{"id":1692,"date":"2014-03-03T14:30:39","date_gmt":"2014-03-03T12:30:39","guid":{"rendered":"http:\/\/allover-magazin.com\/?p=1692"},"modified":"2015-11-11T10:43:45","modified_gmt":"2015-11-11T08:43:45","slug":"schwarmdynamik-und-soziales-miteinander","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/allover-magazin.com\/?p=1692","title":{"rendered":"Schwarmdynamik und soziales Miteinander"},"content":{"rendered":"<p>Der Schweizer Choreograph Thomas Hauert und seine 1998 gegr\u00fcndete und in Br\u00fcssel angesiedelte Kompanie ZOO nutzen Tanzimprovisation als choreographische Arbeitspraxis. Improvisation dient ihnen als Mittel zur Bewegungsfindung sowie analytischen Erforschung und Erweiterung von Bewegungsmaterial w\u00e4hrend des Probenprozesses, fungiert aber auch als formales Kompositionsmittel in den Live-Auff\u00fchrungen; so auch in der hier besprochenen Produktion <i>You\u2019ve Changed<\/i> von 2010. Die Tanzenden improvisieren hier miteinander, finden sich oftmals zu kn\u00e4uelartigen Gebilden zusammen, orientieren sich dabei aneinander, \u00fcbernehmen Bewegungen voneinander und agieren vergleichbar einem Vogel- oder Fischschwarm. Mittels der Denkfigur des Schwarms m\u00f6chte ich diese visuell wahrnehmbaren schw\u00e4rmenden Konstellationen beschreiben und analysieren. Mit dieser epistemologischen Figur lassen sich auch die kin\u00e4sthetischen \u00dcbertragungsprozesse erl\u00e4utern, die sich in dieser Live-Improvisation zwischen den Tanzenden ereignen. Mittels \u00dcberlegungen, die der franz\u00f6sische Philosoph Jean-Luc Nancy in seiner Schrift <i>singul\u00e4r plural sein<\/i> entwickelt hat, wird anschlie\u00dfend die Konzeption von Gemeinschaft \u2013 oder gem\u00e4\u00df Nancy das \u201aMit-Sein<i>\u2019<\/i>, das sich in <i>You\u2019ve Changed<\/i> zeigt, diskutiert.<a href=\"#edn1\" name=\"sdendnote1anc\">[1]<\/a> Es wird nicht darum gehen, die Theorie Nancys f\u00fcr meine Anschauungen einfach kommensurabel zu machen und dem Gegenstand \u00fcberzust\u00fclpen. Vielmehr soll danach gefragt werden, wie sich Nancys Philosophie f\u00fcr eine tanzwissenschaftliche Anschauung fruchtbar machen l\u00e4sst. Nancys Denken bietet sich f\u00fcr meine \u00dcberlegungen an, da sich der Autor in seinen Schriften immer wieder mit dem K\u00f6rper und dem Tanz besch\u00e4ftigt hat. In <i>Ausdehnung der Seele<\/i> beispielsweise dient ihm der Tanz als Denkfigur, um in Auseinandersetzung mit Descartes \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von K\u00f6rper und Geist nachzudenken. Auch scheint Nancys Gemeinschaftsbegriff f\u00fcr ein Nachdenken \u00fcber die Entstehung eines Mit-einanders in einer Tanzimprovisation geradezu pr\u00e4destiniert, da darin bereits eine Art rhythmisches Verhalten der K\u00f6rper zu- und miteinander angelegt ist. Gem\u00e4\u00df Nancy vermag der Tanz alles um sich herum in Schwingung zu versetzen und dementsprechend Teilhabe zu stiften.<a href=\"#edn2\" name=\"sdendnote2anc\">[2]<\/a><\/p>\n<p><b>Zur \u201aimprovisierten Choreographie\u2019 <i>You\u2019ve Changed<\/i><\/b><\/p>\n<p>Die Produktion entstand sukzessive in einer Art Kettenreaktion. Geprobt wurde im Studio, die dort improvisierten Bewegungen dienten als Basis f\u00fcr eine drei\u00dfigmin\u00fctige Videoversion. Auf dieses in der Probe gefilmte Bewegungsmaterial folgte die Musikkomposition, entworfen von Dick van der Harst. Anschlie\u00dfend entstanden neue improvisierte Bewegungen als Antwort auf diese anspruchsvolle und oft a-rhythmische musikalische Komposition. In der fertigen B\u00fchnenproduktion sind schlie\u00dflich acht Tanzende zu