{"id":1542,"date":"2013-10-06T22:23:02","date_gmt":"2013-10-06T20:23:02","guid":{"rendered":"http:\/\/allover-magazin.com\/?p=1542"},"modified":"2013-10-17T14:26:46","modified_gmt":"2013-10-17T12:26:46","slug":"die-schrift-als-instrument-der-erkenntnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/allover-magazin.com\/?p=1542","title":{"rendered":"Die Schrift als Instrument der Erkenntnis*"},"content":{"rendered":"<p>Als Ferdinand de Saussure die Sprache mit einem Schachspiel verglich, so um die Horizontalit\u00e4t und die Gegenw\u00e4rtigkeit seines Gegenstandes im Unterschied zur Vertikalit\u00e4t einer historisch ausgerichteten, evolutionistischen Sprachwissenschaft zu betonen. Bei diesem Vergleich war ihm nicht aufgefallen, dass er mit dem Schach \u2013 dem strategischen Positionsspiel par exellence \u2013 ein Bild verwendet hatte, das sich nicht so sehr auf gesprochene Sprache, als vielmehr auf die Schrift bezog, die ebenfalls mit der Verteilung von Elementen auf einer Fl\u00e4che operiert. F\u00fcr de Saussure, ebenso wie f\u00fcr seine NachfolgerInnen in den strukturalistischen Denkrichtungen, war die Schrift nichts anderes als die Aufzeichnung des gesprochenen Wortes und daher kein eigentliches Medium.<\/p>\n<p>Die Philosophin Sybille Kr\u00e4mer hingegen versucht die Reduktion der Schrift auf ihre phonographische Dimension aufzubrechen, indem sie die Schrift als Medium sui generis thematisiert. Sie betont die Autonomie der Schrift gegen\u00fcber der gesprochenen Sprache, die sie vor allem mit der Ikonizit\u00e4t der Schrift begr\u00fcndet. Demnach besitzt Schrift als visuelles Medium, das sich in einem Fl\u00e4chenraum ausbreitet, eine topologische Dimension, die \u00fcber die gesprochene Sprache hinausweist.<\/p>\n<p><i>Sehr geehrte Frau Kr\u00e4mer, Sie haben die Ikonizit\u00e4t der Schrift als Forschungsgegenstand \u00fcberhaupt erst begr\u00fcndet. K\u00f6nnen Sie uns zur Einf\u00fchrung die f\u00fcr ihr Denken so zentralen Begriffe von Schriftbildlichkeit bzw. operativer Bildlichkeit erl\u00e4utern <\/i><\/p>\n<p>Was ist Schrift? Ist die Antwort darauf nicht allzu selbstverst\u00e4ndlich? Schrift, das ist doch aufgeschriebene Sprache. Denn kaum gesagt, ist ein Wort, ein Satz auch schon verflogen. Doch niedergeschrieben, bleibt die Sprache stehen: Ihre Fl\u00fcchtigkeit ist gebannt. Wir k\u00f6nnen den aufgeschriebenen Satz aufbewahren und sp\u00e4ter wieder lesen, wir k\u00f6nnen ihn umformulieren, wir k\u00f6nnen ihn durchstreichen \u2026Keine Frage also: Das Entscheidende an der Schrift ist, dass sie die Sprache aufbewahrt. Und das kann die Schrift weil sie eine Form, eine besondere Form von Sprache ist: eben eine r\u00e4umlich fixierte Sprache, die das m\u00fcndliche Sprechen wieder gibt.<\/p>\n<p>Aber ist das die ganze Geschichte, die \u00fcber die Produktivit\u00e4t von Schriften zu erz\u00e4hlen ist? Was geschieht, wenn wir ein Kreuzwortr\u00e4tsel oder auch ein Sudoku l\u00f6sen? Was bedeutet es, schriftlich zu rechnen? Was machen KomponistInnen, die Musik notieren, ProgrammiererInnen, die ein Programm entwerfen, ChemikerInnen, die eine chemische Formel entdecken? Haben diese T\u00e4tigkeiten etwas mit der Lautsprache zu tun? Findet das, was Komponisten und Choreographen, Rechner und Programmierer schriftlich aufsetzen, ein Analogon im Sprechen? Und bezogen auf gew\u00f6hnliche Texte: Wie verh\u00e4lt es sich mit den Satzzeichen, mit Wortabst\u00e4nden, mit Gedankenstrichen, mit