{"id":1550,"date":"2013-10-06T23:07:11","date_gmt":"2013-10-06T21:07:11","guid":{"rendered":"http:\/\/allover-magazin.com\/?p=1550"},"modified":"2013-10-20T19:03:38","modified_gmt":"2013-10-20T17:03:38","slug":"hocus-pocus-in-your-eyes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/allover-magazin.com\/?p=1550","title":{"rendered":"\u201eHocus-pocus in your Eyes\u201d"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_1661\" style=\"width: 190px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/allover-magazin.com\/?attachment_id=1661\" rel=\"attachment wp-att-1661\"><img decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1661\" class=\" wp-image-1661  \" alt=\"Mathias Poledna, Imitation of Life, 2013\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/abb-1-3-132x300.jpg\" width=\"180\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/abb-1-3-132x300.jpg 132w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/abb-1-3-452x1024.jpg 452w\" sizes=\"(max-width: 132px) 100vw, 132px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1661\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 1-3.<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a name=\"_GoBack\"><\/a>\u201eHello, how did you get here?\u201d, zwitschert das V\u00f6gelchen im blauwei\u00dfen Federkleid dem schlafenden Esel ins Ohr, seinerseits Held oder Antiheld des dreimin\u00fctigen, handgefertigten Animationsfilms <i>Imitation of Life<\/i> des \u00f6sterreichischen K\u00fcnstlers Mathias Poledna. Der Esel, im wei\u00dfen Matrosenanzug mit den blauen Streifen und dem roten Halstuch im Fahrwasser einer m\u00e4rchenhaften Waldkulisse treibend, schl\u00e4gt langsam die gro\u00dfen, erstaunten Eselsaugen auf, zuerst das rechte, dann das linke, zwinkert einmal, zweimal, wendet das traums\u00e4umige Eselshaupt nach links, nach rechts, l\u00e4sst den Blick \u00fcber das Blau des Sees, das Wei\u00df der Wellen am Uferrand, \u00fcber die m\u00e4chtigen, braunen Baumst\u00e4mme mit den gr\u00fcnen Bl\u00e4ttern in die horizontlose Ferne schweifen, w\u00e4hrend der Ast unter ihm in Bewegung ger\u00e4t. \u201eI\u2019ve got a feeling you\u2019re fooling\u2026\u201c, tr\u00e4llert der Esel im Gleichklang mit dem orchestrierten Song, streckt die wei\u00df behandschuhten Eselsh\u00e4nde nach einem Ast der wei\u00dfbl\u00fchenden Bl\u00fcten am gr\u00fcnbraunen Uferrand aus, \u201eI&#8217;ve got a notion it\u2019s make believe\u2026\u201c, flattert das V\u00f6gelchen, verwandelt sich das Blumenbouquet in einen Schmetterlingsschwarm, das Eselsspiegelbild in einen kugelrunden Fisch mit gro\u00dfen, schwarzen Glupschaugen, der kugelrunde Fisch in eine Luftblase, zerplatzt das Luftblasenspiegelbild: \u201eHocus-pocus in your Eyes\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dutzende H\u00e4nde und ein komplettes Filmorchester haben dem \u00e4u\u00dferst zeit- und kostenintensiven, analog gearbeiteten Animationsfilm Mathias Polednas ihre visuelle und akustische Signatur aufgepr\u00e4gt. \u00dcber f\u00fcnftausend Zeichnungen, Skizzen und Aquarelle, die im Zuge der Arbeit an <i>Imitation of Life<\/i> entstanden sind, hat der in Los Angeles lebende \u00f6sterreichische K\u00fcnstler, frame by frame, zu einem Wetterleuchten der Animationskunst verdichtet, das den \u00f6sterreichischen Pavillon auf der 55. Biennale in Venedig im Endlosloop durchzuckt und seine BesucherInnen auf eine Zeitreise in die goldene \u00c4ra Hollywoods schickt \u2013 mitten in die von Adorno und Horkheimer ebenso fr\u00fchzeitig wie einflussreich kritisierte Kulturindustrie.