sehen, f\u00fcnf M\u00e4nner und drei Frauen. Diese tragen unterschiedlich farbige Ganzk\u00f6rperanz\u00fcge und tanzen auf einer leeren B\u00fchne verschiedene Konstellationen: Soli, Duette, Trios oder in der Gruppe. Die Videoaufnahme wird in gewissen Passagen der Live-Auff\u00fchrung auf einen transparenten Gazevorhang projiziert, der als vierte Wand fungiert, oder aber auf zwei Gazevorh\u00e4nge \u2013 von denen sich einer am B\u00fchnenvordergrund, einer am B\u00fchnenhintergrund befindet \u2013, die das B\u00fchnengeschehen konkret r\u00e4umlich und medial-virtuell rahmen. Die Tanzenden imitieren nun \u2013 immer mit einer minimalen Versp\u00e4tung \u2013 die projizierten Bewegungen. Sie \u00fcbernehmen Bewegungen von ihrem virtuellen Gegen\u00fcber, so als w\u00fcrden sie sich gegenseitig anschauen oder spiegeln. Reale und projizierte K\u00f6rper \u00fcberlagern sich, interagieren, kommunizieren. Meistens ist dieser Gazevorhang jedoch hochgezogen und die Tanzenden orientieren sich nicht an ihrem virtuellen, sondern an ihren realen Gegen\u00fcbern, wobei oftmals \u201aschw\u00e4rmende Konstellationen\u2019 entstehen.<\/p>\n<p>Es gibt Passagen ohne und solche mit Musik. Die Musik gliedert das St\u00fcck dabei in einzelne Sequenzen, in denen jeweils die Anzahl Tanzender und die Auf- und Abtritte festgelegt sind, und organisiert so das B\u00fchnengeschehen. DieImprovisierenden nehmen grundlegende strukturelle Eigenschaften der musikalischen Kompositionen auf, sie reagieren auf Impulse der Musik und \u00fcberf\u00fchren diese in Bewegung. Dabei treffen die Tanzenden selbst\u00e4ndige Entscheidungen, <i>wie<\/i> sie ihre Bewegungen ausf\u00fchren, wodurch ein Prozess entsteht, in dem sie das erprobte Bewegungsmaterial in einem live generierten Entstehungsvorgang selbst\u00e4ndig und kreativ bearbeiten und formen. Bei der hier stattfindenden Improvisation handelt es sich dennoch nicht um eine freie Improvisation, sondern um eine strukturierte und erlernte. Erlernt, weil die Tanzenden in einem vorhergehenden Prozess gelernt haben gemeinsam zu improvisieren. Strukturiert, weil einige Vorgaben als choreographischer Score gesetzt sind und erst in der Auff\u00fchrung mittels improvisierter Bewegungen aktualisiert werden. Diese Art der geplanten Improvisation begreife und bezeichne ich als \u201aimprovisierte Choreographie\u2018 \u2013 ein Terminus, der von der Tanzwissenschaftlerin Susan Foster gepr\u00e4gt wurde.[<a href=\"#edn3\" name=\"sdendnote3anc\">[3]<\/a><\/p>\n<p><b>Der Schwarm als konkrete Raum- und als epistemologische Denkfigur <\/b><\/p>\n<div id=\"attachment_1710\" style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/allover-magazin.com\/?attachment_id=1710\" rel=\"attachment wp-att-1710\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1710\" class=\"size-medium wp-image-1710\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Abb-1-200x300.jpg\" alt=\"\u00a9 ZOO \/ Photo Filip Vanzieleghem\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Abb-1-200x300.jpg 200w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Abb-1-682x1024.jpg 682w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Abb-1.jpg 1969w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1710\" class=\"wp-caption-text\">ZOO\/Thomas Hauert, You&#8217;ve Changed, 2010 \u00a9 ZOO \/ Photo: Filip Vanzieleghem.