Anf\u00fchrungszeichen, mit \u00dcberschriften, Fu\u00dfnoten und mit der Gro\u00df- und Kleinschreibung? Alles dies sind Ph\u00e4nomene, f\u00fcr die wir in der gesprochenen Sprache keine Entsprechung finden. Wollen wir durchmessen, worin das eigensinnige und kreative Potenzial im Gebrauch der Schrift liegt, so m\u00fcssen wir uns l\u00f6sen von dem Vorurteil eines \u201aphonographischen Dogmas\u2018, welches besagt, dass Schrift r\u00e4umlich fixiertes Sprechen ist. Vielmehr sind Schriften Hybride aus Sprache und Bild, bei denen sich Eigenschaften des Diskursiven und des Ikonischen, des Sagens und des Zeigens miteinander verbinden.<\/p>\n<p>Es ist der Begriff \u201aSchriftbildlichkeit\u2018, der nun ein Forschungsprogramm akzentuiert, welches das phonographische Vorurteil, Schrift sei ein sekund\u00e4res System, bezogen auf die Sprache als dem prim\u00e4ren System, zugunsten eines erweiterten Schriftkonzeptes \u00fcberschreitet. Sprechen vollzieht sich in der einlinigen Dimension der Zeit, es ist linear. Doch Schriften brechen mit dem Linearit\u00e4tsprinzip, denn \u2013 in der einen oder anderen Weise \u2013 nutzen sie die Zweidimensionalit\u00e4t, die Simultaneit\u00e4t der Fl\u00e4che aus: Das gilt f\u00fcr jedwede Schrift, die beides, sowohl die rechts\/links Richtung der Horizontalen, wie die oben\/unten Richtung der Vertikalen nutzt. Das gilt erst recht f\u00fcr Kreuzwortr\u00e4tsel, f\u00fcr Partituren, f\u00fcr schriftliche Rechenverfahren oder f\u00fcr Konventionen wie Kapitel\u00fcberschriften, Fu\u00dfnoten und Inhaltsverzeichnisse. Damit ist ein stabiler Schriftraum entstanden, der nicht nur Sachverhalte darstellt, sondern der auch ein Operations- und Laborraum ist. Denn Schriften sind Anordnungen, die immer auch anders angeordnet werden k\u00f6nnen. Das gilt nicht nur f\u00fcr die Buchstabenkinderspiele, bei denen wir \u201aLagerregal\u2018 fasziniert vorw\u00e4rts und r\u00fcckw\u00e4rts lesen oder aus dem \u201aSarg\u2018 einfach \u201aGras\u2018 werden lassen. Sondern das gilt erst recht f\u00fcr kognitive T\u00e4tigkeiten wie logische Deduktionen, schriftliches Rechnen, das Formalisieren in der Mathematik, bei denen die regelhafte Manipulation von Zeichen zugleich kognitive T\u00e4tigkeiten vollziehen. Schriften k\u00f6nnen (auch) Werkzeuge, besser: Denkzeuge sein, ohne die viele Verfahren des Probleml\u00f6sens und des Beweisens in den Wissenschaften erst gar nicht realisierbar w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Doch nicht nur das. Schriften sind auf sublime Art auch an der Erzeugung von intellektuellen Gegenst\u00e4nden beteiligt. Gibt es die Zahl Null, ehe die Ziffer \u201a0\u2018 als Element eines dezimalen Notationssystems eingef\u00fchrt wurde? Gibt es Geld, ehe es mit Zahl, Schrift und Bild gepr\u00e4gte M\u00fcnzen oder Papiergeld gibt? Oder ins Soziale gewendet: Gibt es das Gesetz ohne das Schriftst\u00fcck seiner Inauguration?<\/p>\n<p><i>Indem Sie ihre Fl\u00e4chenr\u00e4umlichkeit und Visibilit\u00e4t betonen scheint die Schrift in unmittelbare N\u00e4he des Bildlichen ger\u00fcckt, und der klassische kategoriale Antagonismus von Sprache und Bild, von Diskursivem und Ikonischem in der Schrift aufgehoben zu sein. Inwiefern lassen sich Schrift und Bild dann noch differenzieren?