\" alt=\"\" width=\"242\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Abb.-E_Portra\u0308t-Kluge-5-e1414403864168-300x185.png 300w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Abb.-E_Portra\u0308t-Kluge-5-e1414403864168-1024x634.png 1024w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Abb.-E_Portra\u0308t-Kluge-5-e1414403864168.png 1742w\" sizes=\"auto, (max-width: 242px) 100vw, 242px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Gawan Fagard: Man sp\u00fcrt auch in Ihrem Text <i>Der Brunnen der G\u00f6tter, <\/i>dass ein gewisses Missverst\u00e4ndnis zwischen Ihnen und Tarkowski im Spiel war.<\/p>\n<p>Alexander Kluge: Aber das h\u00e4tten wir versucht zu verfilmen. Dieses Missverst\u00e4ndnis h\u00e4tten wir beide nicht unterdr\u00fcckt. Dar\u00fcber hatten wir uns in Berlin verst\u00e4ndigt. Das ist so ein D\u00e4mmerstundengespr\u00e4ch. Das f\u00e4ngt, sagen wir mal so um vier Uhr an, und geht dann so bis neun Uhr etwa, und langsam wird es dunkel. Und Tarkowski hat kein Licht machen lassen. Man kann ja nicht sagen: Schalten Sie mal das Licht ein, sondern das geht wie am Hofe. Wie am Hofe eines Weisen. Und die Frau wartet, bis er sagt: Wir z\u00fcnden irgendeine Kerze oder Gl\u00fchbirne an. Hat er aber nicht gemacht. Also es wurde dunkler. Was dem Gedanken gut bekommt. Und wir haben uns \u00fcber diesen einen Punkt gut verst\u00e4ndigt. Keiner von beiden h\u00e4tte sich verstellt. Nat\u00fcrlich hatten wir verschiedene Einstellungen. Das fing damit an, dass ich weniger reisen wollte als er. Tarkowski wollte ja sofort nach Tibet. Ich dachte, dass wir wenigstens die Passfrage vorher kl\u00e4ren sollten.<\/p>\n<p>Gawan Fagard: Sie haben auch erw\u00e4hnt, dass er dort wie ein Wagner aufgetreten w\u00e4re. Sie haben sich gefragt, ob Tarkowskis \u201eGenie \u00f6konomischen Exzess brauche\u201c, um sich abzuheben vom Durchschnitt.<\/p>\n<p>Alexander Kluge: Ja, ja. Zu diesem \u00f6konomischen Exzess w\u00e4re es auch in diesem Film gekommen.<\/p>\n<p>Gawan Fagard: Genau. Und dann gibt es auch das fiktionale Element, das Sie eingebracht haben: die Figur des Landvermessers.<\/p>\n<p>Alexander Kluge: Das hat \u00fcbrigens nichts mit Kafka zu tun, sondern mit Heiner M\u00fcller. Heiner M\u00fcller bezeichnet sich selbst als Landvermesser.<a href=\"#endnote2\">[2]<\/a> Und ich muss Ihnen sagen, das Landvermessen ist eigentlich die Bruchstelle, wo die Natur auf eine sehr g\u00fctige Weise domestiziert wird. Auch Alexander von Humboldt, der den Ural bereist, ist ein Landvermesser.<\/p>\n<p>Gawan Fagard: &#8230;und ist auch der Prototyp dieses Charakters.<\/p>\n<p>Alexander Kluge: Der Prototyp, der Charakter. Aber auch Aristoteles habe ich im Auge gehabt, denn hinter den Heeren Alexanders des Gro\u00dfen zogen Landvermesser des Aristoteles und die hatten ein Ger\u00e4t, mit dem man die Entfernung messen konnte. Am Abend konnte man dann ablesen, wie viele Parasangen gelaufen wurden. So konnten sie Meter f\u00fcr Meter, durch F\u00fc\u00dfe und dieses Ger\u00e4t, den Weg bis zum Indus markieren. Das ist Landvermessung.<\/p>\n<p>Gawan Fagard: Was passiert dann genau in einer solchen Landvermessung?<\/p>\n<p>Alexander Kluge: Man hat zun\u00e4chst eine Ahnung oder eine physische Vorstellung von dem Land, aber man hat es noch nicht besetzt.<\/p>\n<p>Gawan Fagard: Man tendiert aber dazu, es sich anzueignen.<\/p>\n<p>Alexander Kluge: Das muss nicht so sein. Die Messung wird zun\u00e4chst erst mal an die Akademie \u00fcbergeben, das hei\u00dft an die Wissenschaft. Sie haben jetzt nicht mehr eine beliebige, selbst ausgedachte Vorstellung von der Welt. Dem h\u00e4tte Tarkowski nicht widersprochen. Er h\u00e4tte wohl lediglich eingewandt, dass man mit dieser Messung des Aristoteles keine Geisteswesen vermessen kann.