<\/p><\/div>\n<p>Bei <i>You\u2019ve Changed<\/i> handelt es sich um ein abstraktes St\u00fcck ohne narrative Strukturen. Vorgef\u00fchrt wird uns ein Generieren von Bewegung, das im Moment entsteht. In diesem Sinne handelt es sich nicht nur um eine auf- beziehungsweise ausgef\u00fchrte Tanzimprovisation, vielmehr erweist sich die Produktion gleichzeitig als eine Reflexion \u00fcber die t\u00e4nzerische Improvisationspraxis. Der sprechenden Titel impliziert die verhandelte Bewegungsthematik: Der \u201eChange\u201c, die Transformation von Bewegungsmaterial und die Ver\u00e4nderung der Tanzenden im und durch den improvisatorischen Prozess, werden uns vorgef\u00fchrt. Der Titel <i>You\u2019ve Changed<\/i> verweist aber auch auf das Gestaltungspotenzial aller am Prozess Beteiligten und betont den Aspekt, dass der jeweils andere den Bewegungsmodus ver\u00e4ndern kann. Diese formale Gestaltung darf nicht \u00fcber die zentrale Thematik hinwegt\u00e4uschen, die vom St\u00fcck verhandelt wird: Es geht prim\u00e4r um das Miteinander, um soziales Verhalten und um die Funktionsweise einer nicht-hierarchischen Gruppe. Die Improvisation manifestiert sich in diesem Sinn als eine soziale Praxis, die \u00fcber Bewegungsinteraktionen ein Miteinander generiert, das ich nun mittels der Denkfigur des Schwarms n\u00e4her bestimmen m\u00f6chte. Der Ansatz, Bewegungsph\u00e4nomene mit Thesen und Begriffen aus der Schwarmforschung zu untersuchen, ist nicht neu. Seit den 1990er-Jahren gibt es verst\u00e4rkt Bestrebungen, den Schwarm als Paradigma in sozial- und kulturwissenschaftlichen Analysen zu etablieren. Innerhalb der deutschsprachigen Tanzwissenschaft wurde dieser Ansatz insbesondere von Kai van Eikels und Gabriele Brandstetter gepr\u00e4gt.<a href=\"#edn4\" name=\"sdendnote4anc\">[4]<\/a>Diese Denkfigurbietet sich f\u00fcr meine Untersuchungen dezidiert an, denn beide Ph\u00e4nomene \u2013 der Schwarm und die Tanzimprovisation gleicherma\u00dfen \u2013 werden charakterisiert durch Emergenz, Transitorik und Performativit\u00e4t.<\/p>\n<p>Wie aber l\u00e4sst sich das Schwarmverhalten in <i>You\u2019ve Changed <\/i>genau beschreiben? Offensichtlich finden sich die Tanzenden immer wieder zu einer schwarmartigen Gruppe zusammen. Dabei findet eine st\u00e4ndige Ausrichtung und Anpassung zwischen den Tanzenden statt. Oftmals initiiert einer aus der Gruppe eine Bewegung und die anderen \u00fcbernehmen diese, wodurch auf der B\u00fchne ein dicht verwebtes Bewegungsnetz aus Aktion und Reaktion entsteht, ein singul\u00e4res Ereignis bewirkt stets eine Fluktuation im gesamten System. Wir sehen einen gemeinsam erzeugten Verflechtungszusammenhang, der von keinem einzelnen Akteur vollst\u00e4ndig beherrscht ist und sich stattdessen als gemeinschaftliches Agieren manifestiert, wobei die Musik die Tanzenden rhythmisch und dynamisch miteinander verbindet und sie als Gruppe koordiniert. Tempo, Konstellationen, Dynamik, Richtungs\u00e4nderungen und die Abst\u00e4nde zwischen den einzelnen Mitgliedern sowie ihre Organisation im B\u00fchnenraum ver\u00e4ndern sich dabei fortlaufend. Einmal erscheint der Schwarm als enges Kn\u00e4uel, einmal als weitl\u00e4ufige Raumfigur. Die Bewegungsorganisation kommt ohne zentrale Bewegungs- beziehungsweise F\u00fchrungsinstanz aus. Wir sehen ein dezentrales, nicht-hierarchisches, locker verbundenes Kollektiv. Jeder ist gleicherma\u00dfen bef\u00e4higt, Impulse zu senden und die Gruppe einen Moment lang zu koordinieren, Bewegungsabl\u00e4ufe und die Raumrichtung zu \u00e4ndern und das Gesamtgeschehen zu beeinflussen und zu formen. Befinden sich die Tanzenden in einer Gruppenkonstellation, initiiert derjenige, der zuvorderst und f\u00fcr alle anderen sichtbar ist, die Bewegungen, die dann vom Rest der Gruppe \u00fcbernommen werden. Diese exponierte Position ergibt sich zuf\u00e4llig und ist tempor\u00e4r begrenzt.