<\/i><\/p>\n<p>Mit Bildern teilen Schriften nicht nur die Sichtbarkeit, sondern auch die r\u00e4umliche Sonderform der Fl\u00e4chigkeit. Haben wir also, was Schrift ist, von der Sprache abgel\u00f6st, um sie der Seite des Bildlichen nun einfach zuzuschlagen? Wenn Schriften Hybride von Sprache und Bild sind, bedeutet dies: Sie vereinigen Attribute beider Seiten in sich. Dadurch entsteht eine Artikulations- und Darstellungsform ganz eigener Signatur, f\u00fcr deren Potenzial es weder bei der Sprache noch bei den Bildern ein Analogon gibt. Der Unterschied zu Bildern liegt auf der Hand: Schriften bed\u00fcrfen der Leere und der L\u00fccke; w\u00fcrden gedruckte Buchstaben so weit zusammenger\u00fcckt, dass schlie\u00dflich eine einzige schwarze Fl\u00e4che entsteht, so haben wir zwar ein monochromes Bild gewonnen, aber daf\u00fcr die Schrift und den Text verloren. Ohne die als Hintergrund sich bewahrende Leere, auch keine Inskription. W\u00e4hrend Bilder stets ein Kontinuum verk\u00f6rpern, bei denen alles, was auf der Bildfl\u00e4che zu sehen ist, zugleich Element des Bildes ist, sind Schriften diskret organisiert: Sie setzen sich aus einem Repertoire kombinierbarer Grundzeichen zusammen, die in ihrer Einzelgestalt jeweils identifizierbar bleiben m\u00fcssen und L\u00fccken lassen. Der Raum der Schrift ist zwischenr\u00e4umlich organisiert.<\/p>\n<p><i>Sie k\u00f6nnen sich einerseits auf Derridas grammatologische Dekonstruktion mit ihrer anti-phonozentrischen Ausrichtung berufen, andererseits aber kritisieren sie seinen Ansatz als nicht weitreichend genug.<\/i><\/p>\n<p>Derrida hat mit fast absolutistischer Geste die Schrift ins Zentrum der Semiosis ger\u00fcckt und als Movens abendl\u00e4ndischer Episteme gedeutet und im gleichen Zuge eben diesem abendl\u00e4ndischen Denken einen Phonozentrismus unterstellt. Und \u201aPhonozentrismus\u2018 hei\u00dft f\u00fcr Derrida: Insofern die Schrift nur als ein sekund\u00e4res, auf die Stimme referierendes Symbolsystem thematisch wird, wird die m\u00fcndliche Sprache im abendl\u00e4ndischen Denken zum archimedischen Punkt verkl\u00e4rt. Die Stimme gilt als verk\u00f6rperter B\u00fcrge einer Selbstpr\u00e4senz und Selbsttransparenz des Bewusstseins.<\/p>\n<p>Doch \u00fcbersieht Derridas Phonozentrismuskritik nicht den impliziten Skriptizismus unserer Geistesgeschichte? Alle Wissenschaften, inklusive der Mathematik und der Logik, sind auf schriftliche Notationen angewiesen und die Physiognomie westlicher Kunst \u2013 denken wir an die Choreographie beim Tanz oder die Notenschrift musikalischer Komposition, vom \u201aSchriftsteller\u2018 und der Literatur ganz zu schweigen \u2013 ist gepr\u00e4gt und infiltriert von den Potenzialen der Aufschreibtechniken. Gerade weil der bereits existierende implizite Skriptizismus mit Derridas Auszeichnung der Schrift als dem Mutterboden aller Zeichen explizit gemacht wird, konnte seine Grammatologie solche Wirkm\u00e4chtigkeit erlangen. Wenn aber Derrida dabei das Verh\u00e4ltnis von Sprache und Schrift zum alles entscheidenden Mittelpunkt der Episteme macht und \u2013 ob er das wollte oder nicht \u2013 eine Umkehrung dieses Verh\u00e4ltnisses evoziert, indem jetzt die Schrift zur Bedingung der M\u00f6glichkeit von Sprache wird: Bleibt er dann nicht sublim dem <i>linguistic turn<\/i> verhaftet, der die Sprachlichkeit zum Zentrum unseres Selbst- und Weltverh\u00e4ltnisses macht \u2013 auf Kosten der Marginalisierung der Bilder?<\/p>\n<p><i>Inwieweit sind Sie mit dem Konzept der Schriftbildlichkeit \u00fcber Derrida hinausgegangen?