<\/p>\n<div id=\"attachment_1881\" style=\"width: 216px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/allover-magazin.com\/?attachment_id=1881\" rel=\"attachment wp-att-1881\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1881\" class=\"size-medium wp-image-1881\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Abb.-6.-Tarkowski_geologische-karte-Kurejka-206x300.jpg\" alt=\"Andrei Tarkowski, Geologische Karte des Kurejka-Flusses in Sibirien, 1953 \u2013 1954.\" width=\"206\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Abb.-6.-Tarkowski_geologische-karte-Kurejka-206x300.jpg 206w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Abb.-6.-Tarkowski_geologische-karte-Kurejka.jpg 412w\" sizes=\"auto, (max-width: 206px) 100vw, 206px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1881\" class=\"wp-caption-text\">Andrei Tarkowski, Geologische Karte des Kurejka-Flusses in Sibirien, 1953 \u2013 1954.<\/p><\/div>\n<p>Gawan Fagard: Genau. Und da ist die Schnittstelle zum Problem Tarkowskis, dass er sehr problematisch mit der Technologie umgegangen ist. Die Technologie ist zwar Voraussetzung f\u00fcr das Kino, aber gleichzeitig hat nach Tarkowski mit der Renaissance die Entfremdung der Spiritualit\u00e4t durch die technologische Perspektive ihren Ursprung. Das impliziert, dass wir \u00fcberhaupt keinen unvermittelten Kontakt mit der Welt haben k\u00f6nnen. Dass wir also Messger\u00e4te immer brauchen&#8230;<\/p>\n<p>Alexander Kluge: Das Instrument stellt sich zwischen den Menschen und die Dinge. Was ich ja nicht besonders f\u00fcrchte, weil in dem Instrument die Lebenszeit von Menschen enthalten ist. Alle Dinge sind verzauberte Menschen. Denn diese Dinge haben immer Menschen gemacht. Und insofern w\u00fcrde ich leicht glauben, dass sich ein direkter Kontakt auch wiederherstellt; dass sich die Art, wie ein Arbeiter eine Schraube befestigt \u2013 sitzt, passt, wackelt und hat Luft \u2013 zwischen einem deutschen Arbeiter und einem chinesischen ohne Sprachkenntnisse vermitteln l\u00e4sst. Trotzdem ist die Schraube technisch.<\/p>\n<p>Gawan Fagard: Das ist auch die Kunst.<\/p>\n<p>Alexander Kluge: Ja, das ist wirklich Kunst. Beim Arzt ist es noch mehr Kunst. Der arbeitet nicht mit einer Schraube sondern mit einem K\u00f6rper. Und von daher hat die Renaissance uns eigentlich kein Leid getan. Also dieses bisschen, was man mit einem Instrument machen kann (zum Beispiel mit einer Kanone schie\u00dfen) ist sehr endlich. Napoleons Kanonen kommen 1812 nach Moskau und schmelzen entweder in einem Brand oder wurden stehen gelassen.<\/p>\n<p>Gawan Fagard: Die Kanone ist ein Instrument, aber als Waffe zeigt sie ihre gef\u00e4hrliche Seite.<\/p>\n<p>Alexander Kluge: Ja, aber in diesem Sinne sind auch Hammer und Sichel gef\u00e4hrlich. F\u00fcr die Dinge, worauf sie einhauen, ist der Hammer vielleicht kein Griff, kein Feininstrument. Die Fingerspitze ist Feinsteuerung. Wenn die Hebamme ein Kind in einem Mutterleib umdreht, das in der falschen Lage da sitzt, ist das auch Feinsteuerung. Ich glaube, dass ich mich mit Tarkowski da sehr schnell verst\u00e4ndigt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Es gibt aber einen grunds\u00e4tzlichen Temperamentsunterschied zwischen uns beiden. Das war in diesem Gespr\u00e4ch sehr schnell zu bemerken. Er h\u00e4tte auf der einen Seite sch\u00e4rfer zugepackt. Er nimmt st\u00e4rker Besitz von etwas, gleichzeitig ist er schneller verzweifelt und negativ eingestellt und sagt, die Welt geht herunter. Sein Pessimismus ist ausgepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Gawan Fagard: Sie haben den Gott Kairos ins Spiel gebracht, ein Gott des gl\u00fccklichen Augenblicks, der mitmachen muss, um solche Filme zu gestalten.