<\/p>\n<p>Innerhalb dieser schwarmartigen Gebilde ereignen sich kin\u00e4sthetische \u00dcbertragungsprozesse zwischen den Tanzenden. Diese \u00dcbertragungen entstehen durch die Koppelung von Wahrnehmen und Bewegen \u2013 wobei sich das Wahrnehmen sowohl auf die eigenen Bewegungen als auch auf diejenigen der Anderen bezieht. Es handelt sich dabei nicht nur um ein visuelles, sondern vielmehr um ein k\u00f6rperlich-sinnliches Wahrnehmen, um eine k\u00f6rperliche Aufmerksamkeit und Achtsamkeit gegen\u00fcber den anderen Tanzenden und gegen\u00fcber dem umgebenden Raum. Die Tanzenden k\u00f6nnen die beobachteten motorischen Ereignisse entschl\u00fcsseln, sie als Handlungen verstehen, wobei dieses Verstehen keiner Vermittlung durch Denken, Begriffe oder Sprache bedarf, sondern auf K\u00f6rper- und Bewegungswissen beruht.Bei diesem Bewegungswissen handelt es sich um \u201eein anderes Wissen als jenes, das wir \u00fcblicherweise als rationales, technisches oder diskursives Wissen akzeptieren.\u201c<a href=\"#edn5\" name=\"sdendnote5anc\">[5]<\/a> Dieses sinnliche und implizite Wissen befindet sich im K\u00f6rper selbst. Es artikuliert sich w\u00e4hrend des Improvisierens im nicht-sprachlichen Bereich, kinetisch und kin\u00e4sthetisch. Thomas Hauert betont in diesem Zusammenhang, dass sich Bewegungen <i>zwischen<\/i> den Tanzenden als kollektiv k\u00f6rperliche Entscheidungsprozesse ereignen und nicht auf vorgefertigten Entscheidungen eines Individuums beruhen. Bewegen und Denken bilden w\u00e4hrend des Improvisierens keinen dualistischen Gegensatz. Vielmehr sehen wir in der Improvisationsarbeit von ZOO sich-bewegende und \u201adenkende K\u00f6rper\u2019. Dem K\u00f6rper wird dabei eine eigene Intelligenz, ein K\u00f6rper- und Bewegungswissen zugestanden. Dieses K\u00f6rperwissen, das dem kognitiven Wissen nicht untergeordnet ist, erfordert einen erweiterten Begriff des Denkens, wie dies auch bei Nancy angelegt ist. Das Denken wird bei Nancy nicht als ein vom K\u00f6rper getrennter geistiger Bereich angesehen, sondern ganz explizit im K\u00f6rper selber angesiedelt. Dementsprechend versteht Nancy den Tanz als ein Denken, das <i>im<\/i> K\u00f6rper stattfindet. An einem solchen Bewegungsdenken lassen uns Hauert und ZOO mit ihren Produktionen teilnehmen, denn in den Improvisationen von ZOO sehen wir geschmeidige und im Sinne der Bewegungsartikulation \u201aeloquente\u2019 und intelligente K\u00f6rper.<\/p>\n<p><b>Raum-zeitliche Simultanit\u00e4t und kontingentes Mit-einander<\/b><\/p>\n<div id=\"attachment_1711\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/allover-magazin.com\/?attachment_id=1711\" rel=\"attachment wp-att-1711\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1711\" class=\"size-large wp-image-1711\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Abb-3-1024x681.jpg\" alt=\"\u00a9 ZOO \/ Photo Luc Vleminckx\" width=\"640\" height=\"425\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Abb-3-1024x681.jpg 1024w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Abb-3-300x199.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1711\" class=\"wp-caption-text\">ZOO\/Thomas Hauert, You&#8217;ve Changed, 2010 \u00a9 ZOO \/ Photo: Luc Vleminckx.<\/p><\/div>\n<p>In seiner Schrift <i>singul\u00e4r plural sein<\/i> entwirft Nancy eine Ethik des Seins und versucht der Ontologie neue Impulse zu verleihen, indem er in Anlehnung an Martin Heidegger verdeutlicht, dass nicht das Sein, sondern das <i>Mit-Sein<\/i> die grundlegende ontologische Struktur sei. Er schreibt: \u201eDas Zu-mehreren-zusammen-Sein ist die urspr\u00fcngliche Situation.