<\/i><\/p>\n<p>Ist die Schrift als Zwitter aus Sprache und Bild in ihren ikonischen, weil auf R\u00e4umlichkeit, Visualit\u00e4t und Taktilit\u00e4t ausgerichteten Aspekten, nicht gerade eine Sachwalterin einer Bildlichkeit inmitten unserer kommunikativen und kognitiven Praktiken? Scheut Derrida zur\u00fcck vor dem Denken des Bildes?<\/p>\n<p>Jedenfalls: Die Grammatologie kann nicht das letzte Wort sein. Wir m\u00fcssen sie zu einer Diagrammatologie erweitern. Erst die j\u00fcngst entstehende Bildwissenschaft, welche die Bilder aus der musealen Einhegung als Kunstbilder befreit und sie in Gestalt von Diagrammen, Fotos, Skizzen, Karten als hervorragende Erkenntnisinstrumente aufdeckt, macht klar, welche sch\u00f6pferischen und eben nicht nur illustrierenden Funktionen Bildern im Erkennen zukommen.<\/p>\n<p><i>In Ihrer Arbeit ist ein starker interdisziplin\u00e4rer Ansatz zu bemerken. So beziehen Sie etwa Themenbereiche aus der Wissenschaftsgeschichte, der Diagrammatik, der Philosophie und der Naturwissenschaften mit ein. Wie w\u00fcrden Sie die Notwendigkeit dieses Vorgehens begr\u00fcnden? <\/i><\/p>\n<p>Es ist eine \u201aBerufskrankheit der Philosophie\u2018, Begriffe zur Beschreibung der Welt mit der Welt selbst zu identifizieren. Begriffe sind Menschenwerk; sie sind vorl\u00e4ufige, ver\u00e4nderliche Antworten auf gewisse theoretische Probleme. Doch Begriff und Ph\u00e4nomen sind zu unterscheiden: Ph\u00e4nomene sind stets reicher als unsere Begriffe. Und doch ben\u00f6tigen wir diese klassifizierende, ja auch definierende begriffliche Vergewisserung. Philosophie ist v\u00f6llig zu Recht: die Arbeit am Begriff, die Kreation von Begriffen. Doch eben diese bedarf der Tuchf\u00fchlung mit den Ph\u00e4nomenen und damit auch den Wissenschaften, die um Beschreibung und Erkl\u00e4rung dieser Ph\u00e4nomene ringen. Begriffe sind nur so gut, wie sie es erlauben Ph\u00e4nomene zu erschlie\u00dfen oder auf neue Art zu sehen. Einer der mich gegenw\u00e4rtig besch\u00e4ftigenden Begriffe ist die Diagrammatik. Wir nutzen fl\u00e4chige, r\u00e4umliche Relationen, um damit theoretische Zusammenh\u00e4ngen zu er\u00f6rtern und zu begr\u00fcnden. Die Diagrammatik ist nicht einfach die Lehre vom Gebrauch der Schaubilder f\u00fcr Erkenntniszwecke; vielmehr zeigt sie, wie die schematischen Bilder von Graphen, Diagrammen und Karten unmittelbar in die Erzeugung von Wissen intervenieren.<\/p>\n<p><i>Auch die Forschungsarbeit am Graduiertenkolleg, <\/i>Schriftbildlichkeit, \u00dcber Materialit\u00e4t, Wahrnehmbarkeit und Operativit\u00e4t von Notationen<i>, an der Freien Universit\u00e4t Berlin will die M\u00f6glichkeiten eines \u201eikonisch-lautsprachenneutralen Schriftkonzepts\u201c untersuchen und stellt die Schrift als visuelles Ph\u00e4nomen in den Mittelpunkt. Wie w\u00fcrden Sie die Zielsetzungen des Forschungskollegs definieren?<\/i><\/p>\n<p>Noch in der Diskussion \u00fcber Oralit\u00e4t und Literalit\u00e4t im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts galt die Schrift \u2013 wie schon in der klassischen Tradition \u2013 als eine fixierte Form von Sprache. Dieses sprachzentrierte Schriftkonzept ist eurozentrisch, denn es marginalisiert die kommunikative und kognitive Funktion nicht alphabetischer Schriften. Es \u00fcbersieht zugleich, dass Schriften immer schon auf nichtsprachliche Gegenst\u00e4nde verweisen, denken wir nur an Zahlenschriften, Notenschriften, chemische Formeln und \u00fcberhaupt formale Sprachen, die tats\u00e4chlich ja formale Schriften sind. Das galt auch f\u00fcr das griechische Alphabet, das nicht nur Sprachlaute, sondern