<a href=\"#sdfootnote1sym\" name=\"sdfootnote1anc\">1<\/a> Ein halbes Jahrhundert nach Adornos und Horkheimers finsterer Diagnose ist das Klagelied von der Grenzenlosigkeit der dem \u00c4quivalenzgesetz des Kapitals unterstellten Kulturindustrie sowohl in die Headlines der Feuilletons als auch in die K\u00f6pfe aller derer durchgedrungen, die heute Kunst machen, ausstellen, ansehen und kaufen. Also unternimmt der diesj\u00e4hrige Kurator Massimiliano Gioni unter dem Motto des <i>Enzyklop\u00e4dischen Palastes <\/i>den verzweifelten Versuch, das in der \u00f6konomischen Kampfzone gestrandete Schlachtschiff der zeitgen\u00f6ssischen Kunst mit den Waffen des Randst\u00e4ndigen aufzur\u00fcsten. Also l\u00e4sst Jeremy Deller im britischen Pavillon den l\u00e4ngst verstorbenen, viktorianischen Designer und Sozialisten William Morris auferstehen und jene Yachten versenken, die an den Anlegestegen Venedigs nichtsdestotrotz und v\u00f6llig unbeeindruckt vor Anker gehen. Also l\u00e4sst Alfredo Jaar im chilenischen Pavillon nicht nur die Yachten vor den Giardini, sondern die Giardini selbst untergehen. Auff\u00e4llig unaufgeregt dagegen, unversch\u00e4mt heiter, treibt <i>Imitation of Life<\/i>, mit feinstem Witz getarnt, als verdeckter Agent zwischen allen Fronten der von Esoterik, Nostalgie, Resignation, Zynismus oder purer Ignoranz gesch\u00fcttelten und gebeutelten, zeitgen\u00f6ssischen Kunst.<\/p>\n<div id=\"attachment_1551\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/allover-magazin.com\/?attachment_id=1551\" rel=\"attachment wp-att-1551\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1551\" class=\"size-medium wp-image-1551\" alt=\"Nick Long Jr., June Knight und Robert Taylor in Broadway Melodies of 1936.\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Abb-4-300x230.jpeg\" width=\"300\" height=\"230\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Abb-4-300x230.jpeg 300w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Abb-4.jpeg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1551\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 4: Nick Long Jr., June Knight und Robert Taylor in Broadway Melodies of 1936.<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Imitation of Life<\/i> ist der maximal verdichtete Bericht einer Expedition in die dunklen Gew\u00e4sser der Kulturindustrie, von ihrer ersten Bl\u00fcte bis in die Gegenwart. Weist der dreimin\u00fctige Animationsfilm auf der technischen Ebene in die Bl\u00fctezeit Walt Disneys, lassen sich hinsichtlich des musikalischen und narrativen Vokabulars die in die Mitte der 1930er, Anfang der 1940er Jahre zu datierenden MGM Musicalfilme als Referenzpunkte ausmachen. In einer Szene aus <i>Broadway Melodies <\/i>(Abb. 4) von 1936 beispielsweise steppen und singen June Knight alias Lillian Brent, Robert Taylor alias Robert Gordon und Nick Long Jr. alias Basil zu eben jener Melodie von Arthur Freed und Nacio Herb Brown, die Poledna f\u00fcr <i>Imitation of Life<\/i> von Bruce Broughten neu arrangieren und in den Warner Brothers Studios live und im alten Stil hat einspielen lassen. Sowohl die Techniken des analogen Animationsfilms als auch die musikalischen und formalen Strategien des Musicalfilms reanimierend, basiert <i>Imitation of Life<\/i> auf zwei mittlerweile weitgehend \u00fcberlebten Produktionsformen der Imaginationsmaschinerie Hollywoods zum Zeitpunkt der Abl\u00f6sung des Stummfilms durch den Tonfilm. Damit setzt Mathias Poledna seine seit Jahren betriebene, k\u00fcnstlerisch-arch\u00e4ologische Arbeit an den historischen, technischen und medialen Bedingungen von kulturellen Vorstellungs-, Wahrnehmungs- und Ausdrucksformen des 20. Jahrhunderts fort. Die k\u00fcnstlerische Avantgarde, die italienische Arbeiterbewegung, der Post-Punk, das Hollywood der 1930er Jahre etc. werden in Polednas Videoinstallationen ebenso zum Gegenstand der Auseinandersetzung wie die unterschiedlichen k\u00fcnstlerischen Medien der Architektur, des Designs, der Musik, des Film und der Fotografie. Die Rekonstruktion der Produktionsbedingungen k\u00fcnstlerischer und kulturindustrieller Artefakte stellt unter wechselnden historischen Brennpunkten und in Anwendung unterschiedlicher k\u00fcnstlerischer Strategien den kontinuierlichen Einsatz von Polednas Arbeiten dar.