<\/p>\n<p>Alexander Kluge: Das ist der Name meiner Firma, Kairos. Aber das ist ein sehr eigenartiger Gott, eigentlich sollten wir sagen ein Gl\u00fccksgott, oder Gott der Zeit. Aber beide Ausdr\u00fccke passen nicht zu ihm, weil er ist nicht ein Gott der Zeit, so wie Kronos ein Gott der Zeit ist. Es sind einfach ganz verschiedene Wirklichkeiten von Zeit. Der Kairos kommt nur in Form von Unterstr\u00f6mungen vor. Sie k\u00f6nnen ihn nicht fassen.<\/p>\n<p>Gawan Fagard: Anscheinend hat er dann auch nicht mitgewirkt \u2013 Tarkowski ist zu fr\u00fch verstorben.<\/p>\n<p>Alexander Kluge: Er war krank, ja. Er hat mir noch einmal eine Nachricht geschickt, dass wir demn\u00e4chst anfangen sollten. Und ich habe auch tats\u00e4chlich auf Schloss Elmau mal gesagt, dass wir die R\u00e4ume br\u00e4uchten. Tarkowski hatte vor, dass wir nach S\u00fcditalien fahren. Das war der letzte gro\u00dfe Plan. F\u00fcr eine Reise in den Hindukusch h\u00e4tten wir russische P\u00e4sse und Visa gebraucht. Wo sollten wir einreisen? Welche Schutzimpfung macht man? Da bin ich von meiner Mutter her zu praktisch gepr\u00e4gt, um zu sagen, das machen wir jetzt so wie Werner Herzog. Abgesehen davon, dass mir Tarkowski gar nicht robust genug schien f\u00fcr das Reisen.<\/p>\n<p>Gawan Fagard: Also f\u00fcr Sie ist die imagin\u00e4re Geographie irgendwie wichtiger als die konkrete. Die Reise f\u00fchrt sozusagen ins \u201einnere Atlantis\u201c<a href=\"#endnote3\">[3]<\/a>.<\/p>\n<p>Alexander Kluge: Ja. Also, entweder haben wir das in uns und es gibt alles, oder wir werden es nicht finden.<\/p>\n<p>Gawan Fagard: Aber Tarkowski braucht schon das Wirkliche.<\/p>\n<p>Alexander Kluge: Ja, und das achte ich auch. Wir h\u00e4tten zuerst mit den Gegenden in der N\u00e4he des Vesuvs, unterhalb der Lava und oberhalb der Siedlung, anfangen k\u00f6nnen. Es ist tats\u00e4chlich verb\u00fcrgt, dass dort bei einem Brunnen ein Zugang zur Unterwelt sein m\u00fcsste. Da gibt es verl\u00e4ssliche Quellen und Sie d\u00fcrfen ja nicht denken, dass ich das f\u00fcr etwas Fremdes halte, was man esoterisch nennt. Sondern das ist etwas Wirkliches. Das sind sozusagen Reste eines atlantischen Leibes, den wir noch in uns tragen.<\/p>\n<div id=\"attachment_1882\" style=\"width: 810px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/allover-magazin.com\/?attachment_id=1882\" rel=\"attachment wp-att-1882\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1882\" class=\"wp-image-1882 size-full\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Abb.-7.-Joseph_Mallord_William_Turner_-_The_Bay_of_Baiae_with_Apollo_and_the_Sibyl.jpg\" alt=\"Joseph Mallord William Turner, The Bay of Baiae with Apollo and the Sybill at the Entrance of the Underworld, 1823.\" width=\"800\" height=\"490\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Abb.-7.-Joseph_Mallord_William_Turner_-_The_Bay_of_Baiae_with_Apollo_and_the_Sibyl.jpg 800w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Abb.-7.-Joseph_Mallord_William_Turner_-_The_Bay_of_Baiae_with_Apollo_and_the_Sibyl-300x183.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1882\" class=\"wp-caption-text\">Joseph Mallord William Turner, The Bay of Baiae with Apollo and the Sybill at the Entrance of the Underworld, 1823.<\/p><\/div>\n<p>Gawan Fagard: An diesem Ort g\u00e4be es dann einen Untergrund, vielleicht sogar eine Unterwelt, und doch gibt es auch Berge. Die Berge weisen nach Steiner auf ein Geheimnis hin.