auch Zahlen und musikalische T\u00f6ne repr\u00e4sentierte. Nicht zuletzt gibt es ideographische, also lautsprachenunabh\u00e4ngige Aspekte auch bei alphabetischen Schriften selbst, denken wir an die Satzzeichen, Klein- und Gro\u00dfschreibung, an Abs\u00e4tze, die Aufteilung von Flie\u00dftext und Fu\u00dfnoten etc. In j\u00fcngeren Einzelstudien wurden diese ideographischen \u2013 und eben nicht: phonographischen \u2013 Aspekte durchaus sondiert. Doch es fehlte eine methodische B\u00fcndelung all dieser Ans\u00e4tze. Eben dies will das Graduiertenkolleg <em>Schriftbildlichkeit<\/em> bewirken. Es zielt auf einen Perspektivenwechsel hin zu einem lautsprachenneutralen Schriftkonzept: Schrift wird nicht mehr als aufgeschriebene m\u00fcndliche Sprache definiert, sondern als ein Symbolsystem sui generis, das durch die materialen Merkmale der Wahrnehmbarkeit, Referenzialit\u00e4t und der Operativit\u00e4t charakterisiert ist: In ihrer sinnlichen Wahrnehmbarkeit und Pr\u00e4senz sind Schriften diskrete Symbolsysteme. Diese m\u00fcssen auf etwas au\u00dferhalb der Schrift verweisen; ohne dieses Au\u00dferhalb werden Schriften zum blo\u00dfen Ornament. Der wichtigste Aspekt aber ist die Operativit\u00e4t: Schriften sind nicht nur ein Medium zur Darstellung von etwas, sondern allererst ein kreatives Medium zur Hervorbringung von etwas. Gibt es die Idee der Grammatik und damit der grammatischen Korrektheit im Sprechen, bevor die phonetischen Schriften die fl\u00fcchtige m\u00fcndliche Sprache als stabile r\u00e4umliche Anordnung beobachtbar und in grammatische Einheiten zerlegbar machten? Schriften also referieren nicht einfach auf etwas ihnen Vorgegebenes, sondern bringen dieses durch den Akt der Inskription hervor.<\/p>\n<p>Zugleich macht dieser operative Aspekt klar, dass die Idee der Schriftbildlichkeit nicht nur die Visualit\u00e4t, vielmehr die Sinnlichkeit der Schrift gerade auch in ihren taktilen Dimensionen betont. Die Schrift ist nicht nur ein Kommunikationsmedium, sondern auch ein Kognitionsmittel, denken wir nur an das schriftliche Rechnen. Jeder Wissenschaftler und jede Wissenschaftlerin, jeder Schriftsteller und jede Schriftstellerin wei\u00df: Das Schreiben und Korrigieren des Geschriebenen ist der Laborraum des Gedankens.<\/p>\n<p><i>Sie haben in den fr\u00fchen 1990er Jahren begonnen, ausgehend von Ihrem Interesse in den Bereichen von Wissenschafts- und Technikgeschichte, sich mit der Frage nach der spezifischen Medialit\u00e4t von Schrift zu besch\u00e4ftigen, bis Sie dann 1996 in einem Aufsatz direkt fragen: \u201eIst Schrift verschriftlichte Sprache?\u201c Gab es in der Konstituierung Ihres Forschungsgegenstandes <\/i>Schriftbildlichkeit<i> einen bestimmten Ausl\u00f6ser?<\/i><\/p>\n<p>Ja, der Ausl\u00f6ser ist ganz klar die Mathematik. Wie kann man Schriften definieren dadurch, dass sie Sprache aufschreiben, wenn das wirkm\u00e4chtige Instrument der Zahlenschrift und der mathematischen Operationszeichen in seinem Schriftcharakter dann schlichtweg \u00fcbersehen oder gar negiert werden muss? Am dezimalen Positionssystem, das indische Mathematiker entdeckten und arabische Gelehrte nach Europa brachten, machte ich eine interessante Entdeckung: Die R\u00f6mer etwa trennten Zahlendarstellung und Rechnen, insofern mit ihrer Zahlenschrift nicht zugleich komplexer schriftlich gerechnet werden konnte; dazu brauchten sie einen Abakus oder ein Rechenbrett. Ganz anders das indische dezimale Positionssystem, bei dem