<\/p>\n<div id=\"attachment_1552\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/allover-magazin.com\/?attachment_id=1552\" rel=\"attachment wp-att-1552\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1552\" class=\"size-medium wp-image-1552\" alt=\"Mathias Poledna, A Village by the Sea, 2011.\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Abb-5-300x227.jpeg\" width=\"300\" height=\"227\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Abb-5-300x227.jpeg 300w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Abb-5.jpeg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1552\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 5: Mathias Poledna, A Village by the Sea, 2011.<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Basieren etwa die Videoinstallationen <i>Scan<\/i> (1996) oder <i>Fondazione<\/i> (1998) auf Interviews, Gespr\u00e4chen und historischen Dokumenten, deren von Poledna geleistete Kontextualisierung und Inszenierung sich als Versuch der Visualisierung von Geschichte im Moment ihrer Archivierung zu lesen gibt, ist gegen\u00fcber j\u00fcngeren Arbeiten, von <i>W<\/i>e<i>stern Recording<\/i> (2003) bis <i>A Village by the Sea<\/i> (2011), ein deutlicher Wandel hinsichtlich der angewandten k\u00fcnstlerischen Strategien festzustellen. In der 2013 in der Wiener Secession gezeigten Videoinstallation <i>A Village by the sea <\/i>(Abb. 5) sind die dokumentarischen Elemente g\u00e4nzlich aus dem projizierten Filmmaterial selbst verschwunden. Die Bildspur, schwarz-wei\u00dfes 35 mm Celluloid, brilliert im Hollywoodstil der 1930er, 1940er Jahre; auf der Tonspur verzaubert ein 30-k\u00f6pfiges Filmorchester mit dem Chanson-Klassiker von Charles Trenet und L\u00e9o Chaliac,\u00a0<i>Que-reste-t-il de nos amours<\/i>? Ein Mann und eine Frau, er im schwarzen Smoking, sie im wei\u00dfen Abendkleid, vor der Kulisse eines eigens im Stil der 1930er, 1940er Jahre rekonstruierten Interieurs, mit wei\u00dfen Lilien dekoriert und von einer n\u00e4chtlichen Skyline gerahmt, singen vom fraglichen Verbleib der Liebe. <i>A Village by the sea<\/i> artikuliert sich als akribisches Reenactment sowohl der Produktionsverfahren als auch des filmischen sowie musikalischen Vokabulars der Musicalfilme der 1930er und 1940er Jahre. Allein die Abweichungen im Verh\u00e4ltnis von Bild und Text, die raumzeitliche Transposition, die kontrastreiche Art und Weise, in der die historische Architektur der Ausstellungsr\u00e4ume und das visuelle und akustische Material der Filmarbeit sich zueinander in Beziehung gesetzt finden, distanzieren <i>A Village by the sea<\/i> von den historischen Vorbildern der 1930er und 1940er Jahre.<\/p>\n<div id=\"attachment_1553\" style=\"width: 330px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/allover-magazin.com\/?attachment_id=1553\" rel=\"attachment wp-att-1553\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1553\" class=\"size-full wp-image-1553\" alt=\"Mathias Poledna, Imitation of Life, 2013, 35mm color film, optical sound, 3:00 min, 35mm frame enlargement.\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Abb-7.jpeg\" width=\"320\" height=\"239\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Abb-7.jpeg 320w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Abb-7-300x224.jpeg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 320px) 100vw, 320px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1553\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 6: Mathias Poledna, Imitation of Life, 2013, 35mm color film, optical sound, 3:00 min, 35mm frame enlargement.