\u201c<a href=\"#edn6\" name=\"sdendnote6anc\">[6]<\/a> Entworfen wird eine Sozialphilosophie des Da-Zwischen, wobei der Blick auf das Intermedi\u00e4re gelegt wird, das sich <i>zwischen<\/i> uns abspielt. Nancys Grundfrage lautet so auch: Was geschieht zwischen uns? Er stellt sich die Frage, wie wir ein \u201aWir\u2019 denken k\u00f6nnen, ohne dieses \u201aWir\u2019 einer substanziellen oder in- und exklusiven Identit\u00e4t zu unterwerfen. Dabei ersetzt er den historisch aufgeladenen Begriff \u201aGemeinschaft\u2019 durch Ausdr\u00fccke wie <i>Zusammen-Sein, Mit-Sein<\/i> und <i>Gemeinsam-Sein <\/i>undbefreit ihn so von ideologischen und religi\u00f6sen Aufladungen.Nancy r\u00fcckt den Aspekt der Komparenz und der Mit-Teilung ins Zentrum: Wir erscheinen zusammen und teilen uns mit. Das <i>Mit<\/i> bringt dabei Kontakt zum Ausdruck, der durch die gegenseitige Ann\u00e4herung und Abstandnahme konfiguriert wird<i>.<\/i> Es handelt sich beim <i>Mit-Sein<\/i> gem\u00e4\u00df Nancy um ein Sein, das zwischen uns geteilt wird, um ein soziales Band, das verbindend, aber auch trennend ist und somit um eine gemeinschaftliche Form, die sich durch die Pluralit\u00e4t im <i>Zusammen-Sein <\/i>auszeichnet und nicht durch homogene Gleichschaltung, nicht durch das Teilen eines Grundsatzes oder einer Ideologie \u2013 eine identit\u00e4re Schlie\u00dfung der Gruppe wird abgelehnt.<\/p>\n<p>Wie und mit welchem Erkenntnisgewinn l\u00e4sst sich mit Nancys Gedanken die Gemeinschaft oder das Gemeinsam-Sein in der Auff\u00fchrung <i>You\u2019ve Changed <\/i>betrachten? Hier entsteht ein Mit-einander, das nicht auf Homogenisierung zielt. Das Singul\u00e4re zeigt sich in der Unvergleichlichkeit, jedoch nicht, indem sich die Tanzenden bewegungs\u00e4sthetisch eminent voneinander unterscheiden, vielmehr meint das Singul\u00e4re die Unm\u00f6glichkeit der pr\u00e4zisen Gleichschaltung der einzelnen Tanzk\u00f6rper. Es entstehen zwar immer wieder schwarmartige Gebilde, Momente, in denen sich die Tanzenden aneinander orientieren und Bewegungen voneinander \u00fcbernehmen, da die Bewegungsabl\u00e4ufe in dieser \u201aimprovisierten Choreographie\u2019 jedoch nicht wie in einer fixierten und memorierten Choreographie festgelegt sind, kommt es hier nie zu einer g\u00e4nzlichen Gleichschaltung der Bewegungen und der einzelnen K\u00f6rper. Die Bewegungsmuster k\u00f6nnen nie eins zu eins voneinander \u00fcbernommen werden, sondern erscheinen stets leicht verz\u00f6gert und immer auch leicht different. Es ergeben sich best\u00e4ndig Verschiebungen und Variationen bei Bewegungs\u00fcbernahmen, wobei ein Mit-einander entsteht, das nicht auf synchrone Gleichschaltung zielt. Die Improvisation zeigt sich in dieser Inszenierung zudem als eine Praxis der Bewegungserneuerung. Sie beruht nicht auf einer restlos vorgefertigten und einverleibten K\u00f6rper- oder Tanztechnik. Die Tanzenden der Kompanie ZOO orientieren sich nicht an einem starren \u00fcbergeordneten Bewegungskonzept oder einem fixen Bewegungsvokabular mit vorgegebenen und codierten Schritten, Figuren und Posen, mit denen gleichsam ideologische Ma\u00dfst\u00e4be gesetzt werden, nach denen sich die einzelnen Tanzk\u00f6rper richten. W\u00e4hrend viele Tanztechniken darauf zielen die einzelnen K\u00f6rper gleichzuschalten, zu disziplinieren und zu perfektionieren, geht es in der k\u00fcnstlerischen Arbeit von ZOO vielmehr um die Suche nach neuartiger, tanztechnisch nicht durchformter Bewegung mittels Improvisation. Die Improvisation markiert stets Inkommensurabilit\u00e4t gegen\u00fcber normierter Tanztechnik aber auch eine Inkommensurabilit\u00e4t der einzelnen K\u00f6rpern miteinander und erzeugt so ein singul\u00e4r plurales Mit-einander auf der B\u00fchne.