<a href=\"#endnote4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Alexander Kluge: Ja, die Berge bewegen sich und sie leben. Dar\u00fcber haben wir auch gesprochen \u2013 dass der Pazifik wahrscheinlich ein Lebewesen ist, dass auch er auf andere Gestirne reagiert und sich bewegt. Aber die Berge des Himalaya bewegen sich auch \u2013 nur sehr viel langsamer.<\/p>\n<p>So ein Bild fesselt mich sehr, dass sozusagen ein Gesandter, ein Botschafter des Pr\u00e4sidenten Obama, Richard Holbrooke, in Afghanistan umherf\u00e4hrt und sich unter ihm drei gro\u00dfe Bewegungen vollziehen. Diese Bewegungen habe ich mit Tarkowski besprochen. Die Belutschistanplatte kommt vom S\u00fcden und dr\u00e4ngt seit zehntausend Jahren sehr energisch gegen die Pamirplatte und dann wiederum gegen die Hindukuschplatte. Und diese drei Bewegungen pressen und schaffen eigentlich in der Gegend von Afghanistan ein permanentes, leichtes Erdbeben. Und oben haben Sie jetzt unsere kleinen krisseligen Menschen, und die machen B\u00fcrgerkrieg \u2013 und dar\u00fcber existiert eine Superstruktur der amerikanischen Versuche, mit so etwas umzugehen. Und dar\u00fcber im Orbit nun ein Sp\u00e4her und unten wieder Drohnen. Das sind sehr eigenartige, gegenl\u00e4ufige Wirklichkeiten. Die kann man als Chor beschreiben. Eine Oper des 21. Jahrhunderts m\u00fcsste so was zeigen und zum Summen bringen.<\/p>\n<p>Ich glaube, dass Tarkowski mir f\u00fcr so etwas zehn Minuten zugestanden h\u00e4tte, wenn ich wiederum ganz tolerant gewesen w\u00e4re f\u00fcr das, was er machen wollte, einschlie\u00dflich dem Reisen.<\/p>\n<p>Er erwartete von mir wohl, dass ich das Geld besorge. Das h\u00e4tte ich dann auch gemacht. Sodass wir, so \u00e4hnlich wie eine Sibirische Eisenbahn, die Arbeit in Wegstrecken aufgeteilt h\u00e4tten, das hei\u00dft zweitausend Meter macht Firma A, zweitausend Meter macht eine franz\u00f6sische Firma, dann kommt eine britische Firma f\u00fcr eine Br\u00fccke; und so wird diese Riesenstrecke verteilt in Abschnitte, die hinterher zueinander passen, gebaut. So \u00e4hnlich kann man Filme machen und so etwas h\u00e4tten wir vorgehabt. Das w\u00e4ren nicht neunzig Minuten geworden, sondern deutlich mehr.<\/p>\n<p>Gawan Fagard: Anders als Tarkowskis eigenes Kino w\u00e4re dieser Film dann nicht \u00e4sthetisch koh\u00e4rent gewesen.<\/p>\n<p>Alexander Kluge: Ich bin ganz sicher, dass er seine St\u00fccke koh\u00e4rent gemacht h\u00e4tte, aber ich h\u00e4tte ihn allerdings versucht aufzuwiegeln, dabei gewisserma\u00dfen nicht wagnerianisch zu sein (oder zu studieren wie Wagner als Kammermusiker eigentlich arbeitet). Das hei\u00dft, diese Vielfalt ist eine andere Seite vom Monumentalbau des Kinos: der Mut zum Fragment. Der Mut, sich etwas vorstellen zu k\u00f6nnen, wie es auss\u00e4he in f\u00fcnftausend Jahren. Dann wird es ja eine Ruine. Ich finde, das geh\u00f6rt zum Film dazu \u2013 also lieber nicht pessimistisch \u00fcber die Welt denken, aber dennoch zugestehen, dass die Filmgeschichte einmal vor\u00fcber und vertan ist und nur noch in Filmmuseen und Festivals eine Zeitlang vorkommt, festen Glaubens, dass sie woanders wiederkehrt \u2013 so zum Beispiel auf YouTube.<\/p>\n<p>Gawan Fagard: Und dazu h\u00e4tten Sie Tarkowski sozusagen herausgefordert?<\/p>\n<p>Alexander Kluge: Das w\u00e4re die Verf\u00fchrungskunst von meiner Seite gewesen.<\/p>\n<p>Gawan Fagard: Das h\u00e4tte er aber nicht in seiner Natur gehabt.<\/p>\n<p>Alexander Kluge: Nein, nein. Aber er kann es; Fragmente eines Genies sind manchmal das Sch\u00f6nste was es gibt. Bei Leonardo sind ja auch die Skizzen das Beste und nicht die fertigen Gem\u00e4lde.