<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit <i>Imitation of Life<\/i> treibt Mathias Poledna die kulturarch\u00e4ologische Mimikry schlie\u00dflich so weit, dass die inszenierte Reanimation einer weitgehend \u00fcberlebten Kulturtechnik ohne weiteres als origin\u00e4res Kind der 1930er Jahre durchgehen w\u00fcrde: ein Kuckucksei in fremder Zeiten Nester gelegt. Und die Zeit wird nie etwas anderes ausgebr\u00fctet haben als das chim\u00e4rische Wesen, halb Geschichte, halb Gegenwart, halb Produkt, halb Produzent, halb Animation, halb Animator, das aus einem Jetzt in eine Vergangenheit zur\u00fcckblickend Ausschau h\u00e4lt nach einer Antwort auf die in der Eingangszene von <i>Imitation of Life<\/i> er\u00f6ffnete Frage: \u201eHow did you get here?\u201c. Hier, der Esel im Bilderfluss von <i>Imitation of Life<\/i>? Hier, der K\u00fcnstler im Eselskost\u00fcm auf der Leinwand der Kulturindustrie? Hier, der Betrachter im Projektionsraum einer von Hollywood schematisierten Gegenwart? \u201eI\u2019ve got a feeling you\u2019re fooling\u2026\u201c, antwortet der Esel dem V\u00f6gelchen, treibt durch die m\u00e4rchenhafte Waldkulisse, ihrerseits ohne jede Orts- oder Zeitspezifik, begegnet seinem Spiegelbild, das sich kurzerhand in einen Fisch verwandelt und schlie\u00dflich in tausend Wassertropfen zerspringt, duckt sich unter Hindernissen, dreht sich im Kreis, strandet am Uferrand, dreht, wirbelt, steppt sich unter den zahllosen Blicken der Waldbewohner die Seele aus dem Leib, springt in die H\u00f6he, dreht sich um die eigene Achse, schwebt in der Luft, als w\u00e4ren die Gesetzte der Schwerkraft und der normale Lauf der Dinge f\u00fcr einen Moment au\u00dfer Kraft gesetzt, um im n\u00e4chsten Moment wieder auf dem Boden der Tatsachen zu landen, im l\u00fcckenlosen Netz der Blicke und Bilder, die seine Wirklichkeit konstituieren.<\/p>\n<div id=\"attachment_1554\" style=\"width: 330px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/allover-magazin.com\/?attachment_id=1554\" rel=\"attachment wp-att-1554\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1554\" class=\"size-full wp-image-1554\" alt=\"Mathias Poledna, Imitation of Life, 2013, 35mm color film, optical sound, 3:00 min, 35mm frame enlargement.\" src=\"http:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Abb-8.jpeg\" width=\"320\" height=\"239\" srcset=\"https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Abb-8.jpeg 320w, https:\/\/allover-magazin.com\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Abb-8-300x224.jpeg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 320px) 100vw, 320px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1554\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 7: Mathias Poledna, Imitation of Life, 2013, 35mm color film, optical sound, 3:00 min, 35mm frame enlargement.<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Antwort bleibt aus. Das Ausbleiben der Antwort ist die Antwort. Der Esel hat keine verborgene Geschichte, kein tieferes Wesen, kein h\u00f6heres Ziel. Er ist das Produkt der Bilder, aus denen er sich zusammensetzt und deren Zusammensetzung den Schein einer organischen Bewegung und Kontinuit\u00e4t erzeugt, wo allein die Gesetze der Mechanik und Diskretion herrschen. \u201eZerhackung oder Schnitt im Realen, Verschmelzung oder Flu\u00df im Imagin\u00e4ren \u2013 die ganze Forschungsgeschichte des Kinos spielte dieses Paradox durch.\u201c<a href=\"#sdfootnote2sym\" name=\"sdfootnote2anc\">2<\/a> Kein Kino ohne die Stillstellung und die Speicherung eines Moments, der aus dem Fluss der Zeit ausgeschnitten wird, um nachtr\u00e4glich und dank des stroboskopischen Effekts die Illusion einer kontinuierlichen Bewegung zu erzeugen. W\u00e4hrend im Realfilm die Kamera als Seziermesser dient, ist es im Animationsfilm der Zeichenstift. Auf dem Seziertisch liegen da wie dort die Bilder der Zeit, die einmal aus dem Fluss der Zeit, aus dem Lauf des Lebens geschnitten, beliebig wieder vern\u00e4ht werden k\u00f6nnen. Kino ist immer schon Reanimation, Imitation of Life. In <i>Imitation of Life<\/i> ist der unsichtbare Riss, der