<\/p>\n<div id=\"attachment_1712\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/allover-magazin.com\/?attachment_id=1712\" rel=\"attachment wp-att-1712\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1712\" class=\"size-medium wp-image-1712 \" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Abb-4-300x199.jpg\" alt=\"\u00a9 ZOO \/ Photo Luc Vleminckx\" width=\"300\" height=\"199\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Abb-4-300x199.jpg 300w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Abb-4-1024x681.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1712\" class=\"wp-caption-text\">ZOO\/Thomas Hauert, You&#8217;ve Changed, 2010 \u00a9 ZOO \/ Photo: Luc Vleminckx.<\/p><\/div>\n<p>Laut Nancy ereignet sich das Gemeinsame zwischen uns, in der <i>Mit-Teilung<\/i>, in der Teilung des Seins, durch Verr\u00e4umlichung und Zirkulation von Pr\u00e4senz, wobei Pr\u00e4senz immer schon Ko-Pr\u00e4senz ist: \u201eDas Sein kann nur als <i>Mit-einander-seiend<\/i> sein, wobei es im <i>Mit <\/i>und als das <i>Mit <\/i>dieser singul\u00e4r-pluralen Ko-Existenz zirkuliert.\u201c<a href=\"#edn7\" name=\"sdendnote7anc\">[7]<\/a> In Nancys Denken findet eine st\u00e4rkere Betonung der leiblichen Komponente statt. So formuliert er: \u201eDas Sein selbst ist uns gegeben als der Sinn.\u201c Er spielt dabei mit der Polyvalenz des franz\u00f6sischen Terminus <em>sens<\/em>, anspielend auf den intelligiblen Sinn, die Sinnlichkeit aber auch eine Raum-Richtung<b>. <\/b>Darin liegt die Idee des Seins als ein k\u00f6rperliches, sinnliches und r\u00e4umliches. Jedes Sein macht gem\u00e4\u00df Nancy nur dann Sinn, wenn es geteilt wird, mitgeteilt, sich zwischen uns abspielt, zwischen uns zirkuliert. Das <i>Mit-Sein<\/i> ereignet sich als raum-zeitliche Simultanit\u00e4t der K\u00f6rper. Wie lassen sich diese Gedanken f\u00fcr die Betrachtung des <i>Mit-einanders<\/i> in <i>You\u2019ve Changed<\/i> fruchtbar machen? Das <i>Mit <\/i>als das sinnliche <i>Sein<\/i> findet hier in der Exposition der K\u00f6rper statt, indem sich die Tanzenden exponieren und ihren K\u00f6rper im Raum mit den anderen Tanzk\u00f6rpern in Beziehung setzen. Die Improvisation ereignet sich als eine sinnlich-k\u00f6rperliche und r\u00e4umliche Praxis<i> zwischen<\/i> den PerformerInnen. Sie manifestiert sich als Mit-Teilung und stellt Relationen zwischen den Tanzenden her. Das Mit-Sein \u00e4u\u00dfert sich im Teilen einer B\u00fchnensituation, wobei jeder einzelne Tanzende ma\u00dfgeblich an der Entstehung des Mit-einanders und am Funktionieren der Gruppe beteiligt ist. Die Improvisation l\u00e4sst eine soziale Praxis erkennen, die stets nach einem Respons fragt, nach R\u00fcckmeldung, Antwort, Reaktion, Resonanz. Das <i>Mit-Sein<\/i> entspringt nach Nancy in lokal-augenblicklicher Wendung immer neu, indem sich unterschiedliche Urspr\u00fcnge von Sein verweben, durchkreuzen. Das <i>Mit-Sein<\/i> gr\u00fcndet gem\u00e4\u00df Nancys postfundamentalistischem Denken nicht auf einem Fundament, sondern stellt sich durch raum-zeitliche Simultanit\u00e4t immer wieder neu her \u2013 kontingent und performativ. In <i>You\u2019ve Changed<\/i> \u00e4u\u00dfert sich dies in Form der vielf\u00e4ltigen Urspr\u00fcnge von Bewegungsimpulsen. Bewegungen k\u00f6nnen von allen gleicherma\u00dfen ausgehen, es gibt keine zentrale oder \u00fcbergreifende Bewegungs- oder F\u00fchrungsinstanz, der sich die anderen unterordnen. Vielmehr ist jede und jeder Tanzende als SenderIn von