<\/p>\n<p>Gawan Fagard: Das h\u00e4tte Tarkowski auch gesch\u00e4tzt.<\/p>\n<p>Alexander Kluge: Nehmen wir Adorno und dessen Kunstverstand. Er sammelt ja wie ein Brennglas das, was Sch\u00f6nberg kann, was Webern kann, was Stockhausen wei\u00df und was die Musik wei\u00df. Nun ist Tarkowski unendlich musikalisch, aber er hat nur eine musikalische Vorstellung bis Mussorgski. Er ist musikalisch nicht modern. Die Moderne ist aber die Emanzipation der Form und das h\u00e4tte ihm gefallen.<\/p>\n<p>Tarkowski liest den Film von der Musik ab. Der Film kommt nicht von der Fotografie. Der kommt als Bewegbild aus der Musik. Tarkowski ist demnach ein bisschen akademisch gebildet und hat auch eine akademische Vorstellung von Film: Er muss neunzig Minuten lang sein, er muss auf einem Festival spielbar sein, es muss eine Eintrittskasse geben und so weiter. Das ist ja alles nicht gegeben \u2013 der Film ist ja absolut.<\/p>\n<p>Gawan Fagard: Er hat dann aber 1985 in Schweden <i>Das Opfer<\/i> gedreht.<\/p>\n<p>Alexander Kluge: Genau. Es w\u00e4re mein gro\u00dfer Wunsch gewesen, ihn noch ein ganz kleines bisschen f\u00fcr diese offene Form zu begeistern. Seine Krankheit h\u00e4tte an und f\u00fcr sich dem sogar zugearbeitet. Denn wenn man m\u00fcder wird, muss man Fragmente machen. Das kann sehr sch\u00f6ne, gro\u00dfe Kunstwerke hervorbringen. Die Fliege im Bernstein f\u00e4ngt dort an zu leben.<\/p>\n<p>[<i>Schweigen<\/i>]<\/p>\n<p>Ich vermisse ihn, das sage ich Ihnen ganz ehrlich. Wir haben nicht so ganz viele wie Tarkowski.<\/p>\n<p>Gawan Fagard: Wie \u00e4nderte sich dann nach Tarkowskis Tod das Nachleben seines Werkes?<\/p>\n<p>Alexander Kluge: Die ihn m\u00f6gen, kennen ihn. Mit Fassbinder hatte ich eine Verabredung getroffen, als er noch lebte, 1971. Wenn ich fr\u00fcher sterbe, macht er ein paar Filme \u2013 <i>Fakes<\/i> von mir. Und wenn er fr\u00fcher stirbt, mache ich dasselbe bei ihm. Und das mache ich auch. Das k\u00f6nnte ich bei Tarkowski nicht. Bei Tarkowski h\u00e4tte ich ja eine heilige Achtung vor dem was er tut. Insofern ist er sozusagen bis zum Bauch ein Filmemacher und dar\u00fcber hinaus ist er noch was anderes. Es gibt am Schwarzen Meer in Kolchis diese Verteidiger Medeas. Das sind gepanzerte Wesen, keine Menschen, die sind bis zum Bauch in der Erde und dar\u00fcber hinaus Verteidiger des Landes. So kommt mir Tarkowski vor. Er ist amphibisch.<\/p>\n<p>Gawan Fagard: Was w\u00e4re er gewesen, wenn es kein Kino gegeben h\u00e4tte?<\/p>\n<p>Alexander Kluge: Dann h\u00e4tte er Bilder gemalt. F\u00fcr Musik ist er zu ungeduldig.<\/p>\n<p>Gawan Fagard: Zwischen der Pers\u00f6nlichkeit Tarkowskis und dem Bild der Ruine gibt es eine Verbindung, die, wie Sie sagten, in einer pessimistischen oder melancholischen Sph\u00e4re gehalten wird. Tarkowski war sehr von den Ruinen fasziniert \u2013 das verdeutlichen nicht zuletzt die Polaroids. Im <i>Brunnen der G\u00f6tter <\/i>wird die Ruine auch als Sinnbild abgebildet.<\/p>\n<p>Alexander Kluge: Tarkowski hatte ja davon gesprochen, dass ihn das interessiert. Wenn man in Ruinen sucht und dort in einer sehr tiefen Schicht den Brunnen findet, dann kommt man dort in eine andere Welt.<\/p>\n<div id=\"attachment_1884\" style=\"width: 810px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/allover-magazin.com\/?attachment_id=1884\" rel=\"attachment wp-att-1884\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1884\" class=\"wp-image-1884 size-full\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abb.-8.-gilly-friedrich-tempel-der-einsamkeit.jpg\" alt=\"Friedrich Gilly, Tempel der Einsamkeit, 1799 \u2013 1800.\" width=\"800\" height=\"413\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abb.