den Zauber des Kinos garantiert, maximal aufgespreizt: der enorme Arbeits-, Kosten- und Zeitaufwand, der in der Produktion von <i>Imitation of Life<\/i> steckt, ist im kurzweiligen Genuss, den das dreimin\u00fctige Trickfilmmusical gew\u00e4hrt, quasi vergessen. Quasi, denn die Wiederholung einer industriellen Produktionsform im Raum und nach den Regeln der ach so kritischen, zeitgen\u00f6ssischen Kunst bringt das f\u00fcr den Zauber eben dieser Produktionsform konstitutive Vergessen zumindest mit zur Erscheinung. Jedenfalls sorgt die keineswegs ironische Inszenierung f\u00fcr Irritation: Hello, how did we get here?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Selbst wer die Arbeitsweise Mathias Polednas nicht kennt, wird <i>Imitation of Life<\/i> kaum als blo\u00df nostalgische Replik an die goldene \u00c4ra Walt Disneys abtun k\u00f6nnen. Der Retrogenuss, den <i>Imitation of Life<\/i> ohne Zweifel auch gew\u00e4hrt, stellt sich nicht ohne Unbehagen ein. Der Stachel sitzt schon im Titel der Arbeit, in der aus dem Zusammenhang gerissenen, eigent\u00fcmlich zeit- und kontextlosen Narration, in der Ambivalenz der zwischen tierischen und menschlichen Attributen oszillierenden Eselsfigur, im kinematografischen Effekt eines doppelten Subjektivierungsprozesses von Filmfigur und FilmbetrachterIn und der damit verbundenen Identifikation. Wer m\u00f6chte sich denn w\u00fcnschen in der Haut des Esels zu stecken? Orientierungs-, geschichts- und bewusstlos im Fahrwasser des kinematografischen Stromes treibend, von unsichtbaren H\u00e4nden gezeichnet, von einem unsichtbaren Orchester dirigiert, von einem unsichtbaren Apparat in Bewegung versetzt? <i>Imitation of Life <\/i>\u2013 und welches Medium w\u00fcrde sich besser eignen als der Animationsfilm, um ein \u201aLeben\u2018 vorzuf\u00fchren, das g\u00e4nzlich nach der Feder einer au\u00dferhalb seiner selbst liegenden Kraft tanzt \u2013 dr\u00e4ngt sich als allegorisches Portr\u00e4t des von Hollywood programmierten <i>homo consumens<\/i> auf, der nicht viel mehr ist und ausrichten kann als ein armer Esel im Niemandsland einer filmgewordenen Welt. Im Prozess der hegemonialen Installation eines televisuellen Systems, im Prozess der globalen Synchronisierung der Bilder- und Bewusstseinsstr\u00f6me, im Prozess der Industrialisierung der Einbildungskraft selbst, markiert die Kulturindustrie nach Adorno und Horkheimer das Ende der Geschichte des mit einem individuellen Bewusstsein begabten, selbstbestimmten Subjekts.<a href=\"#sdfootnote3sym\" name=\"sdfootnote3anc\">3<\/a> Als perspektivenloser Zyklop, everybody und nobody im everywhere und nowhere des kulturindustriellen Bildraums, sind dem zeitgen\u00f6ssischen Subjekt namens KonsumentIn alle Fluchtwege versperrt.<a href=\"#sdfootnote4sym\" name=\"sdfootnote4anc\">4<\/a> Der Fluchtpunkt m\u00f6glicher Individuationen ist nichts als ein weiteres Trugbild, Hocus-pocus, vom Markt in aller Augen gestreut, um die Frustration in Grenzen und die Maschine am Laufen zu halten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eHocus-pocus in your Eyes\u2026\u201c, singt der Esel\u00a0im Matrosenanzug in <i>Imitation of Life<\/i>, 2013, singt Robert Taylor im schwarzen Smoking in <i>Broadway Melodies<\/i>, 1936, w\u00e4hrend auf der Leinwand, da wie dort, in Venedig, in Los Angeles, Hollywood seinen Zauber entfaltet. Dort wird der amerikanische Traum Wirklichkeit, die Wirklichkeit Film, dort wird im wei\u00dfen R\u00fcschenkleid auf gl\u00fchenden Kohlen durch blitzblank polierte Balls\u00e4le getanzt, geflirtet, bezirzt, bet\u00f6rt, als g\u00e4be es kein Morgen und vor allem kein Au\u00dferhalb der Filmkulisse. Da treibt der Esel im wei\u00dfen Matrosenanzug mit den blauen Streifen und dem roten Halstuch im Fahrwasser der Kulturindustrie, strandet am Uferrand des Bilderstroms, steppt um sein imitiertes Leben. Da kehrt der Esel den tausend