singul\u00e4ren Bewegungsimpulsen ma\u00dfgeblich an der Entstehung des <i>Mit-einander<\/i> beteiligt. Die einzelnen Bewegungsimpulse werden mit-geteilt, von den anderen aufgegriffen, weitergef\u00fchrt, modifiziert. Dadurch entstehen Interaktionen, Relationen und Verbindungen zwischen den Tanzenden. Durch performative, t\u00e4nzerische Handlungen entsteht ein kontingentes Mit-einander, ein Wir. Dieses \u201aWir\u2019 bezeichnet gem\u00e4\u00df Nancy weder eine akkumulative Ansammlung von Individuen, noch eine identit\u00e4r geschlossene Gruppe. Vielmehr l\u00e4sst sich dieses \u201aWir\u2019 als eine Verbindung zwischen den einzelnen tanzenden K\u00f6rpern denken. So \u00e4u\u00dfert sich das, was ich auf physiologischer Ebene als kin\u00e4sthetische \u00dcbertragungsprozesse zwischen den Tanzenden beschrieben habe, in <i>You\u2019ve Changed<\/i> als konstitutiver und dabei ontologischer Prozess f\u00fcr eine heterogene und zugleich integrierte Gemeinschaft.<\/p>\n<div style=\"font-size: 0.8em;\">\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<p><a id=\"edn1\"><\/a>[1] Vgl. Jean-Luc Nancy, singul\u00e4r plural sein, Z\u00fcrich\/Berlin 2004.<br \/>\n<a id=\"edn2\"><\/a>[2] Vgl. Gespr\u00e4ch mit Jean-Luc Nancy, in: Jean-Luc Nancy u.a., Allesdurchdringung. Texte, Essays, Gespr\u00e4che \u00fcber den Tanz, Berlin 2008, S. 60 \u2013 89.<br \/>\n<a id=\"edn3\"><\/a>[3] Vgl. Susan Foster, Dances that describes themselves. The Improvised Choreography of Richard Bull, Middletown, CT 2002.<br \/>\n<a id=\"edn4\"><\/a>[4] Vgl. Gabriele Brandstetter\/Kai van Eikels (Hg.), Schwarm(E)Motion. Bewegung zwischen Affekt und Masse, Freiburg im Breisgau 2007.<br \/>\n<a id=\"edn5\"><\/a>[5] Gabriele Brandstetter, Tanz als Wissenskultur. K\u00f6rperged\u00e4chtnis und wissenstheoretische Herausforderung, in: Sabine Gehm (Hg.), Wissen in Bewegung. Perspektiven der k\u00fcnstlerischen und wissenschaftlichen Forschung im Tanz, Bielefeld 2009, S. 40.<br \/>\n<a id=\"edn6\"><\/a>[6] Nancy 2004, S. 34.<br \/>\n<a id=\"edn7\"><\/a>[7] Nancy 2004, S. 21.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Schweizer Choreograph Thomas Hauert und seine 1998 gegr\u00fcndete und in Br\u00fcssel angesiedelte Kompanie ZOO nutzen Tanzimprovisation als choreographische Arbeitspraxis. Improvisation dient ihnen als Mittel zur Bewegungsfindung sowie analytischen Erforschung und Erweiterung von Bewegungsmaterial w\u00e4hrend des Probenprozesses, fungiert aber auch &hellip; <a href=\"https:\/\/allover-magazin.com\/?p=1692\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":32,"featured_media":1742,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"footnotes":""},"categories":[76,14],"tags":[81,78,80,77,79],"class_list":["post-1692","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ausgabe-6","category-essays","tag-gemeinschaft","tag-jean-luc-nancy","tag-schwarm","tag-tanz","tag-thomas-heuert"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1692","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/32"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1692"}],"version-history":[{"count":16,"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1692\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2292,"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1692\/revisions\/2292"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1692"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1692"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/allover-magazin.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1692"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}