-8.-gilly-friedrich-tempel-der-einsamkeit.jpg 800w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abb.-8.-gilly-friedrich-tempel-der-einsamkeit-300x154.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1884\" class=\"wp-caption-text\">Friedrich Gilly, Tempel der Einsamkeit, 1799 \u2013 1800.<\/p><\/div>\n<p>Gawan Fagard: Die Ruine ist sozusagen der Weg.<\/p>\n<p>Alexander Kluge: Der Weg. Es ist also ein Zeitbild, das er da im Auge hat. Das hei\u00dft, Sie k\u00f6nnen nicht von einer Gegenwart direkt in eine andere Welt. Wir leben nicht Wand an Wand mit der Parallelwelt, sondern man muss Gl\u00fcck haben und gewisserma\u00dfen \u00fcber eine andere Zeit eindringen \u2013 und andere Zeit hei\u00dft Tiefe bei ihm.<\/p>\n<p>Gawan Fagard: Das Bild der Ruine erinnert an eine Zeit, die nicht zu behalten war, aber k\u00fcndigt auch eine neue Zeit an, die ein Gegenbild produziert.<\/p>\n<p>Alexander Kluge: Das ist das eine, andererseits gibt es alle Zeiten, auch in unserer Gegenwart. Die sehen wir blo\u00df nicht. Wir illusionieren, dass es den Moment gibt. Dieser besteht aber aus allen Elementen anderer Zeiten, \u00fcbrigens auch der Zukunft. Das hei\u00dft, das Bild von Benjamin ist nicht nur, dass aus der Vergangenheit ein Sturm weht, sondern auch aus der Zukunft weht dieser Sturm. Was immer dieser Sturm anrichtet, er ist ja kein Wetter. In der Generosit\u00e4t der Zeiten existiert etwas Vergangenes und Unerl\u00f6stes: Da liegen die Eing\u00e4nge. Es ist nicht gesagt, dass diese Eing\u00e4nge nicht auch in der Jetztzeit gefunden werden k\u00f6nnten; dass ich bei Neapel also, in den Brunnen hinabsteigend, einfach durch eine T\u00fcr gehe oder durch ein Glas gehe oder durch einen Spiegel gehe \u2013 und so in die Parallelwelt k\u00e4me.<\/p>\n<p>Gawan Fagard: Anl\u00e4sslich Ihres Gespr\u00e4chs mit Tarkowski hatten Sie Bilder der Kunstgeschichte gew\u00e4hlt, von Jean-Jacques Lequeu (einem ganz sonderbaren, klassischen Phantasie-Architekten) und dann von Friedrich Gilly, einem romantischen Vorg\u00e4nger Schinkels.<\/p>\n<div id=\"attachment_1885\" style=\"width: 184px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/allover-magazin.com\/?attachment_id=1885\" rel=\"attachment wp-att-1885\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1885\" class=\"size-medium wp-image-1885\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Abb.-9.-Lequeu_Leuchtturm-174x300.jpg\" alt=\"Jean-Jacques Lequeu, Le Phare, 1777 \u2013 1814.\" width=\"174\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Abb.-9.-Lequeu_Leuchtturm-174x300.jpg 174w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Abb.-9.-Lequeu_Leuchtturm.jpg 348w\" sizes=\"auto, (max-width: 174px) 100vw, 174px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1885\" class=\"wp-caption-text\">Jean-Jacques Lequeu, Le Phare, 1777 \u2013 1814.<\/p><\/div>\n<p>Alexander Kluge: Die habe ich gew\u00e4hlt, weil Lequeu zum Beispiel einen Leuchtturm entworfen hat, der den Wanderer in der W\u00fcste retten kann und als Leuchtfeuer dient. Stellen Sie sich ein Leuchtfeuer in der W\u00fcste vor. Das war in Paris produziert und sollte in der W\u00fcste aufgestellt werden. Ein hoffnungsloses Unternehmen, denn es gibt zu viel W\u00fcste und zu viel M\u00f6glichkeiten sich zu verirren, sodass die Chance, dass irgendeiner auf dieses Unikat da st\u00f6\u00dft, ganz gering ist. Trotzdem \u2013 die Idee hat mir so gefallen.<\/p>\n<p>Gawan Fagard: Das Potenzial der Architektur.<\/p>\n<p>Alexander Kluge: Das Potenzial des Rettens. Das Potenzial, dass man Orientierung selbst am unm\u00f6glichen Ort hat \u2013 in der Erwartung, dass vielleicht noch einer gerettet wird. Vielleicht ist es aber auch nur ein Denkmal.