die Zahlenschrift zugleich das Recheninstrument bildet. Diese Synthese von Symbol und Technik, die im Kalk\u00fclcharakter des Positionssystem wurzelt, wird bewerkstelligt durch einen neuartigen Typ von \u201astummer\u2018, von \u201aoperativer Schrift\u2018, die im fr\u00fchneuzeitlichen Europa die Wissenschaften, aber auch den Alltag durchdrang. Es ist das, was wir unter einer \u201aFormel\u2018 verstehen, bei der sich Konstruktion und Interpretation voneinander abl\u00f6sen. Indem das Rechnen formal wurde, konnte es zu einer lehr- und lernbaren Kulturtechnik avancieren. Der Sieg des fr\u00fchneuzeitlichen Handelskapitalismus ist ohne diese Kulturtechnik schriftlichen Rechnens undenkbar. Es waren die Medici, die ihre Buchhaltung erstmals von r\u00f6mischen auf die indischen Ziffern umstellten, und der Rechenmeister Adam Riese, der das indische Ziffernrechnen lehrte, ist uns als Name allseits bekannt.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich \u2013 die Erfindung des Bin\u00e4ralphabets durch Leibniz verweist schon darauf \u2013 ist diese Synthese von Symbol und Technik in Gestalt der operativen Schrift der N\u00e4hrboden der Digitalisierung und der Computerisierung. Die Turingmaschine, die den herk\u00f6mmlichen Computern zugrunde liegt, ist ein Formalismus, eine Schrifttabelle. Der Computer erweist sich also \u2013 seiner N\u00fctzlichkeit als Visualisierungsmedium zum Trotz \u2013 als eine Schriftmaschine. Mit dem \u201aLink\u2018, der neuartigen Form einer autooperativen, sich selbst bewegenden Schrift, ohne welche das Internet undenkbar ist, werden wir Zeugen einer aufschlussreichen Fortbildung der Schrift. Konnte Platon noch sagen: Wenn ich einen Text befrage, sagt er mir immer dasselbe, wird es nun mit dem Computer m\u00f6glich, Zeit in die r\u00e4umlichen Anordnungen der Schrift zu implementieren. Daraus entsteht das Instrument der Computersimulation, das heute eine dritte \u201aS\u00e4ule\u2018 neben dem Experiment und der Theorie in den Wissenschaften abgibt.<\/p>\n<p>Wenn also f\u00fcr mich die Einsicht in den operativen Charakter der Zahlenschrift eine Initialz\u00fcndung gewesen ist, dann f\u00fchrt diese Einsicht bis hin zu den mit der Digitalisierung verbundenen Ph\u00e4nomenen. Diese zeigen uns, dass und wie der Begriff der Schrift sich theoretisch fortbilden kann.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><strong>Sybille Kr\u00e4mer<\/strong> ist seit 1989 Professorin f\u00fcr theoretische Philosophie am Institut f\u00fcr Philosophie, Freie Universit\u00e4t Berlin. Seit 2010 ist sie Mitglied im\u00a0DFG gef\u00f6rderten Graduiertenkolleg 1539: &#8216;Sichtbarkeit und Sichtbarmachung&#8217; an der Universit\u00e4t Potsdam. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Grundlagenfragen der Kulturphilosophie sowie Philosophie des Bildes, der Diagrammatik und der Schrift.\u00a0<a href=\"#sdfootnote1anc\" name=\"sdfootnote1sym\"><\/a><\/p>\n<div style=\"font-size: 0.8em;\">\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<p lang=\"de-DE\">*Das vorliegende Gespr\u00e4ch fand am 3. Juli 2013 per E-Mail statt.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Ferdinand de Saussure die Sprache mit einem Schachspiel verglich, so um die Horizontalit\u00e4t und die Gegenw\u00e4rtigkeit seines Gegenstandes im Unterschied zur Vertikalit\u00e4t einer historisch ausgerichteten, evolutionistischen Sprachwissenschaft zu betonen. 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