Blicken, die auf ihn gerichtet sind, den Blicken der Rehe, Rebh\u00fchner und Stinktiere, den Blicken der BetrachterInnen, den R\u00fccken, schreitet mit h\u00e4ngenden Schultern in die horizontlose Tiefe der Waldkulisse. Da flattert, zwitschert und zwinkert das V\u00f6gelchen im blauwei\u00dfen Federkleid mit dem gelben Brustfleck ein letztes Mal an ihm vorbei, da wendet der Esel sein Eselshaupt, vollf\u00fchrt seinen letzten Tanzschritt, rei\u00dft die Eselsarme und -augen weit auf. Da schlie\u00dft sich das Leinwandauge f\u00fcr drei\u00dfig Sekunden, da treibt im nachtschwarzen Meer der Pupille verschwommen ein Nachbild, ein schlafendes Untier, ein Zyklop in der Zeitschleife, a message in a bottle:\u201eI\u2019ve got a feeling it\u2019s all a frame, It\u2019s just the well known old army game, foolin\u2019 with you\u2026\u201d<\/p>\n<div style=\"font-size: 0.8em;\">\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div id=\"sdfootnote1\" style=\"text-align: justify;\">\n<p><a href=\"#sdfootnote1anc\" name=\"sdfootnote1sym\">1<\/a>\u0002 Vgl. das Kapitel zur Kulturindustrie in Max Horkheimer\/Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufkl\u00e4rung. Philosophische Fragmente (1947), Frankfurt\/M. 2003, S. 128-177. Die Trickfilme, \u201eeinmal Exponenten der Phantasie gegen den Rationalismus\u201c sind nach Adorno und Horkheimer schon 1947 zur blo\u00dfen Best\u00e4tigung des \u201eSieg[es] der technologischen Vernunft \u00fcber die Wahrheit\u201c verkommen: \u201eSofern die Trickfilme neben der Gew\u00f6hnung der Sinne ans neue Tempo noch etwas leisten, h\u00e4mmern sie die alte Weisheit in alle Hirne, da\u00df die kontinuierliche Abreibung, die Brechung allen individuellen Widerstandes, die Bedingung des Lebens in dieser Gesellschaft ist. Donald Duck in den Cartoons wie die Ungl\u00fccklichen in der Realit\u00e4t erhalten ihre Pr\u00fcgel, damit die Zuschauer sich an die eigenen gew\u00f6hnen.\u201c Ebd., S. 146f.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote2\" style=\"text-align: justify;\">\n<p><a href=\"#sdfootnote2anc\" name=\"sdfootnote2sym\">2<\/a>\u0002 Friedrich Kittler, Grammophon. Film. Typewriter, Berlin 1986, S. 187.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote3\" style=\"text-align: justify;\">\n<p><a href=\"#sdfootnote3anc\" name=\"sdfootnote3sym\">3<\/a>\u0002 Als essentiell zeitliches Ph\u00e4nomen konstituiert sich das Bewusstsein von Kant bis Husserl und dar\u00fcber hinaus im komplexen, von der Einbildungskraft schematisierten Zusammenspiel von sinnlicher Rezeption und verstandesm\u00e4\u00dfiger Apperzeption. Die von der Einbildungskraft geleistete Schematisierung stellt die Einheit zwischen Sinnlichkeit und Verstand und damit die Einheit des Bewusstseins selbst her. Im Prozess der Industrialisierung der Einbildungskraft wird dem Individuum nach Adorno und Horkheimer seine grundlegende, wesensbestimmende Funktion abgenommen. Resultat der Industrialisierung der Einbildungskraft ist das sich selbst entfremdete, bewusstlose Subjekt unter Anf\u00fchrungszeichen, das erstens der totalen Kontrolle des televisuellen Regimes ausgeliefert und zweitens nach Belieben programmierbar ist. Vgl. Adorno\/Horkheimer, a. a. O., S. 132f.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote4\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#sdfootnote4anc\" name=\"sdfootnote4sym\">4<\/a>\u0002 Vgl. Bernard Stiegler, Technics and Time, 3, Cinematic Time and the Question of Malaise, Stanford 2011, S. 4f.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eHello, how did you get here?\u201d, zwitschert das V\u00f6gelchen im blauwei\u00dfen Federkleid dem schlafenden Esel ins Ohr, seinerseits Held oder Antiheld des dreimin\u00fctigen, handgefertigten Animationsfilms Imitation of Life des \u00f6sterreichischen K\u00fcnstlers Mathias Poledna. 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