<\/p>\n<p>Gawan Fagard: Und in der Zeichnung gibt es eine T\u00fcr, ein Tor der Eremitage als Zugang zum Garten. Also eine \u00d6ffnung sozusagen in den geschlossenen Garten, den <i>hortus conclusus<\/i>, \u00fcber den wir zuvor sprachen.<\/p>\n<div id=\"attachment_1886\" style=\"width: 223px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/allover-magazin.com\/?attachment_id=1886\" rel=\"attachment wp-att-1886\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1886\" class=\"size-medium wp-image-1886\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Abb.-10.-Lequeu_Porte-de-leremitage-213x300.jpg\" alt=\"Jean-Jacques Lequeu, Porte de l\u2019eremitage, 1777 \u2013 1814.\" width=\"213\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Abb.-10.-Lequeu_Porte-de-leremitage-213x300.jpg 213w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Abb.-10.-Lequeu_Porte-de-leremitage.jpg 427w\" sizes=\"auto, (max-width: 213px) 100vw, 213px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1886\" class=\"wp-caption-text\">Jean-Jacques Lequeu, Porte de l\u2019eremitage, 1777 \u2013 1814.<\/p><\/div>\n<p>Alexander Kluge: Ja. Und jetzt kann ein Liebespaar im Bett liegen und die Laken sind richtig verschwitzt. Da kann die T\u00fcr auch verschwinden. Wie etwas aussieht, was zu einem Garten f\u00fchrt, das w\u00fcrde Tarkowski niemals vorschreiben.<\/p>\n<p>Gawan Fagard: Er h\u00e4tte aber Bilder gehabt, so wie das Einhorn oder die durch Lysimachus gepflanzten Baumalleen.<\/p>\n<p>Alexander Kluge: Diese Bilder w\u00e4ren nicht Gegenstand von Kompromissen geworden, sondern Tarkowski h\u00e4tte sie auf das Intensivste eingebracht. Und ich h\u00e4tte meine Bilder und auch meine Nicht-Bilder. Ich w\u00fcrde auf Bilder auch oft verzichten, also sie bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Gawan Fagard: Mit W\u00f6rtern?<\/p>\n<p>Alexander Kluge: Wie auch immer. Sie k\u00f6nnen mit Pausen k\u00e4mpfen, Sie k\u00f6nnen mit Musik ein Bild ersetzen und Sie k\u00f6nnen ein Bild durch ein Bild vernichten. Sie k\u00f6nnen also Ikonoklasmus betreiben. Und ich bin starker Ikonoklast vom Temperament her.<\/p>\n<p>Gawan Fagard: Das steht auch Tarkowski gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Alexander Kluge: Tarkowski ist ein Ikonodul. In Byzanz waren diese beiden Parteien t\u00e4tig. Ich bin nicht gegen B\u00fcrgerkriege, das hei\u00dft, ich bin daf\u00fcr, beide umso intensiver Bilder erzeugen zu lassen, weil sie letztlich doch nicht blo\u00df im Film stecken, sondern in den K\u00f6pfen der Menschen. Das hei\u00dft, wir sind beide Arch\u00e4ologen, die Bilder ausgraben \u2013 Bilder <i>und<\/i> Nicht-Bilder.<\/p>\n<p>Gawan Fagard: Sie w\u00fcrden sich eher f\u00fcr die Nicht-Bilder interessieren?<\/p>\n<p>Alexander Kluge: Das k\u00f6nnen Sie nicht so generell sagen, man kann die Nicht-Bilder nicht herstellen, ohne Bilder zu haben. Aber Bilder erlauben, dass man durch sie hindurchblickt: Epiphanie. Wenn wir \u00fcber das Licht nachdenken, dann k\u00f6nnen Sie nicht zweifelsfrei sagen, dass es sich um ein Bild handelt.<\/p>\n<p>Gawan Fagard: Genau. Das Licht w\u00e4re ein Ursprung des Bildes.<\/p>\n<p>Alexander Kluge: Der Ursprung des Bildes als Weg aller Bilder und gleichzeitig sieht es so aus wie durchsichtig, diaphan. Wenn Sie einen Sonnenstrahl sehen, dann ist er sehr hell, sehr klar und dem, was er abbildet, \u00fcberlegen. Das w\u00fcrde Tarkowski \u00fcbrigens keine Sekunde bezweifeln.<\/p>\n<p>Wir w\u00fcrden wie zwei Rabbis dasitzen. Voraussetzung ist, dass jeder sein Thema hat. Es hat keinen Sinn, Kompromisse zu machen. Wenn man ganze Sequenzen montiert ist es eine st\u00e4rkere Form als wenn man nur mit Einstellungen montiert. Das ist eigentlich die Art von Film, an die ich innerlich glaube. So wie <i>Deutschland im Herbst<\/i>: Dadurch, dass mehrere Regisseure an etwas arbeiten, wird der Film reicher als ein Film, der von einem Autor gemacht ist. Bei Tarkowski ging es allerdings nur mit zwei Regisseuren und das w\u00e4re eine sehr intime T\u00e4tigkeit mit ihm gewesen: Ich kann meine <i>Ich-Schranke<\/i> und er kann seine nur senken, wenn man alleine ist&#8230;<\/p>\n<p>Ich bin schon traurig, dass er tot ist.<\/p>\n<p>[Stille]<\/p>\n<p>Gawan Fagard: W\u00e4re f\u00fcr Sie zusammenfassend also die Gegen\u00fcberstellung des Ikonoklasten Kluge und des Ikonodulen Tarkowski der Kern des gemeinsamen Projekts gewesen?<\/p>\n<p>Alexander Kluge: Ja absolut, und wir h\u00e4tten beide Einstellungen nacheinander gemacht. Selbstverst\u00e4ndlich w\u00e4re das beides auf Zelluloid gebannt gewesen. Und es ist ja nicht so, dass ich Schwarzfilm sende. Sie k\u00f6nnen sogar behaupten, dass es f\u00fcr den Zuschauer sogar einen Genuss enth\u00e4lt, die Abwechslung zu sehen.<\/p>\n<p>So was kann sich \u00fcbrigens drehen. Tarkowski ist zwar sehr willensstark und idiosynkratisch, aber auch unglaublich neugierig und er ist auch ein Schauspieler seiner besten Ideen. Sie k\u00f6nnen ja <i>Solaris<\/i> nicht wirklich gleichsetzen mit den anderen Filmen. Das bewegt sich ganz eigen. Und warum sollte er sich nicht verf\u00fchren lassen?<\/p>\n<p>Umgekehrt ist es schwerer, weil ich eine bestimmte Kraft, die er hat, gar nicht aufbringen kann. Er ist Barbar, also im positiven Sinne.<\/p>\n<p>Gawan Fagard: Aber ein sehr kultivierter Barbar&#8230;<\/p>\n<p>Alexander Kluge: Ja. Er ist Thoras, und ich bin sozusagen der Bruder von Iphigenie.<\/p>\n<div style=\"font-size: 0.8em;\">\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<p><a id=\"endnote1\"><\/a> [1] Der erste Teil des vorliegenden Gespr\u00e4chs erschien in der Ausgabe Nummer 6 von all-over im Fr\u00fchjahr 2013, URL: http:\/\/allover-magazin.com\/?p=1704<\/p>\n<p><a id=\"endnote2\"><\/a> [2] Alexander Kluge verweist hier auf seine Gespr\u00e4che mit Heiner M\u00fcller, vgl. Alexander Kluge und Heiner M\u00fcller, <i>Ich bin ein Landvermesser. Gespr\u00e4che, neue Folge<\/i>. Hamburg 1996. Es ist wahrscheinlich, dass Heiner M\u00fcller sich seinerseits auf die Figur des Landvermessers in Kafkas <i>Das Schloss<\/i> bezieht.<\/p>\n<p><a id=\"endnote3\"><\/a> [3] Die Formulierung eines \u201einneren Atlantis\u201c bezieht sich auf einen Aufsatz des deutschen Autors und Filmemachers R\u00fcdiger S\u00fcnner, der auf sehr aufschlussreiche Weise das gemeinsame Interesse von Tarkowski und Kluge an Steiner gedeutet hat. Vgl. R\u00fcdiger S\u00fcnner, Das innere Atlantis. Zum Akasha-Projekt von Alexander Kluge und Andrej Tarkowski, in: <i>Info3, <\/i>Juli\/August 2008, S. 45 \u2013 49.<\/p>\n<p><a id=\"endnote4\"><\/a> [4] Vgl. \u201eDer Berg als solcher bedeutet immer, wenn es sich um eine okkulte Sache handelt, dass diejenigen, die den Berg hinaufgef\u00fchrt werden, zu gewissen Geheimnissen des Daseins hingef\u00fchrt werden.\u201d Rudolf Steiner, Das Markus-Evangelium, GA 139, 4. Aufl. 2010, 8. Vortrag, Basel, 22. September 1912, S. 149.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Teil II[1] Gawan Fagard: Man sp\u00fcrt auch in Ihrem Text Der Brunnen der G\u00f6tter, dass ein gewisses Missverst\u00e4ndnis zwischen Ihnen und Tarkowski im Spiel war. Alexander Kluge: Aber das h\u00e4tten wir versucht zu verfilmen. 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